Von Traumwelten und Gentlemen

Eine moderne Frau in der feinen Gesellschaft von gestern – kann das gutgehen?
Charlottes (wirklich sehr attraktiver) Chef David macht ihr das Leben zur Hölle. Sie zankt mit ihm und offenbar trägt das dazu bei, die beiden Streithähne in das Jahr 1813 zu schleudern – vom Rhein an die Themse. Nun könnte Charlotte sich freuen, schwärmt sie doch insgeheim für Mr. Darcy und ist zudem eine profunde Kennerin der Moden und Gebräuche der britischen Regentschaftszeit. Es sollte ihr mühelos gelingen, sich durchzuschlagen.
Dumm nur, dass David mit ihr durch die Zeit gefallen ist und sie nur gemeinsam die Dinge erlangen können, die zu allen Zeiten am wichtigsten sind: Geld, Kleidung, Papiere, Brot und Wein.
Eine Reise beginnt, in deren Verlauf das ungleiche Paar frechen Gecken, einer berühmten Autorin, einem herzensguten Boxer und liebenswürdigen Nachbarn begegnet. Und ganz vielleicht auch der großen Liebe …


Mr. Darcy – meine Liebe auf ewig!


„Lottchen, das geht so nicht weiter!«
Großartig, nun ging das Theater los. »Nenn mich nicht Lottchen, ich mag -«
»Wie sonst? Charlotte wohl kaum, das hieße ja, ich nähme dich ernst. Es ist zu albern, wirklich!«
Sarah fiel Albertine ins Wort: »Sieh dich nur einmal an! Du solltest nicht alleine leben, das tut dir nicht gut. Nichts als Arbeit, Sport und Bücher!«
Wahrscheinlich habe ich da mein ›Alle irre hier‹-Gesicht aufgesetzt. Auf alle Fälle konnte ich mich nicht enthalten, meine Freundinnen mit leisem Spott darauf hinzuweisen, dass wir uns zu unserem Literatur-Abend in diesem Teehaus versammelt hatten; ich hielte es wirklich nicht für angebracht, so formulierte ich wohlüberlegt und von oben herab, mir das Lesen von Büchern vorzuwerfen. Im Gegenteil fände ich es passend, wenn auch meine ach so besorgten Freundinnen ihre Nasen wieder einmal in eines stecken würden. »Ganz ehrlich, das Zeug, das ihr in letzter Zeit angeschleppt habt, ist kaum als Literatur zu bezeichnen.«
Es freute mich, dass zumindest Ute und Albertine auf ihre Teller blickten und sich mit ihren Salaten anstatt mit meinem Liebesleben beschäftigten. Zumal diese Salate deutlich aufregender waren.
Sarah allerdings war mit Vorwürfen nicht zu beeindrucken. »Und wenn schon! Dann lese ich eben gerne Zeugs, in dem schüchterne Buchhändlerinnen und heiße Millionäre sich verlieben. Du willst nicht wirklich behaupten, es ginge bei Jane Austen um anderes?«
Darf ich noch einmal erwähnen, dass wir vier uns zu unserem Literatur-Abend trafen? Literatur! Das heißt, man sucht sich einen Roman nicht danach aus, auf welchem Cover die meisten Muskeln gezeigt werden! »Sarah! Jane Austen hat keine Liebesschmonzetten geschrieben, sondern wunderbar fein gezeichnete und ironisch gebrochene Betrachtungen ihrer Gesellschaft! Da geht es um menschliche Beziehungen, um gesellschaftliche Erwartungen und persönliches Glück, verpackt in eine Sprache, die dahingleitet und nachklingt! Dazu ist sie die erste moderne Autorin, die fast schon in filmischen Szenen geschrieben hat! Du willst ihre Werke nicht mit deinen seichten Liebesromanen vergleichen, wirklich nicht!«
Ich griff nach ihrer Tasche und zog den Band heraus, den sie ernsthaft zur nächsten Besprechung vorgeschlagen hatte. Gut, es war kein Erotikschinken, das nicht, aber was kann ich erwarten von einem Roman, der Das Blumenlädchen in der Bretagne heißt? Sicher, das Titelbild sah einladend aus, aber inhaltlich? Ich blätterte hinein und las die ersten Zeilen laut vor. Das war nicht Jane Austen, wirklich nicht. Es war … nun ja, es war ganz nett. Lustig irgendwie und gar nicht so schlecht geschrieben. Aber dennoch, an einen Roman wie Stolz und Vorurteil kam es nicht heran!
Sarah nahm mir das Buch aus der Hand, streichelte über dessen Vorderseite und steckte es zurück in ihre Tasche. »Dumme Nuss, es soll auch gar nicht an die große Literatur herankommen, es soll dir an einem scheußlichen Tag Ablenkung schenken, damit du nicht losgehst, deine Gören verkaufst und deinen Mann erschlägst. Und nun behaupte, das sei nichts wert!«
Mit Sarahs Ehe steht es nicht zum Besten und ich bin eine taktvolle Person, die ihre Freundin sehr liebt, also schwieg ich und streichelte ihre Hand. Ihr Georg ist ein wirklich stoffeliger Mann und man konnte sich fragen, weshalb sie mich verkuppelt sehen wollte, obwohl Glück in der Zweisamkeit anders aussieht als ihre Ehe.
»Was hat Georg denn wieder angestellt?«, fragte Albertine.
Wenn ich ehrlich sein darf, war es mir lieber, wir verteufelten alle gemeinsam Georg, als dass wir uns wieder einmal einschossen auf Charlottes Singleleben. Aber keine Chance.
»Georg ist Georg und gut ist. Wenn die Zwillinge erst einmal aus dieser Phase raus sind, dann geht es uns wieder besser. So ist das halt, wenn man Verantwortung übernimmt und eine Familie gründet. Ich zumindest habe jemanden, der für mich da ist und -«
»Pah«, machte Albertine. Albertine ist übrigens zweiundachtzig Jahre alt und wenn man sie sieht, dann freut man sich aufs Altwerden.
»Georg ist vielleicht nicht aufregend und er hat Bauch und wenig Haare, aber er ist mein Georg und er hat immer Zeit für mich.«
»Pah, pah und nochmals pah. Er soll diese Zeit lieber dafür nehmen, die Kinder zu versorgen und das Bad zu putzen. Aber das überlässt er dir. Dass ihr jungen Frauen das noch immer mit euch machen lasst!«
Albertine war übrigens seit zwanzig Jahren Witwe und gedachte nicht, das zu ändern. Also, ja, logisch, sie konnte ihren Wilhelm nicht zurückholen von den Toten, aber sie hätte noch einmal heiraten können – genügend Herren hätten sie gerne genommen. Wollte sie nicht. Eine feste Bindung käme für sie nicht mehr infrage, sie genieße ihre Freiheit. Am Ende erwarte der neue Ehemann doch auch, dass sie seine Hemden bügele und ihm Essen koche, das schmecken musste wie bei Muttern. Ne, so sagt sie, also ne, wirklich nicht, Affairen reichten ihr völlig.
Ja, wirklich – Albertine hat Affairen, immer noch. Die meisten ihrer Liebhaber sind jünger als sie, so in ihren Sechzigern, und selbst die bezeichnet sie noch als etwas zu alt für ihren Geschmack. Außerdem ist Albertine eine beinharte Feministin; als rote Emanze bezeichnet sie sich gerne voller Stolz. Dabei sieht sie aus wie eine feine Dame, die aus Meißner Porzellan dünnen Tee trinkt.
»Ich bin gerne schick, das ist mir wichtig«, das sagt sie jedes Mal, wenn sie mit einem neuen Kostüm ankommt. Ihr graues Haar schimmert zartsilbern, ihre fein gefältelte Pergamenthaut ist dezent geschminkt, immer trägt sie Schmuck und Parfüm, Schuhe und Handtasche passen perfekt zusammen – wirklich vornehm, zerbrechlich und stockkonservativ wirkt sie.
Das ändert sich, sobald sie den Mund öffnet. Ich glaube, sie versetzt fremden Menschen gerne einen Schock. Vor einigen Wochen hatte sie sich einen neuen Kerl aufgerissen. Ihre Worte, nicht meine. In der Schlange an der Supermarktkasse stand er hinter ihr und sie hat mit ihm geflirtet, bis eine ältere Dame sich angewidert wegdrehte und laut genug für alle Anwesenden murmelte, dass manche Weiber einfach schamlos seien. Von Würde war wohl auch die Rede. Albertine hatte ihr eine passende Antwort gegeben und den Herrn mitgenommen. Seitdem hat sie unseren Literaturabend schon dreimal ausfallen lassen.
Aber heute war sie hier und hatte mehr Interesse an mir als an Georg. »Nun also, dieser Knabe, mit dem du neulich aus warst –«
»Der? Er liest nicht, liebt Actionfilme und hält sich für witzig.«
Ute hatte mir dieses Exemplar Mann angedient. Weshalb sie sich hoch aufrichtete und mich daran erinnerte, wie ich von meinem vorherigen Date gesagt habe, der Typ sei unsportlich und die Karikatur eines Intellektuellen. »Was genau willst du eigentlich? Mathias sieht gut aus, er schwimmt, er radelt, er stemmt Gewichte, er klettert Wände hoch und spielt auch noch Tennis – mehr geht wirklich nicht, wenn er zwischendurch noch Geld verdienen und Zeit für dich haben soll!«
»Um Himmels willen, Zeit für mich soll der nun wirklich nicht haben! Und sein Geld verdient er bei der Sparkasse. Darf ich wiederholen, wie quälend lang mein Abend mit ihm war? Bestimmt eine halbe Stunde lang hat er mir ausgemalt, wie er einem Bankräuber das Handwerk legen würde, wenn seine Filiale nur endlich einmal überfallen werden würde! Und als ich dann auch einmal etwas sagen durfte, da zog er ein Gesicht, als störte ich ihn. Aber ins Bett wollte er mir trotzdem folgen.«
»Ja, hättest du ihn halt mitgenommen«, beschied mir Sarah.
»Vielen Dank auch! Der stammt nicht aus deinen Kitschgeschichten. Nur weil er tolle Muskeln und einen Dreitagebart hat, ist er noch lange kein einfühlsamer Liebhaber. Und überhaupt – können wir nun endlich entscheiden, was wir als Nächstes lesen? Ich wäre für Henry Fieldings Tom Jones – ein Roman übrigens, den Jane Austen mit viel Freude gelesen hat. Es ist eine Art Schelmen- und Reisegeschichte; viele kleine Episoden und Begegnungen ergeben ein Ganzes. Wir könnten -«
Ablehnung antwortete mir. Nicht schon wieder Jane Austen!

Hier möchte ich gerne erklären, wie wir zu unserem Literaturabend kamen.
Vor zehn Jahren hatte ich mich für einen VHS-Kurs eingeschrieben, der lautete: Die Welt der Jane Austen. Acht Doppelstunden jeden Mittwochabend waren es, in denen wir – zehn Frauen von Anfang zwanzig bis Ende siebzig – erfuhren, wie die Menschen im England des Regency gelebt hatten. Wir lernten etwas über die beginnende Industrialisierung und die Auswirkungen der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege auf England. Wir sprachen über Musik, Literatur, Tänze, Umgangsformen, Speisen, Getränke und über die rechtliche Situation der Frau. Und lasen nach, inwieweit sich all das in den Romanen Jane Austens widerspiegelt.
Albertine war dort, weil sie zu jedem Semester jeweils den ersten Kurs ihrer Lieblingssparten belegte, Ute schwärmte für Colin Firth, der in einer wirklich sehr gelungenen BBC-Verfilmung einen gar nicht so üblen Mr. Darcy abgab (wenn ich auch darauf hätte verzichten können, ihn in einem nassen Hemd zu sehen, was so gar nicht zu meiner Vorstellung von Mr. Darcy passt) und Sarah hatte eben ihre Zwillinge auf die Welt gebracht und brauchte dringend einen Abend in der Woche ohne die Kinder. Übrigens übernahm es ihre Mutter, in der Zeit auf die Kinder zu achten, weil Georg sich dem nicht gewachsen fühlte. Das sagt doch wohl alles über ihn, oder?
Ja, und danach trafen wir uns weiterhin. Wir sind wirklich gute Freundinnen geworden und der Mittwochabend ist unser Heiligstes. Mehr oder weniger. Albertine begann als Erste damit, uns für ihre Männergeschichten zu opfern – so viel Zeit habe sie ja auch nicht mehr auf Erden. Dann grätschte Georg immer öfter mit angeblichen Überstunden in unser Arrangement. Und dann kam Ute mit Jan zusammen, der ein wirklich reizender Mann ist.
Er ist lustig, liest gerne Kriminalromane, schaut sich mit Wonne Liebesfilme an, die Ute kitschig, aber spaßig findet, außerdem joggt er und sieht auch ganz gut aus, wenn man auf den hageren Typ mit Brille steht. Aber für mich wäre er nichts, da fehlt mir irgendwie das Prickelnde. Wenn man mit Jan spricht, dann ist er immer freundlich, höflich, entspannt und verständnisvoll. Man kann sagen, was man will, man kann aufgebracht und wütend oder verzweifelt und trübsinnig sein – immer findet dieser Mann die richtigen Worte und den richtigen Ton und nie verlässt ihn seine Ruhe. Mich macht das wahnsinnig!
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich suche keinen Psychopathen, der ausflippt oder einen manipuliert, solche habe ich auch schon kennengelernt. Aber mit Jan reden, das ist wie Plätzchen backen mit Oma. Wenn ich mit einem Mann rede, dann will ich doch … ach, ich weiß es auch nicht. Ich mag es, wenn der Mann eine eigene Meinung hat, Gefühle und Wünsche und auch mal schlechte Laune. Was soll ich lange drumherum reden: Ich will einen Mann, der ist wie Mr. Darcy.
Einen, dem man geistreiche Impertinenzen ins Gesicht sagen kann, und er gibt Contra, aber mit Stil. Einen, der perfekte Umgangsformen besitzt, aber sein wahres Ich nicht darunter verbirgt. Es gibt ja so Typen, die halten einem die Türe auf und helfen in den Mantel, aber in Wirklichkeit hat das nichts mit Respekt oder Zuneigung zu tun, es ist nichts weiter als eine Demonstration der eigenen Überlegenheit. Hört man denen zu, dann merkt man schnell, für wie viel besser sie sich selbst halten im Vergleich zu jedem weiblichen Wesen. In der einen Minute noch erzählen sie dir, wie sehr sie ihre Ex liebten, in der nächsten bezeichnen sie dieselbe Frau als gehirnamputiertes Miststück. So einer muss mir wirklich keine Türen öffnen, das kann ich alleine. Ich möchte einen, der mir die Tür öffnet, weil es selbstverständlich für ihn ist, auf andere zu achten. Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?
Meine Freundinnen behaupten, damit verlange ich nicht zu viel, das sei vertretbar. Allerdings behaupten sie auch, mein Anforderungskatalog insgesamt sei unmöglich zu erfüllen. Ein einzelner Mann könne unmöglich umwerfend aussehen und auf seine Fitness achten, ohne eitel zu sein. Wenn er noch gerne lesen müsse und dazu das Richtige (nämlich Klassiker und Kriminalromane), dann könne er nicht kochen. Oder vielleicht tanze er nicht gerne. Oder er tanze gerne, aber schlecht. Vielleicht ist er kleiner als 1,80 oder rothaarig. Vielleicht hasst er französische Filme. Womöglich arbeitete er als Bestatter. Meine Freundinnen geben Mr. Darcy die Schuld an meinen romantischen Vorstellungen, weshalb sie mich nun ständig mit ihren Liebesromanen traktieren, in denen entweder ein tumber Millionär alles flachlegt, was ihm begegnet, oder aber ein unscheinbares Kerlchen sich als der Seelenverwandte der zu anspruchsvollen Heldin erweist, die dadurch zu Bescheidenheit und ewigem Glück findet.
Sie liegen natürlich falsch mit ihrer Einschätzung. Wenn man meine Vorstellungen auflistet, dann mag das so klingen, als wäre ich nicht ganz von dieser Welt. So klasse finde ich unsere Welt auch nicht. Ich meine: Hallo? Tinder? Typen, die mich nach links oder nach rechts wischen? Dates, die den ganzen Abend in ihr Handy starren? Ja, ich denke schon, früher war es besser. Das habe ich einmal laut gesagt. Dann hat Albertine mir eine Rede gehalten, wie es damals gewesen war. Wie sie nicht hatte arbeiten gehen dürfen, weil ihr Wilhelm das nicht wollte. Wie sie nie rot und lila getragen hatte, weil ihr Wilhelm das nicht mochte. Wie sie nicht mit einer Freundin nach Italien fahren konnte, weil ihr Wilhelm das nicht erlaubte. Und so weiter und so fort.
Aber Albertines Früher und meines – das ist ja nicht dasselbe. Ich will ja nicht zurück in die Fünfziger und mich an den Herd fesseln lassen. Ich meine, gut, ja, in früheren Zeiten ging es Frauen oftmals nicht gut, aber es gab doch auch Ausnahmen. Zeiten, in denen Männer noch Gentlemen waren und Frauen als Damen geschätzt wurden. 1815 beispielsweise. Ich meine, man muss Jane Austens Werke doch nur lesen, um zu wissen, wie gut es den Herren anstand, kein Handy zu besitzen.
Also nein, es geht nicht um Kommunikationstechnik. Oder doch. Wortwörtlich. Eine Zeit, in der von einem wahren Gentleman erwartet wurde, er verfüge über eine gewisse Bildung, ein gewisses Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich in der guten Gesellschaft zu bewegen – eine solche Zeit kann so verkehrt doch nicht sein? Eine Zeit, in der es galt, niemandem etwas Negatives zu sagen, was ihn verletzen könnte, in der es Regeln für fast alles gab, an die man sich hielt, Regeln, die die Gesellschaft angenehm machten – ja, also, ich wäre dafür. Nicht, dass mir da etwas Restriktives vorschwebt, das nicht, aber auf so manchen Kommentar im Netz könnten wir doch alle gut verzichten, nicht wahr? Oder auf Kaufhaustüren, die der Vordermann uns auf die Nase fallen lässt.
Vielleicht sehe ich das zu rosig, das mag sein, aber ich glaube dennoch, dass Männer wie Mr. Darcy uns heute fehlen. Tja, und genau so einen will ich halt. Die modernen Männer und ich, wir passen einfach nicht zusammen. Ich habe es versucht, aber bislang war ich wenig erfolgreich, was eine dauerhafte Beziehung anbelangt.
Da gab es Hendrik, der toll aussah, charmant und klug und belesen war und mit mir zum Sport ging – ich bin wirklich sehr sportlich und ohne Sport, da fehlt mir was. Ja, Hendrik war schon ziemlich toll und als ich ihm Stolz und Vorurteil vorlas, da machte er einsichtige Bemerkungen und lachte an den richtigen Stellen; Emma hat er dann sogar von sich aus gelesen. Leider nicht mit mir, sondern mit so einer blonden Tussi, die ihm wohl öfter als ich vorgelogen hatte, wie unglaublich großartig er sei. Also großartiger als großartig, das nämlich wollte Hendrik etwa zehnmal täglich hören. Das fand ich albern. So albern wie seinen Taschenspiegel, den er ständig zückte, um seine Frisur zu überprüfen. Darf ich sagen, dass ich schadenfroh auflachte, als ich ihm vor einigen Tagen zufällig begegnete? Mit der Blondine ist er jetzt verheiratet, einen Kinderwagen hat er geschoben und ein Käppi auf seinen kostbaren Haaren getragen. Das Ding fiel ihm runter, als er den Schnuller seines Sohnes vom Bürgersteig aufheben musste. Tjaha, das Käppi zerstört wirklich nichts mehr, fast kahl ist der schöne Hendrik nun mit gerade einmal vierunddreißig Jahren. Mich hätte das nicht gestört, wäre er noch mein Hendrik gewesen, aber ihn schon, das zeigte er überdeutlich. Und Eitelkeit ist kein schöner Zug an einem Mann.
Eitel war Tim überhaupt nicht. Null. Er war – und ist es noch, nehme ich an – Literaturwissenschaftler mit einer Vorliebe für Fontane. Das fand ich anfangs himmlisch. Wir lagen stundenlang in seinem Garten auf einer breiten Liege und lasen uns vor und diskutierten und analysierten. Zwischendurch schwang ich mich auf mein Rad und fuhr ins Freibad, um einige Runden zu absolvieren. Alleine. Er fand das plebejisch und fand, ich litte unter einem Selbstoptimierungswahn. Wenn ich morgens eine Viertelstunde lang meine Yogaübungen durchturnte, hielt er mir einen Vortrag über die Vergänglichkeit der Schönheit im Allgemeinen und meiner im Besonderen. Offenbar hielt er mich für eitel. Und für etwas unterbelichtet. Weshalb sonst widersprach er mir immerzu, kaum dass der Sommer vorbei war und wir statt in seinem Garten auf seinem Sofa im Wohnzimmer lagen? Was immer ich zu irgendeinem Roman sagte, es war grundverkehrt, kitschig und gefühlsduselig. Tim reduzierte mich immer mehr zu seiner Zuhörerin. Bis er meinte, mir Stolz und Vorurteil erklären zu müssen. Nicht, dass er auch nur einen vernünftigen Gedanken dazu hätte vorbringen können. Von meinem brillanten Literaturexperten kamen Altmännersprüche; von einer vertrockneten Jungfer und kitschigen Fantasien geldgeiler Weibsbilder schwafelte er.
Ich bin gegangen. Und meine Freundinnen fanden das richtig, der Typ hätte ihnen von Anfang an nicht gefallen. Das sagten sie auch von Hendrik und wenn ich mich nun auf diesen Mathias eingelassen hätte, den Ute mir vor die Füße gestoßen hat, dann würden sie das in einem halben Jahr auch von dem gesagt haben.
Aber ich bin keine Fantastin und ich bin natürlich nicht in einen der Schauspieler verknallt, die irgendwann Mr. Darcy gespielt haben. Ich weiß sehr wohl, das alles ist nicht real; Mr. Darcy ist eine fiktive Gestalt. Nur …
Ja, es ist mir peinlich, aber der einzige Mann, von dem ich dann doch träume, ist eben jener Fitzwilliam Darcy. Miss Austen lässt uns viel Platz für die eigene Fantasie, nur deshalb ist er der Schwarm allzu vieler Frauen. Doch so, wie er auf Lizzys Spitzzüngigkeiten reagiert, wie er Caroline Bingley in die Schranken weist ohne ein böses Wort, wie er tanzt, wie er sich überwindet, wie er seine Liebe gesteht, wie er in dieser nicht wankt, wie er hilft und sich noch einmal erklärt – hach ja, da zeigt sich doch ein Mann von besonderer Güte. Ich meine, würde so einer bei einem Date vor uns sitzen und sein Smartphone aufnehmen, um zu checken, ob die süße Maus bei Tinder ihn treffen will? Würde er das tun? Würde er nicht!

Ja, und genau das hatte ich an diesem Mittwoch, den 2. Mai 2018, meinen Freundinnen zum dutzendsten Male auseinandergesetzt. Dennoch: Sie waren alle drei der Meinung, es werde Zeit. Zeit, endlich einen Mann zu finden, mit dem ich mich streiten und herumärgern kann, der mir Blumen zur Versöhnung bringt und mit mir tanzen geht und vor allem diesen Mr. Darcy aus meinem Kopf vertreibt. Als ob ich ständig von Mr. Darcy spräche!
»Du vergleichst jeden Mann mit ihm, selbst die, die dich gar nicht interessieren, und dann behauptest du, es gäbe keine guten Männer heutzutage.«
»Habe ich nie gesagt. Die gibt es bestimmt. Nur treffe ich sie nicht.«