• Lesetipps

    Emmas Leseliste

    Natürlich liest Emma. Sie liest mit Begeisterung und so kann es nicht ausbleiben, dass sie gerne über Bücher spricht, sich austauscht und empfiehlt. Als sie nun nach Bonn zurückkehrt, um nach ihrem Vater zu suchen, liest sie die folgenden Romane oder erinnert sich an sie:


    Da ist – natürlich, möchte ich bald sagen – Elizabeth von Arnim, die 1898 ihren ersten Roman veröffentlichte und in den nächsten vierzig Jahren sehr unterschiedliche Themen aufgriff, die sie größtenteils humorvoll verarbeitete. Doch unter dem Witz liegen mitunter bitterböse Beobachtungen.

    Verzauberter April ist 1926 zum ersten Mal auf deutsch erschienen und ist eine Geschichte, die sich an einem Sommertag ebenso wie im Winter lesen lässt; entweder um die Jahreszeit zu genießen oder aber um sie herbei zu sehnen. Vier Frauen unterschiedlicher Herkunft teilen sich eine Villa in Italien und eine jede kam aus einem anderen Grund, wenn auch immer die Liebe eine Rolle spielt. Liebe, die zu viel oder zu wenig vorhanden ist, die ersehnt oder verflucht wird.


    Als Emma von einer heftigen Erkältung ins Bett gezwungen wird, ist sie nicht allerbester Laune. Ein klein wenig hilft es, dass alle Welt ihr Leckereien und Lektüre vorbeibringt. Vermutlich war es Tante Tinni, die ihr Jane Austens Emma auf den Nachttisch legte. Man ahnt es schon: Emma war das Lieblingsbuch ihrer Mutter.

    Im Gegensatz zu Emma Schumacher ist Emma Woodhouse selbstbewusst und gerade heraus. Gerne steht Miss Woodhouse im Mittelpunkt und ist zuversichtlich, dass ihr Urteil das unbedingt richtige sein muss. Eigenschaften, die Emma gerne hätte … wobei: Auch Fräulein Schumacher ist in ihren Aussagen direkt. Immer dann, wenn sie spricht, ohne es zu beabsichtigen, was ihre Mitmenschen oft verwundert.

    Jane Austen lässt ihre Heldin reifen, lässt sie unangenehme Erfahrungen durchleben, die ihr übertriebenes Selbstvertrauen mindern. Die Gesellschaft, wie Emma sie sieht und arrogant zu ordnen wünscht, erweist sich als tiefer und oberflächlicher zugleich, als sie glaubte.


    Die Buddenbrooks führen ihren Verfall über vier Generationen vor und Thomas Mann zeigt sein Können in gewundenen Sätzen und detailreichen Beschreibungen – beides Eigenschaften, die heute in Romanen unerwünscht sind. Dabei sind es gerade diese Stilmittel, die den Roman zum Klingen bringen, ihn in das 19. Jahrhundert versetzen und seine Figuren so plastisch machen. Als Leserin muss man sich einlassen, das ja, aber dafür belohnt er uns mit Toni und Grünlich.

    Emma zumindest hat vor allem die Szene beeindruckt, in der Grünlich Toni seinen Heiratsantrag wahrhaftig entgegenschmettert und fühlt sich im passenden Moment unpassend daran erinnert.



    Nachdem Emma an Grünlich dachte, musste auch Mr. Collins vor ihrem geistigen Auge erscheinen – ebenso ungebeten natürlich. Der Landpfarrer bittet seine Cousine Elizabeth Bennet mit soviel Feingefühl und wohlklingender Rhetorik um ihre Hand, dass er auf immer unvergessen bleibt. Es ist bis heute ein Wunder, dass alle Welt von Elizabeth und Mr. Darcy spricht …

    Nun, über diesen Roman muss wohl nicht viel gesagt werden: Es ist nur sehr oberflächlich gelesen eine Romanze. Viel beeindruckender sind  die Wortmelodie, die schnellen Dialoge und die Ironie, die sich durch alle Seiten ziehen.


    Auf Emmas Noch-zu-Lesen-Liste steht dieser Krimi von Agatha Christie, der 1926 der erste große Erfolg für die junge Autorin wurde.

    Roger Ackroyds große Liebe ist tot und die Umstände sind verdächtig. Doch bevor er etwas unternehmen kann, wird auch er ermordet. Niemand anderer als der größte Detektiv aller Zeiten bemüht seine grauen Zellen, um einen verzwickten Fall zu lösen.

    Bislang las Emma keine Kriminalromane, aber nachdem ihr Leben so viel aufregender abläuft, wird sie James’ Empfehlung beherzigen und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie von nun an jede Neuerscheinung Agatha Christies mit Ungeduld erwarten wird.


    Von Zeit zu Zeit stelle ich Bücher vor, die ich – und Emma ebenfalls – gerne gelesen habe. Ein Klick auf das Titelbild bringt dich zur Amazonseite des Buches. Diese Links sind Affiliates, was bedeutet, ich bekomme einige Cent, solltest du das Buch über diese Verbindung kaufen. Und dafür bin ich sehr dankbar, denn jeder Cent ist eine Minute mehr, die ich schreibend verbringen darf.

  • Die Geschichte der Frauen

    Schönheit: Marie Antoinette – von Paris nach Versailles

    Versailles, das Schloß, seine Gärten und Parks sind Pracht, Perfektion und Pomp. Sein Hof ist frivol, bigott, geistreich: ein Bonmot zählt mehr als Freundschaft, Affären sind prickelnder Zeitvertreib und Spiel mit dem Feuer – manchmal treffen Hohn und Spott die Betrügenden, machmal den Betrogenen und zerstören Karriere und Fortkommen. Doch was an der Oberfläche spielerisch, unmoralisch erscheint, ist durch ungeschriebene Gesetze streng geregelt; was dem einen recht ist, ist dem anderen noch lange nicht billig. Ein jedes Mitglied dieser Gesellschaft bewegt sich auf seinen unsichtbaren Gleisen, erscheint, wo es zu erscheinen hat, sagt und spricht das zu Erwartende. Alles, wirklich alles, ist geregelt: wer wem den Vortritt lässt, welcher Spaziergang zu welcher Zeit stattfindet, wer wen grüßt und was es bedeutet, wenn das Schönheitspflästerchen links statt rechts getragen wird. Klatsch und Tratsch, Eifersucht und Mißgunst gedeihen unter dem Firnis geschliffener Rhetorik und immer ausgefallenerer Modeexzesse.

    Und in dieser Umgebung findet sich die Dauphine Marie Antoinette wieder – die kleine Erzherzogin, die längst all die Ratschläge ihrer Frau Mama vergessen hat und wenig Einsicht in die Handlungsweisen der französischen Aristokratie hat. Die Tafel, an der sie jeden Tag vor Publikum zum Essen Platz nimmt, versammelt keine miteinander schwatzende und liebende Familie. Der Dauphin spricht kaum ein Wort – sowohl die Unmengen an Essen, die er in sich hinein schaufelt, als auch seine Schüchternheit verhindern das. Der König bemüht sich um das junge Mädchen, lässt wohl auch einmal anzügliche Bemerkungen fallen, die seiner Maitresse Gräfin Dubarry gelten.

    Madame Dubarry
    Madame Dubarry

    Die Dubarry ist fröhlich, wenig zurückhaltend und nimmt ihre Aufgabe, Ludwig XV zu unterhalten, sehr ernst. Marie Antoinette ist in ihrer Unschuld reizend und sorgt für verlegenes Gelächter, als sie erklärt, sie wolle der Madame Dubarry Konkurrenz sein und ihren lieben Großpapa eben so gut unterhalten. Ihre Tanten, die unverheirateten Töchter des Königs mit der Sorge, zu wenig be- und geachtet zu werden und einem Haß auf die Dubarry, nehmen die Dauphine gar selbstlos zur Seite und klären sie über die Natur der königlichen Unterhaltung auf. Marie Antoinette ist rechtschaffen empört; eine solch liederliche Frauensperson wäre in der Hofburg undenkbar, unmöglich könne sie Umgang mit ihr haben und so schneidet sie die Dubarry. Die Tanten freuen sich und feuern das junge Mädchen weiter an. Die Dubarry, die tagtäglich gegen die Arroganz der Höflinge ankämpft und ihren Platz sichern will, darf die Dauphine von sich aus nicht ansprechen – mit steigendem Amusement betrachtet der Hof das tägliche Schauspiel einer um Anerkennung bemühten Maitresse und einer zu jungen, zu naiven Prinzessin, die nicht bemerkt, wen sie in Wahrheit brüskiert und verärgert: den König, der ein solches Benehmen nicht duldet, jedoch von der Dauphine ignoriert wird. Der Hof jubelt.

    Doch auch Maria Theresia in Wien erfährt durch ihren Botschafter, den treuen Mercy-Argenteau, von dem bald zwei Jahre anhaltendem wortlosen Streit. Es dürfte der Kaiserin nicht leicht gefallen sein, dem politischem Nutzen vor ihrer Moral den Vortritt zu geben und von ihrer Tochter zu verlangen, die Sittenstrenge beiseite zu lassen und der Dubarry endlich den größten Wunsch zu erfüllen – ein freundliches Wort der Dauphine in aller Öffentlichkeit. Ein, zweimal glaubten sich König und Maitresse schon am Ziel; heute würde die Dauphine der Dubarry die Ehre erweisen, doch Antoinettes Stolz und die Tanten sorgten für Enttäuschung.
    Endlich muss Marie Antoinette klein beigeben. Unter den gierigen Augen der anwesenden Aristokraten bleibt sie bei der in die Knie sinkenden Gräfin stehen und spricht die Worte, die auch heute noch manch Besucher des Schloßes zitiert: es seien viele Leute heute in Versailles. Sehr deutlich hören die Umstehenden die Überzeugung der Dauphine heraus, es sei wenigstens eine zuviel, doch die Dubarry hat ihr Ziel erreicht.
    Marie Antoinette spricht nie wieder mit der Gräfin und vielleicht hat sie nie begriffen, wie viel Schaden dieser kindische Streit angerichtet hat: der König ist ihr gegenüber kühler, die Tanten ob ihres Umfallens entrüstet und erbost und der Hof ist sich einig, dass die Dauphine keine Französin ist und niemals sein wird; so amüsiert sie sind, so sehr empören sie sich über Marie Antoinettes Unwissenheit und nicht-regelkonformes Verhalten.

    Marie Antoinette, Dauphine de France
    Marie Antoinette, Dauphine de France

    Hätte sie es besser wissen können und müssen? Man hatte ihr Madame Noailles zur Seite gestellt, die streng über das Benehmen der Dauphine wachte, ihr Chaperone, Gesellschafsdame und Lehrerin zugleich sein sollte. Ein ältliches Fräulein Rottenmeier ist sie, von der Dauphine spöttisch Madame l’etiquette benannt. Antoinette fühlt sich von Madame Noailles gegängelt wie von all ihren bisherigen Lehrmeistern und macht sich einen Spaß daraus, ihr zu entkommen, sie zu parodieren und weg zu hören, wenn sie ihr die Gesetze des Hofes erklärt. War sie denn noch immer ein Schulmädchen oder die zukünftige Königin? Sollte sie ihr Leben und ihre Stellung nicht geniessen?
    Ein Leben, in dem ihr wohl nahezu alle Wünsche an Kleidung, Nahrung und Unterhaltung erfüllt werden, jedoch kein Schritt unbeobachtet bleibt. Was immer sie tut, eine Schar Höflinge ist um sie herum, immer auf der Lauer nach einem Posten, einer Anekdote, einer unbedachten Äußerung. Antoinette fühlt sich eingeschränkt und zeigt im Laufe der Jahre ihre Verachtung für sinnentleertes Protokoll überdeutlich. Ihre Jugend, ihr offenes Wesen und ihr anfangs uneingeschränktes Vertrauen in die Menschen, die ihr nahe stehen und die Wiener Heimat ersetzen sollen, führen dazu, dass sie in Intrigen und Ränkespiele hinein gezogen wird, die sie nicht durchschaut. Ihre Sehnsucht nach Freundschaft lässt sie Zuwendung mit Zuneigung verwechseln; die meisten, die sich ihr nähern, kommen mit selbstsüchtigen Wünschen, die sie freudig gewährt.

    Princesse de Lamballe
    Princesse de Lamballe

    Antoinette begann ihren Alltag mit Vergnügungen zu füllen: von den intriganten Tanten hatte sie sich abgewandt, die ihren Lebenswandel mit Abscheu betrachteten und das ihrige zu Antoinettes Verleumdung beitrugen. Mit ihrer neu gewonnen Freundin Marie Louise de Savignon-Carignan, der Princesse de Lamballe, besucht sie in schlecht getarntem Incognito Bälle in Paris, verspielt Unsummen beim Pharo, engagiert die Kleidermacherin Rose Bertin für immer ausgefallenere Kreationen, amüsiert sich mit ihrem vergnügungssüchtigen Schwager und verlacht all die steifen und alten Hofchargen um sich herum. Bis heute wird ihr Charakter nach diesem Verhalten gewertet – von einem pubertierenden Teenie, der über Nacht zu Reichtum und Ruhm gelangt, kann man wirklich mehr erwarten als Albernheiten und Überschwang! Immerhin ist sie die nächste Königin Frankreichs, dazu Ehefrau und hoffentlich bald Mutter. Zu irgendetwas muss diese Ausländerin doch gut sein!

    Marie Antoinette in ihrem Salon
    Marie Antoinette in ihrem Salon

    Am 10. Mai 1774 starb der einstmals vielgeliebte Louis XV. Aus dem Thronfolgerpaar, 19- und 20jährig, wurden König und Königin. Während das Volk enthusiastisch auf Veränderung hoffte und große Erwartungen an das Paar hatte, war den beiden angst und bange – zu jung seien sie, so habe Antoinette unter Tränen beteuert und Gott um Hilfe angefleht, berichten verschiedene Augenzeugen. Es dauert nicht lange, bis sie den nächsten Fehler begeht und neue Feinde findet: getreu ihrer Aufgabe als Friedensstifterin zwischen Frankreich und Österreich sorgt sie für die Entlassung österreichfeindlicher Regierungsberater. Nicht nur die Tanten nennen sie nun “l’Autrichienne” – die Österreicherin. Oder “die andere Hündin”, ändert man Schreibweise und Aussprache minimal. Längst ist die Königin an dem Punkt, an dem sie tun und lassen kann, was sie will – immer findet sich jemand, der ihr deswegen gram und feind sein wird. Immer mehr Geschichten und Gerüchte verbreiten sich, auf Wahrheit gründend oder auf Vermutung, zu Lüge und Hetze entstellt.
    Vom Gatten erhält sie ein Schlößchen, das Petit Trianon, ein wenig entfernt vom Versailler Palast, um sich dort von Kontrolle und Eitkette zu erholen. Geladen sind nur diejenigen unter den Höflingen, die jung, munter und freundschaftlich mit ihr stehen – sie sieht sich als junge Frau, die ein wenig Zeit mit Freunden verbringt; die nicht Geladenen jedoch sehen die Königin, die beleidigt und demütigt – in ihren Augen ist das Petit Trianon schlimmer als Sodom und Gomorra. Und das Volk, das in immer schlimmeren Verhältnissen existiert, erfährt von unnötiger Verschwendungssucht und ausschweifenden Orgien der Blutsaugerin durch Bildtafeln, die an Deutlichkeit nicht zu mißdeuten sind. Wann endlich ändert sich etwas? Wo bleibt die Hoffnung, die noch an königliche Nachkommenschaft geknüpft ist? Wo bleibt der nächste Dauphin, so fragt auch die Kaiserin aus Wien immer dringlicher.

    Dauphin Louis Auguste
    Dauphin Louis Auguste

    Aber es tat sich nichts. Buchstäblich nichts. Nicht nur, dass Antoinette nicht schwanger wurde, nein, sie war nach Jahren der Ehe noch so unschuldig wie bei ihrer Ankunft. Ludwig, der muffig-schweigsame, etwas plumpe und gehemmte junge Mann, fühlte sich in der Gegenwart seiner Gattin noch gehemmter und unsicherer; die Tändeleien und Spötteleien ihres Freundeskreises fielen ihm auf die Nerven und das tägliche öffentlich zu Bett gelegt werden, half der Beziehung auch nicht weiter. Die Schuld für die nichtvollzogene Ehe, das Ausbleiben des Thronfolgers gab man, wie könnte es anders sein, Marie Antoinette. Was könnte einem nur mäßig aufgeklärten Backfisch leichter fallen, als den phlegmatischen Gatten zu leidenschaftlichen Turnübungen zu verführen?

    Einer der harmlosen Stiche
    Einer der harmlosen Stiche

    So langsam kam eine Industrie in Schwung, die bislang nur vor sich hindümpelte: Pamphlete und Hetzschriften, in denen Antoinette als Ehebrecherin, schlampige Gattin und nicht nur den Mann, sondern das Volk betrügende Ausländerin dargestellt wurde, machten die Runde. Es waren vor allem die Höflinge, die diese Schriften in Auftrag gaben oder auch selbst schufen; nicht zuletzt die Brüder Ludwigs ließen ihrem Witz, ihrem Neid und Ehrgeiz freien Lauf – nicht ahnend, wem das Verhetzen eines hungernden Volkes nutzt. Den Auftraggebern nicht, das würden sie noch begreifen.
    Ein besonderes Vergnügen bereitete es manchen, diese Blätter in Antoinettes Nähe zu platzieren, so dass die junge Frau mit pornografischen Darstellungen ihrer selbst konfrontiert wurde. Dazu die ständigen Briefe ihrer Mutter, die mittlerweile ihrer Tochter explizite Anweisungen sandte, wie sie den Gatten in Hitze bringen könne. Antoinette ließ die Schreiben äußerlich gleichgültig zu Boden gleiten und kümmerte sich um ihr Vergnügen, das alles Unangenehme überdecken sollte. Wäre Ludwig nur etwas weniger feige und etwas interessierter gewesen: eine Vorhautverengung sorgte für Schmerz, sobald er an eheliche Pflichten nur dachte und eine kleine Operation, ein winziger Schnitt, war die Lösung. An die er sich nicht wagte. Bis sieben Jahre nach der Hochzeit sein Schwager Joseph, Kaiser von Österreich, ihn beiseite nahm und ihm ins Gewissen sprach – als König von Frankreich müsse er seine Pflicht Gattin und Vaterland gegenüber erfüllen. Ludwig wagte es und Marie Antoinette erfurh, um was es in den Pamphleten ging. Dass die Tanten vom Neffen zu hören bekamen, das körperliche Vergnügen sei noch größer als gedacht und er bedauere, so lange gezögert zu haben – das mag uns zum Schmunzeln bringen, erhöhte deren Hass auf die Königin jedoch. Wo immer Antoinette erschien, irgendwer hatte einen Groll gegen sie.

    Am 18. Dezember 1778 bringt Marie Antoinette ihr erstes Kind, Marie-Thérèse, Madame Royale, zur Welt. Allein die Berichte über diese Geburt sind ein solcher Horror, dass ich bereit bin, ihr fast alles nachzusehen: Kaum setzen die Wehen ein, scharen sich etwa 50 Höflinge um ihr Bett, das in einem nicht zu großen Raum steht, dessen Fenster geschlossen sind. Es ist eine lange und schwere Geburt, die vielen Menschen nehmen ihr wortwörtlich die Luft zum Atmen. Immer stickiger und heißer wird es und als das Kind endlich geboren ist, verliert die Königin das Bewußtsein mit dem Ausspruch, sie sterbe. Blut entfließt ihrem Mund, der Arzt fordert Platz, Luft und einen Aderlaß. Ludwig erweist sich jetzt nicht nur als treusorgender Gatte, sondern als zupackend wie nie zuvor oder je wieder danach: er stößt jeden beiseite, der zwischen ihm und den Fenstern steht, um dort festzustellen, dass diese sich nicht mehr öffnen lassen – seit Jahrzehnten waren sie nicht genutzt worden. Ohne lange zu zögern, zertrümmert er die Fenster und lässt die Dienerschaft die gesamte Bagage grob aus dem Raum werfen. Von nun an muss die Königin nicht mehr unter Zeugen gebären, als wäre sie die Attraktion eines Wanderzirkus.

    Mit Schwägern und Kindern
    Mit Schwägern und Kindern

    Noch drei weitere Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, brachte Antoinette zur Welt, doch Madame Royale sollte die einzige sein, die das Erwachsenenalter erreichte. Der Dauphin starb im Juni 1789, was sicherlich auch ein Grund ist, weshalb die vom Volk entfernte Königin von den sich abzeichnenden Ereignissen nichts mitbekam. Ein Fakt, der erstaunlich selten betrachtet wird. Das zuletzt geborene Mädchen starb schon 1787 mit elf Monaten. Für Antoinette, die mit vielen einander zugetanen Geschwistern groß geworden war, müssen diese Todesfälle unendlich schmerzhaft gewesen sein.

    Die leere Wiege der verstorbenen Tochter ...
    Die leere Wiege der verstorbenen Tochter …

    Marie Antoinette als Mutter zeigte sich anders als die junge Königin: ständige Bälle, Glücks- und Kartenspiel, ihre Theateraufführungen und heimlichen Ausflüge waren Vergangenheit; mit viel Liebe wandte sie sich ihren Kindern zu. Auch die immer größeren Roben und Kopfaufbauten waren vergessen. Sie bemühte sich um einen schlichteren Lebensstil. Aber wie könnte es anders sein: auch das war nicht recht. Waren ihre Ausgaben vorher zu hoch, so warf man ihr nun vor, Schäferin zu spielen und im Hemd herumzulaufen, was einer Königin von Frankreich nicht angemessen sei – nun wolle sie auch noch die Seidenweber und Modistinnen in den Hungertod treiben. Irgendetwas ist ja immer, immer ist etwas. Hass und Hetze brodelten nur selten unterbrochen weiter hoch.

    Sozusagen ein Make over. Vorher ...
    Sozusagen ein Make over.
    Vorher …
    ... und nachher
    … und nachher

    Lasst mich bitte einschieben: über Marie Antoinette einen kurzen Abriss schreiben zu wollen, ist nahezu unmöglich – mir ja sowieso. Zum einen kann man ihr nicht gerecht werden und zum anderen ist ihre Zeit, ihre Umgebung unglaublich gut dokumentiert. Der Adel schrieb und schrieb und schrieb und Privatheit gönnte man ihr nicht – und die Geschichten und Geschichtchen über sie gehen in die Tausende. Jede einzelne ist ein Baustein, ein Zahnrädchen in dem vorwärts treibenden Uhrwerk, das ihre verrinnende Zeit tickend begleitet. Immer wieder frage ich mich beim erneuten Sichten dieser Erzählungen, ob ihr Leben anders verlaufen wäre, hätte sie hier anders entschieden, diesem Menschen nicht vertraut oder jenes Wort verschwiegen. Doch am Ende sind es nicht die von ihr gesagten Worte und begangenen Taten, es ist das durch Hass und Gier erbaute Lügengeflecht, das sie zu Fall bringen wird. Was Hetze, üble Nachrede und Lügen anrichten können: hier sehen wir es klar und deutlich.

    Es ist ungerecht: seit Jahrhunderten hatte Frankreich endlich ein Königspaar, das mit den besten Absichen antrat, das die verhasste Maitressenwirtschaft (denn bislang waren die oft hochgebildeten und den jeweiligen König positiv beeinflußenden Geliebten die Sündenböcke für alles gewesen) abschaffte und neuen Ideen im Rahmen ihrer gottgegebenen Größe offen gegenüber stand. Ein Sonnenkönig hätte viel früher, viel härter eingegriffen, um jedes noch so gerechtfertigte Murren zum Schweigen zu bringen.

    Unter all diesen Geschichten finden sich

    • die berühmte Halsbandaffäre, die wie Pech an ihr klebte und ihr neue Feinde brachte.
    • Die adoptierten Kinder, für die sie sorgte – der Wunsch nach Kindern und Familie war groß und treibend.
    • Ihre immer wieder unternommenen Ausflüge in die Politik, vor allem, wenn es um die Beziehungen zu Österreich ging.
    • Natürlich wurde auch ihr, wie bald allen Königinnen und Maitressen vor ihr, unterstellt, sie habe den Armen das Kuchen essen empfohlen, so sie kein Brot hätten.
    • Die Freundinnen: nach der Princesse de Lamballe, die eine reiche, sehr zurückhaltende Frau von sanftem Wesen war, trat Gabrielle de Polignac auf den Plan, die an sich raffte, was sie nur erhalten konnte und ihrer Familie Posten zu verschaffen wußte – beide wurden in den nicht versiegenden Hetzschriften als lesbische Geliebte der verderbten Königin gehandelt.

    Und zu guter Letzt ist da Axel von Fersen, ein schwedischer Aristokrat mit deutsch-baltischen Wurzeln. Er war – was sonst – gut aussehend, charmant und geistreich. Aber wer ihn näher kannte, beschrieb ihn auch als selbstverliebt, arrogant, schwermütig und als gefühlskalten Schürzenjäger. Zwar schrieben sich von Fersen und Antoinette leidenschaftliche Liebesbriefe und verbrachten gerne Zeit miteinander, doch ist eine echte Beziehung, eine Affäre unwahrscheinlich – wir wissen es ja schon: Privatheit gab es für die Königin kaum. Vieles spricht für eine Beziehung, die bewußt platonisch und eher Minne als Liebe war.
    Um die Königin herum vibrierte es vor Erotik, Klatsch und Tratsch und sie war mit einem Mann verheiratet, der am glücklichsten in seiner Schlosserwerkstatt und bei der Jagd war. Der ihr treu und freundlich zugetan, aber eben weder ein Adonis noch ein Casanova war. Axel von Fersen mag ihre Phantasie angeregt haben, es mag geprickelt haben – für die Traumtänzerin, die sie noch immer war, wahrscheinlich ausreichend. Von Fersen hingegen scheint sich vor allem in der Aufmerksamkeit einer Königin gesonnt zu haben; abwechselnd sprach er Freunden gegenüber entweder schmachtend von “der einzigen Frau, die ich liebe, aber nicht besitzen kann” oder aber er gab zu verstehen, dass er die Zuneigung der Königin großzügig erdulde. Was immer er empfand, es hielt ihn nicht von Beziehungen zu anderen Frauen ab.

    Hans Axel von Fersen
    Hans Axel von Fersen

    Über all dem, den Geburten und den Todesfällen, den Skandalen, Mißverständnissen und Affären, den wechselnden Moden und Marotten, verging die Zeit und das Volk hungerte. Nur um den nachbarlichen Erbfeind auf der Insel zu ärgern, entsandte Frankreich den Amerikanern eine Armee, die sie in ihren Bestrebungen nach Unabhängigkeit von der englischen Krone unterstützte. Mit den zurück kehrenden Soldaten kamen neue Ideen von Freiheit und Gleichheit ins Land, mit denen der Adel kokettierte, Bürgertum und dritter Stand aber arbeiteten …

  • Wunderbarer Kleiderschrank

    Wunderbarer Kleiderschrank: raus, raus, raus! Raus?

    kleiderschrank 3

    Immer schon habe ich an meinem Kleiderschrank Freude gehabt. Immer schon hatte ich den Hang – lange bevor ich die Farbberatung entdeckte – alles zueinander passend haben zu müssen. Und immer schon habe ich regelmäßig und gnadenlos aussortiert. Manches Mal bereute ich Wochen später den Verlust eines Kleidungsstückes, das ich an eine Freundin weitergab. Und packte bei der nächsten Aktion die Aussortierten in einen Karton unters Bett bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich meinte, sie zu vermissen. Keines der Teile fand seinen Weg zurück in meinen Schrank. Also blieb ich gnadenlos und vermisste danach einige Teile, bis der Kopf mir klarmachte,  ich wäre romantisch-verklärend und er habe gewußt, was er tut. Punkt.

    lieblingskleidNun ist es so, dass ich, obwohl ich mir meiner selbst bzw. meines Äußeren unsicher war und mich oft häßlich fühlte, neben anderen Talenten die Fähigkeit hatte und habe, Kleidung zusammen zu stellen, zu ordnen, zu kombinieren und das auch immer selbstverständlich von anderen annahm. Es gibt in meinem Schrank nichts, was sich nicht auch mit allem anderen tragen ließe – im schlimmsten Falle sieht die Zusammenstellung trutschig oder exzentrisch aus. Schon als Vierjährige hatte ich einen entschiedenen Geschmack, liebte intensiv oder hasste von Herzen, was mir an Kleidern und Röcken vorgelegt wurde. Schaue ich heute Kinderbilder an, so waren meine Lieblinge samt und sonders in meiner Farbpalette, waren eher schlicht und klar geschnitten und standen mir besser als die Hassteile, denen ich auf Bildern noch immer ansehe, wie unangenehm sie mir am Leib waren. Durch meinen Beruf merkte ich, dass es nicht allen Frauen so geht. Vermutlich traue ich mich deshalb an dieses Thema ran.

    Natürlich ist es bei mir nicht anders als bei jeder anderen: manchmal erweist sich eine Zusammenstellung oder ein einzelnes Teil als Niete. Meist, wenn es einen ganzen Tag getragen wird. Was morgens immerhin nett (doch nie umwerfend) aussah, ist am Nachmittag nur noch dröge und es ist fast körperlich zu spüren, wie diese Kleidung immer mehr mein Wohlbefinden bestimmt.
    Manches sitzt schlicht nicht: morgens vorm Spiegel konnte der Rock noch zurecht gezupft werden und sah im Stehen gut aus. Nach der Fahrt zur Arbeit oder dem Gang zum Bäcker erhasche ich einen Blick in einem heimtückisch angebrachten Spiegel und sehe, wie es am Po spannt, die Seitennähte rotieren und der Pulli sich hochzieht – und will nur noch nach Hause und raus aus diesen Verräter. Das gehört zum Leben dazu. Meist gebe ich diesen Stücken eine zweite Chance, denn vielleicht hatte ich einen schlechten Tag und sie konnten nichts dafür. Wenn sie mir beim zweiten Versuch noch immer nicht ewige Liebe und Treue schwören, warte ich nicht auf die nächste Sortieraktion: sie kommen fort. Sofort. Für immer. Doch viele Kleiderschränke, in die ich schauen durfte, enthielten eine Unmenge solcher Teile. Und weshalb? “Ja, aber … wenn ich die alle rauswerfe, dann habe ich doch nichts mehr zum Anziehen?”

    Ich denke, da sind wir uns einig: in dem Fall ist es wirklich Zeit, auszumisten und sich zu überlegen, was man von seiner Kleidung will und braucht. Doch so verzweifelt musst du gar nicht sein, um einen Sinn im Auf- und Ausräumen zu finden. Abhängig davon, welcher Kleiderschranktyp du bist, warum du dieser Typ bist und welcher du sein möchtest, gehst du ran an die Arbeit. Raus mit allem, was nicht (mehr) zu DIR passt. Raus entweder in die Altkleidersammlung, als Geschenk für die Freundin, sinnvoll gespendet oder einfach in die Tonne.

    Mach dich also ran an den Schrank. Liest du dich durch Blogs und Portale, dann gibt es all diese Regeln, die quer durchs Netz und zurück rennen, ausgelöst vor allem durch den seit einigen Jahren andauernden Trend des capsule wardrobe, der im Grunde nichts anderes ist als eine gigantische Verkaufsmaschine, seitdem er sich von seiner Ursprungsidee – eine überschaubaren Garderobe bestehend aus wenigen, aber qualitativ hochwertigen Kleidungsstücke, die sich aufgrund ihres klassischen Schnitts und ihrer neutralen Farben vielfältig kombinieren lassen – entfernt hatte. Eine der beliebtesten Varianten scheint die 333 zu sein: 33 Teile für 3 Monate. Was am Ende des Jahres dann doch die Summe von 132 Teilen ergeben kann. Von denen manche gekauft und ensorgt wurden innerhalb weniger Wochen. Ups. So minimalistisch klingt das nicht, vor allem dann nicht, wenn man sich die Tipps zum Ausmisten vornimmt und beherzigt. Da wird nämlich so rigide ausgemistet, dass danach keine 33 Teile mehr vorhanden sind. Die werden dann – watt mutt, datt mutt – ersetzt. Mit wichtigen Basics und den unverzichtbaren Trendteilen, die verhindern, dass du – bewahre! – unmodern wirken könntest.

    kleiderschrank

    Wir sagen es jetzt schon im Chor: versteht mich nicht falsch. Wer sich eine solche Garderobe bauen möchte, genügend Finanzen hat, um vieles zu kaufen (sei es Kaufkleidung oder Stoffe), der hat dazu jedes Recht und es macht sicherlich Spaß. Aber die meisten von uns mögen ihren Kleiderschrank vielleicht etwas voller oder trennen sich vom Selbstgemachten nur ungern. Und wollen am Ende gar ihr Hobby nicht aufgeben, nur weil die Minimalgrenze überschritten wurde. Da zitiere ich jetzt mal Küstensocke:

    Mit diesen capsule wardrobe kann ich nichts anfangen auch nicht mit dem minimalistischen kleiderschrank. Hallo, ich nähe gern und auch gern viel – was soll ich mit einem minimalistischen Kleiderschrank.

    (Ich möchte übrigens, wenn ich hier endlich durch sein werde, ein Best of Kommentare-Beitrag als Abschluß dranhängen – so viele gute und wahre Worte!)


    Also lasst uns die bekanntesten Ausräum-“Gesetze” einmal genauer anschauen:

    Sehr gerne wird empfohlen, drei Stapel zu bilden, die typisch Mensch mit Ja, Nein und Vielleicht bezeichnet werden sollen. So weit, so originell. Unter “Ja” seien abzulegen all die Kleidungsstücke, die

    • unverzichtbare basics sind
    • schon beim Anschauen ein Glücksgefühl in dir auslösen
    • dich schön, stark und selbstbewußt machen
    • sich gut kombinieren lassen
    • du täglich tragen könntest.

    Der “Vielleicht”-Stapel ist weniger klar definiert, das liegt wohl an seinem vagen Charakter. Es scheint, dorthin gehören die Dinge, die

    • du gerade erst gekauft hast
    • dir geschenkt wurden
    • dir eigentlich gut passen
    • kein überwältigendes Glücksgefühl auslösen.

    Zu guter Letzt folgt der Stapel “Nein”. Er sammelt all die Teile auf sich, die

    • unrettbar zerrissen, verfleckt oder sonstwie beschädigt sind
    • dir nicht mehr passen
    • sich mit nichts kombinieren lassen
    • du seit 1 Jahr/6 Monaten/1 Saison lang nicht getragen hast
    • unmodern sind
    • doppelt und dreifach in deinem Schrank hängen
    • nicht mehr zu deinen Lebensumständen passen.

    Tja. Was kann ich sagen? Meiner Meinung nach sind natürlich viele kleine Wahrheiten in solchen Listen enthalten, doch möchte ich mein Veto einlegen; für den Moment jedoch lassen wir diese Auflistung so stehen. Ich selbst mache es mir sehr viel leichter, denn ich bilde zwei Stapel – Ja und Nein. Wem hat ein Vielleicht schon jemals weiter geholfen?
    Entscheide dich spontan-überlegt: im Grunde deines Herzens weißt du, welche Teile dir stehen und welche nicht. Welche gut sitzen und welche kneifen oder schlottern. Was mit Widerwillen getragen wird und was du “für gut” (zu sehr) schonst. Was du also unbedingt behalten will, kommt auf Ja; was dir nicht gefällt, auf Nein.

    Den Nein-Stapel schiebst du beiseite und widmest dich dem Ja. Nimm dir Zeit, mach dich vielleicht sogar hübsch, denn dann schaust du viel lieber in den Spiegel. Mir zumindest geht das so – ich will meine Kleidung und mich im besten Licht sehen. Denn es geht ja nicht primär um den Schrank, sondern um mich. Um Selbstbewußtsein, um Wohlgefühl und auch um das immer wieder neue Entdecken der eigenen Schönheit. Oh, Pathos! Also ran an den Stapel.

    Ich probiere durch, weil der Kopf den Bauch bestätigen soll. Passt wirklich alles zu mir? Finde ich neue Zusammenstellungen, an die ich im Alltagstrott noch nicht gedacht habe? Gibt es etwas zu flicken, zu kürzen oder zu waschen? Gibt es neue Favoriten, die mich zu den nächsten Käufen oder Nähstunden inspirieren? Will ich mehr von diesem, weniger von jenem? Meist finden sich noch ein paar Teile, die nicht mehr so eindeutig Ja sind. Ist das Ja ein klares Nein geworden, leg sie NEBEN den Nein-Stapel: sie kommen definitiv weg. Passen sie nicht mehr so recht, aber du magst dich nicht trennen, häng sie zurück in den Schrank – sicher ist sicher. Lass dich nicht von dem Gefühl, endlich einmal so richtig auszumisten, davon tragen.

    Dein Ja-Stapel ist durchgearbeitet, die Zeit rannte dahin – ich rate da zur Pause. Bei Tee und Keksen oder Salat und Saft lasse ich dann gerne die neuen Lieblinge Revue passieren und freue mich, wie unglaublich fantastisch ich in allem aussah. Euphorie und Endorphine soll man genießen: Wenn du jetzt nicht verliebt in dich bist, dann weiß ich es auch nicht. Ein alberner Gedanke vielleicht, aber schön eben auch.

    Nach der Pause: zurück zum Schrank und einräumen. Ich plädiere ja sehr für einheitliche, schmale Bügel, damit dir dein Schrank bei jedem Öffnen das Gefühl von Ordnung, Harmonie und Qualität gibt. In manchen Dingen bin ich aber auch fanatisch. Wer mich nun übrigens für ordentlich und aufgeräumt hält … das ist sehr speziell. Es kann bei uns schon mal hübsch chaotisch bis heftig duurcheinander sein. Oft sogar. Was bei mir aber immer, immer wohlsortiert sein muss, das sind Bücherregale, Filmsammlungen und Kleiderschränke. Dafür darf dann etwas überm Sessel hängen oder auf dem Boden liegen. Man kann nicht alles haben.

    Gut, alle Jas dürfen zurück in den Kleiderschrank. Sortiere so, wie es dir entspricht: bist du eher unsicher bei der Zusammenstellung, so hänge doch die besten Kombinationen zusammen. Bist du ein Augenmensch, den Höhen- und Längenunterschiede stören, dann sortiere nach Ober- und Unterteilen. Willst du deine Farben zur Geltung bringen, so hängst du alles von hell nach dunkel, von Nuance zu Nuance. Oder übertreibe es wie ich es tue: Hosen, Röcke, Blusen mit langem Arm, kurzem Arm, ärmellos, Feinstrickpullis, T-Shirts und jede Sparte nach Farben sortiert – Bücher werden ja schließlich auch nach Sparte UND Autoren sortiert.  Wie auch immer du einräumst: gerne hineinschauen solltest du jetzt.

    Und müde, lustlos und erschöpft, wie du nun bist, ist es die perfekte Zeit für den Nein-Stapel. Es gab Gründe, weshalb diese Teile hier vor dir liegen und nun bist du in der richtigen Stimmung für die Abrechnung. Wieder gehst du jedes Teil durch und teilst auf zwischen abgetragen, unsicher und dem klarem Nein, auf dem schon die Ex-Jas liegen. Was geschieht mit welchem Stapel?

    Abgetragen

    Zuerst geht es an den Stapel mit der abgetragenen, verfleckten oder zerrissenen Kleidung. Ist es ein geliebtes Teil, dass beim Robben durch Brombeerhecken einen Riß davon getragen hat, so fiele dir wohl noch etwas zur Rettung ein und sei es ein aufgebrachter Metallreißversschluss. Aber selbst wenn du ein solches Stück nicht retten kannst oder magst, kann es nützlich sein. Beispielsweise kannst du mit dem knielangen Kleid oder der knöchellangen Hose Saumlängen testen, in dem du immer weiter abschneidest und dir die Längen notierst, die dir gefallen. Du kannst Ausschnittformen einschneiden, Ärmel entfernen, du kannst mit diesem Teil spielen, wie du willst. Und ihm zu guter Letzt Knöpfe, Reißverschlüsse und Gürtel entnehmen, bevor du es zu Schräg- und Paspelbändern oder Belege zerschneidest. Und dann kann es weg. Eigentlich ein Tipp, auf den jede von selbst kommen kann. Aber manchmal nicht kommt. Ich bin ehrlich gesagt erst vor ein paar Wochen auf die Idee gekommen und habe mich danach erst an kniefreie Kleider gewagt …

    Unsicher

    • Die Teile, bei denen du dir unsicher bist – an was liegt es? Zieh sie an, schau dir ins Gesicht:
      Steht dir die Farbe, aber die Form ist nicht deines – kombiniere. Mit einem Unterziehtop, mit einem Blazer, einer anderen Hose. Immer noch nicht gut? Dann weg mit Schaden.
    • Ist es zu weit, dann überlege, ob du daraus etwas anderes zuschneiden kannst und lege es zu den Versuchsobjekten. Wenn du am Umändern keine Freude hast, dann denke daran: jedes Jahr ist Weihnachten und danach passt es vielleicht perfekt. Auch nicht? Und fort damit.
    • Ist es zu eng? Lässt es sich weiter machen, in dem du etwas auslässt oder etwas zwischensetzt? Schwankt dein Gewicht eh immer zwischen zwei oder drei Größen? Wird es dir also noch einmal passen? Alles nein? Dann auf den Stapel, der das Haus verlassen wird.
    • Ist es ein Teil, das außerhalb deines üblichen Stil liegt? Traust du dich nicht, es zu tragen, weil es dir zu fremd, zu anders erscheint? Dann überlege doch mal, ob es vielleicht den Grundstock zu einer ganz neuen Garderobe bildet oder ob du es deshalb hast, weil dir alles andere zu langweilig wird. Zieh es an und behalt es an, bis du mit deiner Arbeit am Schrank fertig bist. Fühlt es sich gut an, steht es dir oder zuppelst du immer dran herum und fühlst dich verkehrt? Lässt es sich zu einem der Ja-Teile spannend kombinieren? Nur du kannst beantworten, was es mit diesem Teil auf sich hat und welche Bedeutung es für dich hat. Nach den zirkulierenden Listen müsste es wohl weg. Aber vielleicht bist du eine heimliche Stilwandlerin, die langsam erwacht? Vielleicht trägst du im nächsten Jahr keine Anzüge mehr, sondern kommst jeden Tag anders um die Ecke?

    Hachja, die Beschäftigung mit Oberflächlichem geht ganz schön in die Tiefe. Denn es geht nicht um das Kleidungsstück an sich, sondern um wen? Genau, um die Hauptperson. Um DICH. Und da darfst du schon mal ein Viertelstündchen auf einem Kleiderstapel sitzen und darüber grübeln, wer du bist und was du zeigen willst von dir.


    Am Ende des langen Tages hast du einen aufgeräumten Kleiderschrank, eine vermutlich nicht zu kleine Tüte an Aussortiertem und einen volleren Nähkorb. Dazu hoffentlich Inspiration ohne Ende und eine Idee davon, was du unbedingt öfter nähen oder kaufen solltest.

    Lasst mich jetzt noch einmal zu der Nein-Liste kommen, die sich auf all den Ratgeberseiten findet. So rigoros ich selbst ausmiste: nie käme ich auf die Idee, ein Teil zu entsorgen, nur weil es eine gewiße Anzahl an Wochen nicht getragen wurde. Oder weil es unmodern ist. Oder weil ich ein Dutzend ähnlicher Stücke im Schrank hängen habe. Bist du nämlich die Puristin mit ihrem perfekten Kleiderschrank, so heißt das noch lange nicht, dass dort nur EINE dunkelblaue Hose und NUR ein geblümtes Sommerkleid enthalten sein dürfen. Damit diese Teile lange getragen werden können, brauchen sie Ruhezeiten und wenn dir dunkelblaue Hosen besonders gut stehen, spricht nichts dagegen, davon mehrere zu haben, wenn sie auch nur für dich unterschiedlich sind. Jajaja, erwischt, die mit den dunkelblauen Hosen bin ich. Und jede ist ein wenig anders und verschafft mir ein anderes Tragegefühl. Die eine wird gekrempelt, die andere nicht. Jene braucht einen Gürtel, bei der anderen verzichte ich darauf. Eine ist etwas weiter, die andere formt. Wer also viele ähnliche Teile im Schrank hat, überlegt erst einmal, weshalb das so ist.

    Alle

    Und wer auf die Siebziger steht oder die Dreißiger, wer sich besonders romantisch oder eher androgyn kleidet, wer also seinen ganz eigenen Stil hat, darf sich mit Recht fragen, weshalb die Modernität ein Entscheidungskriterium sein soll. Und diesen Rat ganz schnell vergessen. Ebenso kann sich die Archivarin mit ihrem Schrankinhalt für jede Gelegenheit und jedes Wetter fragen, weshalb sie den wunderbaren Kimono vom Flohmarkt oder die Lederjeans für Rockkonzerte entsorgen soll, nur weil sie ein halbes Jahr lang nicht getragen wurden. Für sie macht das keinen Sinn. Oder wenn du planst, deine schönsten Teile deiner noch ungeborenen Tochter zu hinterlassen – schaff dir Platz unterm Bett, im Keller oder auf dem Dachboden, aber lass dich nicht verleiten, geliebte Kleider zu verschenken, nur weil du sie nicht trägst. Denn die wirklich gifitigen Kleidungsstücke, in denen du dich unwohl fühlst, die dir nicht stehen, die hast du schon aus dem Haus.

    Was ich sagen will: verliere dich nicht aus dem Auge. Wenn du Auswahl und Fülle willst, sortiere zurückhaltend aus. Willst du deinen Stil komplett ändern: geh gnadenlos ran, aber verstaue die nun ungeliebten Teile erst einmal an einen sicheren Ort. Hattest du nur billige Klamotten und alte Fetzen im Schrank und entdeckst dich endlich/wieder/neu: raus, raus, raus mit all dem und wenn erst einmal nur eine Jeans und eine Bluse übrig bleiben. Denk aber auch an die Gelegenheiten, die nach Arbeitskleidung rufen, die verschmutzt und zerrissen werden darf: es ist sicherlich sehr erhebend, eine Garderobe zu besitzen, die dich in jeder Gelegenheit zur Dame macht. Blöd, wenn die Dame dann mal schnell streichen muss oder das Kind aus dem Matsch retten muss.

    Hachja, ich gebe zu, dass ich mit diesem Teil der Serie sehr hadere, denn es geht mir vieles im Kopf umher und die Grenzen zu den anderen Bereichen sind so schwammig. “Wie stelle ich eine für mich passende Garderobe zusammen” lässt sich nur schwer von diesem Ausräum-Teil trennen. Und schon gar nicht will ich ein Regelwerk durch eine Gebrauchsanweisung ersetzen. Seht es mir nach, wenn alles etwas diffus und wirr ist. In Worte zu fassen, was ich früher für andere und mit ihnen getan habe, ist nicht leicht. Mir geht es darum, dass du für dich harmonisch und stimmig bist und ich weiß, dass viele Frauen damit hadern, aus welchen Gründen auch immer. Es geht nicht in erster Linie um das Optimieren des Körpers – ob mit Diät, Sport oder Kleidung, obwohl das genau dann das Richtige ist, wenn du das willst. Was immer du in dir sehen willst, wie immer du wahrgenommen werden willst – das ist Entscheidende. Da wir aber auch gerne als angenehm und attraktiv und freundlich wahrgenommen werden wollen, schadet ein strenger Blick in den Spiegel eben nicht.

    Wenn ich mich selbst als romantisch-versponnen erlebe, dann frage ich mich, ob ich so wahrgenommen werden will oder nicht. Will ich mich verbergen und schützen, so wird meine Garderobe für die Außenwelt kühl-sachlich sein und für die Freizeit verspielt und feenhaft. Kann ich mich aber nicht meiner Uniform entsprechend verhalten, ist es vielleicht besser, sich nach der Persönlichkeit zu kleiden und daraus mehr Kraft und Durchsetzungsfähigkeit zu ziehen. Ihr seht, ich mache mir vermutlich viel zu viele komplizierte Gedanken, die im täglichen Leben gar nicht so wichtig sein mögen. Für mich waren sie wichtig, weil ich nur so in der Lage war, Frauen keinen fremden Stil überzustülpen, nur weil er ihre Hüften schmäler erschienen ließ, ansonsten aber die ganze Frau verkleidete. Wie auch immer, jetzt hast du dir eine Stärkung verdient. Danke, wenn du bis hierhin dabei geblieben ist, ich habe mich dieses Mal unendlich schwer getan.

  • Wunderbarer Kleiderschrank

    Wunderbarer Kleiderschrank: Stilregeln

    Für den Fall, dass das noch nicht deutlich genug zum Ausdruck kam: ich hasse Regeln, die nicht als Vorschlag, sondern als Verbot und Einschränkung daher kommen, wo sie keinen Sinn machen. Ein Verkehrsschild, das mich zum Halten vor einer gefährlichen Kreuzung zwingt: macht Sinn, denn bei Nichteinhaltung gefährde ich mich und andere. Warum ich aber dieses oder jenes partout nicht tragen dürfen soll, nur weil es meine Figur nicht in Richtung begehrenswerter Männertraum optimiert, leuchtet mir nicht ein – wen gefährde ich, wenn ich meine breite Hüfte nicht mit breiten Schultern ausgleiche? Stürzt die Welt ein, wenn die dicke Frau ihr Bein blitzen lässt oder wenn die Dünne ihren Hüftknochen nicht abpolstert?

    Und schon wieder sage ich: versteht mich nicht falsch. Ich meine gar nicht einmal, dass all diese Stilregeln sinnlos sind oder dass ich nicht auch bei manchem Anblick erstarre und erschrecke. Denn den meisten unter uns ist ein  Sinn für Schönheit, für Ästhetik gegeben – das Auge erfreut sich am Harmonischen und Symmetrischen und an dem, was schon der Höhlenmensch als Zeichen von Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit interpretierte. Und natürlich wollen wir dieses Befürfnis am Schönen auch erfüllt sehen beim Blick in den Spiegel. Selbstverständlich gibt es Kleidung, die uns besonders schön macht oder aber uns entstellt und bei letzterer neigen Frauen dazu, sie als Wahrheit anzuerkennen. Das gewöhnen wir uns bitte ab. Jetzt. Sofort. Für immer.

    Gehen wir also davon aus, dass wir alle am liebsten so gut wie möglich aussehen wollen und uns darin so gut wie möglich FÜHLEN wollen. Dann müssen wir uns mit unseren körperlichen Gegebenheiten auseinander setzen. Ehrlich. Mit jedem Hubbel und jeder Beule. Das müssen wir Hobbyschneiderinnen sowieso, ansonsten passt am Ende nichts. Aber wir müssen uns auch akzeptieren und mögen (lernen). Was doch auch bedeuten sollte, unsere Unterschiede als wesentlichen Teil unserer Person anzunehmen. Jede von uns hat neben dem seit Jahrtausenden vererbten Schönheitsbild auch eigene ästhetische Vorlieben entwickelt: so wie die Eine auf blonde, leptosome Männer steht, so fühlt sich die andere vom dunkelhaarigen Gemütsbären angesprochen. Sich selbst aber optimiert sie mithilfe all der so überreich angebotenen Kleider- und Figurvorschriften in Richtung Sanduhr. Polstert die Oberweite mit uniformen T-Shirt-Bhs aus, verdeckt die dünnen Oberarme unter Puffärmeln oder trägt lange Cardigans auch im Sommer, um den runden Po zum Schmelzen zu bringen. Sie misst sich ab, um die zu kurzen Beine, die zu breite Hüfte oder den kurzen Hals in die korrekte Proportion zu schummeln. Verzichtet auf Gürtel oder schlingt sie zwanghaft um alles, sucht nach der einzig wahren Hosenlänge und dem perfekten Rock für Leben.

    Das ist alles absolut in Ordnung, wenn du mit dem Ergebnis zufrieden bist und nicht dennoch vor dem Spiegel stehst und ernsthaft über Fettabsaugungen oder Silikoneinlagen nachdenkst oder dir das Leben sonstwie vermiest, weil du einfach nicht so aussiehst, wie du es dir oder andere sich vorstellen. Der immer großzügig mitgelieferte Tipp, doch zu betonen, was man besonders an sich mag, ist dann hinfällig, falls du zufällig deinen Minibusen oder deine stämmigen Waden besonders liebst. Und dazu kann ich nun noch einmal Lottie zitieren:

    Und als kleine Anekdote zur Stilberatung: ich habe wirklich breite Schultern und eher muskulöse Oberarme (nicht unbedingt gewollt, sondern einerseits genetisch veranlagt und meiner Sportliebe wegen). Viele Kleider sehen irgendwie blöd aus und alles was die Schultern noch mehr betont und wovor jede Stilberatung wahrscheinlich warnen würde. Mein Mann findet das aber sehr sehr toll und mag gerade diese „Schwachstelle“ so gerne und ermutigt mich, schulterbetonende „athletische“ Kleidung zu tragen. Das ist doch irgendwie schön, eine „Schwachstelle“ meines Körpers wird als schön angesehen. Und ich habe mir übrigens ein ganz tolles Tank-Top Bikinioberteil gekauft, das meine Schultern noch viel mächtiger erscheinen lässt ? aber ich fühle mich wohl darin.

    Wer sich in den letzten Tage eine strahlende Lottie in ihrem Hochzeitskleid angeschaut hat, weiß genau, wovon sie spricht. Ich finde das Kleid perfekt gewählt, weil es zum einen NICHT versucht, aus einer sportlichen Figur eine laszive Sanduhr zu machen und zum anderen weil es genau das tut, was das perfekte Kleidungsstück tun sollte: es passt zu ihrer Persönlichkeit, es betont ihre Besonderheit und es ist Anlass und Umgebung angemessen. Harmonie pur. Ich mag mir gar nicht vorstellen, in was Lottie hinein gezwängt worden wäre, hätte man ihre Schultern als zu unbräutlich betrachtet …

    Lasst mich da noch einmal persönlich werden: während ich über einige Jahre hinweg an meiner Vintagegarderobe arbeitete und sie auch noch täglich trug, bekam ich immer wieder Kommentare, die streng darauf hinwiesen, dass das nichts für mich wäre. Mein Oberkörper sei zu kurz, meine Hüften zu breit und so richtig jugendlich sähe das auch nicht aus. Das ist alles richtig. Irgendwie. Wie man sah, habe ich dennoch weiter gemacht. Nicht, ohne mich manchmal für eine Viertelstunde zu ärgern, weil Kritik ja nie der Höhepunkt des Tages ist. Warum habe ich mich nicht bekehren lassen? Aus zwei oder drei Gründen:

    1. Als (früher) immer zu Dünne habe ich jahrelang darunter gelitten, dass ich mich selbst als zu wenig weiblich aussehend fühlte. Daran änderten anderslautende Bekundungen der Menschen in meinem Umfeld nicht viel. Mit der Geburt meiner Söhne, dem üblichen Abrutschen in Still- und Spielplatzkleidung entdeckte ich meine Freude am Handarbeiten erneut und die verband sich recht bald mit meiner immer schon vorhandenen Vorliebe für die Eleganz und Weiblichkeit der 30er und 40er. Und meinen Freundinnen und mir gefiel es. An mir. Es ist ein Stil, der über-weiblich ist und der mir genau das vermittelt hat: du bist innerlich wie äußerlich Frau, Frau, Frau. Eine gute Erkenntnis.
    2. Das Selberzeichnen der Schnitte und mein Selbststudium der nötigen Technik war eben auch eine Herausforderung, die mich reizte: kann ich es schaffen, Kleiderschnitte zu konstruieren, die denen nachempfunden sind, die mich als Kind auf der Leinwand begeisterten? Kann ich sie nähen, kann ich einen Kleiderschrank so füllen, dass ich am Montag als Sommer 1938 und am Mittwoch als Herbst 1944 auf die Straße treten kann? Habe ich geschafft. Ich habe etwas hinbekommen, was ich mir niemals zugetraut hätte und darauf bin ich verdammt stolz.
    3. Ich beruflich so ziemlich alles gelernt, was mit weiblicher Schönheit zu tun hat. Und kenne all die Regeln in- und auswendig. Ich habe sie gebrochen. Ich habe eine Silhouette für meine Figur übernommen und ich habe mich in den allermeisten dieser Teile sehr, sehr wohl gefühlt. Ich habe mich mit meiner hohen Hüfte, meinem geraden Oberkörper, den langen Armen und Beinen arrangiert. Fast akzeptiere ich sogar mein Bäuchlein und den flachen Po (man kann nicht alles haben 😀  ) In meinem Umkreis hat man mich als attraktiv wahrgenommen, obwohl meine Figur nicht nach 08/15 optimiert war. Man hat mir Türen geöffnet, Tüten getragen, wohlgesetzte Komplimente gemacht. Weil diese Kleidung, die ihr innewohnende Ästhetik, zu hunderprozent zu meiner damaligen Einstellung und Ausstrahlung passte. Und weil ich farblich immer innerhalb meiner Palette geblieben bin, die die Blicke in mein Gesicht zwangen. Denn Farbe schlägt Form. IMMER.

    Warum habe ich es geändert? Weil die betonte Taille unbequem wurde, nun, wo sich meine Figur ändert, weicher wird und andere Ansprüche an Wohlfühlkleidung stellt. Und weil wir eine politische Atmosphäre haben, die mich von jeder nur denkbaren Annäherung an rechte Thesen und ihre Akzeptanz Abstand nehmen lässt. Da wollen manche das Dritte Reich wiederherstellen und dem setze ich Modernität entgegen, so gut ich nur kann. Auch habe ich mich an dem Stil etwas satt gesehen und hatte Lust auf neue Schnitte, neues Lernen, auf Ausprobieren und (wieder)Entdecken meiner anderen Vorlieben. Dass all das einher geht mit Optimierung meiner Figur – das ist ein Nebeneffekt, der mir das Altern zur Zeit versüßt.

    Was also will ich eigentlich? Ich möchte mehr Bandbreite in dem, was neben klassischer Schönheit existiert. Ich möchte nie mehr lesen müssen, wie eine hübsche Mitbloggerin sich dieses oder jenes Kleidungsstück verbietet, weil sie angeblich eine Birne sei und da dieses oder jenes nicht ginge. Und das obwohl ich mir genau das vielleicht wunderbar an ihr vorstellen kann. Entscheidend ist, worin ihr euch wohlfühlt und das hängt in erster Linie von eurer Persönlichkeit ab. Wer mit Blicken und Sprüchen anderer nicht gut klarkommt, sucht sich Kleidung, die davor beschützt. Wer gerne im Mittelpunkt steht, trägt das, was sie dort hin trägt. Wer so perfekt wie möglich ausspiegelsehen will, optimiert sich, so gut es geht. Nutzt all diese Stilregeln so, wie ihr es wollt, aber hinterfragt sie. Wenn du mit deiner Figur zufrieden ist, dann betone sie und versuche nicht, sie dem Ideal anzupassen. Und deine Figur darf dir gefallen, egal, wie wenig genormt sie sein mag.

    Wie also kommst du zu deiner perfekten Garderobe, die dich immer gut aussehen lässt, egal zu welchem Wetter, welchem Anlass oder welcher Laune? Probiere dich aus. Verliebe dich in dein Spiegelbild, entscheide aus dem Bauch heraus oder lasse deinen Kopf bestimmen. Teste ungewohnte Formen und das, was du dich bislang nicht trautest. Aber das geht schon in Richtung Schrank ausräumen und bestücken, für heute reicht es. Das war nun mehr ein Rant als ein fundierter Artikel, aber es war mir wichtig.

  • Wunderbarer Kleiderschrank

    Die Hauptperson

    Heute geht es um dich. Die Besitzerin des Schrankes, die Trägerin der Garderobe, die kaufende, nähende, sammelnde Frau. Ich schrieb es bereits: mir fehlt in den meisten Artikeln zum Thema das wirklich wichtige – die angesprochene Person. Also ich. Oder du. Dein Charakter, deine Persönlichkeit spielen eine eben so große Rolle wie dein Beruf oder dein Budget. Beim Lesen hatte ich oft das vage Gefühl, all die Tipps der lifestylebloggenden Modemädchen und der Magazinredakteurinnen richten sich an die gleiche Frau. Als ob die Schreiberin sich nur einen Typ Frau vorstellen kann, der diese Zeitschrift, diesen Blog liest. Eine Frau übrigens, die mir noch nie begegnet ist:

    what to wear

    Offenbar verdient sie ihre eigenes Geld und davon ausreichend, besitzt ein Zimmer nur für ihre Kleidung, besucht monatlich wenigstens eine abendliche Veranstaltung in großer Robe, hat am Wochenende unglaublich viel vor, packt ihre Reisetasche mehrfach im Jahr für Städtereisen und Badeurlaube und hat zwar keine Zeit am Morgen, weshalb sie vor dem Kleiderschrank verzweifelt, aber Zeit genug, um über Tage hinweg ihren Schrank auszuräumen, über jedes Teil zu philosophieren und es zu analysieren, Listen der must haves anzufertigen und alles zu streichen, was sie keinesfalls tragen sollte. Und trotz ihrer kosmopolitischen Umtriebigkeit und ihrem Organisationstalent ist sie doch so von Selbstzweifeln und Unsicherheiten geplagt, dass sie sich sagen lässt, was sie in den nächsten Wochen zu kaufen hat. Im Zweifelsfall wird sie nun einen capsule wardrobe im French Chic bestücken, der nicht vollständig ist ohne das kleine Schwarze, einem Trenchcoat, der perfekt sitzenden Jeans, der weißen Hemdbluse und einer dunkelblauen Anzughose. Achja, auch ein gestreiftes T-Shirt gehört dazu und für ein Hermès-Tuch, das so vielseitig kombinierbar ist und ihre Klasse und Individualität verrät, spart sie ab sofort ebenfalls.

    Wieder möchte ich einwerfen: versteht mich nicht falsch, das sind fantastische Kleidungsstücke, die nicht ohne Grund immer wieder genannt werden. Es schadet überhaupt nicht, sie zu besitzen und zu tragen. Aber sagen sie etwas über dich aus? Stellen sie dich in den Vordergrund oder spielt der teure Mantel die Hauptrolle? Wobei wir da schon bei der ersten Selbstbetrachtung sind: willst du gesehen werden? Oder möchtest du dich gerne ein wenig hinter einer Uniform verstecken? Beides ist möglich, beides berechtigt und in Ordnung. Ob du introvertiert und schüchtern bist oder explosiv und theatralisch oder alles, was zwischen diesen Polen liegt – deine Kleidung sollte dir geben, was du brauchst. Verblüffenderweise wird das die für alle gleiche Garderobe nicht schaffen können. Wer hätte das vermutet? Dass Frauen so unterschiedlich sind, das konnte ja niemand erwarten!
    Und was besseres könnte ich nun tun, als zwei Kommentare zu zitieren. Lottie beispielsweise könnten wir mit dem Zwang zum Minikleiderschrank und Stilvorschriften bestrafen :

    Ich habe einen sehr überreich gefüllten Kleiderschrank und liebe es. Nie habe ich nix anzuziehen, oft überlege ich schon beim Heimweg am Abend vorher, was ich anziehen könnte und das macht mich wirklich sehr zufrieden. Schliesslich habe ich sehr vielseitige Interessen und es muss für Sport, Wandern, Schicksein, Bequemsein, Alpleben im Tessin etc. alles dabei sein.

    Joanna träumt ganz anders:

    Ich finde die moduläre Garderobe sehr reizend – weil ich ja so unglaublich faul bin (mit etwas Wohlwollen kann man das „ergebnisorientiert“ nennen). Ein Traum wäre wahllos in den Schrank zu greifen und alle Sachen passen zusammen und sehen gut aus (und müssen nicht gebügelt werden).

    Ihr seht, schon jetzt haben wir zwei ganz unterschiedliche Auffassungen und Ideen. Aber noch immer nur eine einzig wahre Art, den Kleiderschrank aufzuräumen und zu bestücken. Was tun?

    So sehr ich mich ansonsten gegen Kästchen wehre und bislang nur für die Farbfamilien eine Ausnahme machte, so streue ich nun Asche auf mein Haupt und baue Kästchen. Ganz unterschiedliche. Weil wir als Leserin der Frauenmagazine und Lifestyleblogs (selbst wenn wir sie nicht ernsthaft lesen …) bislang in einer einzigen Box feststeckten: unmündige Leserinnen, die nach dem großen Umstyling alle gut, aber auch alle etwas gleich aussehen. Wodurch wir noch leichter in die eine vorhandene Schublade passen. Sicherlich bekomme ich nun auch nicht alle Kästchen passend gezimmert und da fehlen sicherlich noch Döschen für manche. Aber ich bin ja auch nicht zum Vordenken hier, sondern zum Anregen. Im besten Falle. Und ehrlich gesagt, mir ist gerade ein wenig schwindlig, weil ich mir vielleicht zu viel vorgenommen habe.

     

    Alle

     

    Nun gut, ich mache es mir so leicht und übersichtlich wie möglich und gehe davon aus, dass ihr selbst mit ein wenig Nachdenken am Besten wisst, was ihr wollt und braucht. Wie bei der Farbberatung auch sehe ich zwei mal zwei Gruppen. Dort sind es warm und kühl, leuchtend und gedämpft und daraus ergeben sich vier Kombinationen. Bei den Kleiderschrankbesitzerinnen, die ich kenne, ist das ganz ähnlich und ähnlich wie bei der Farbberatung gibt es innerhalb der Gruppierungen viele Varianten.

    Bei der Schranktypologie unterteile ich einmal nach Persönlichkeit der Hauptperson und einmal nach Menge des Schrankinhaltes. So gibt es die Introvertierten, die Zurückhaltenden und die Extrovertierten, die Bunten; und es ist ein guter Zeitpunkt darauf hinzuweisen, dass das keinerlei Wertung enthalten soll. Der Kleiderschrank selbst mag eher spartanisch sein oder zur Überfülle neigen – und beides aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich versuche mich mal an den Beschreibungen meiner vier Haupttypen.


    modespaß

    Selbstbewußt die Frau, voll der Schrank

    In deinem Kleiderschrank findet sich alles und davon viel: es gibt einfarbiges, gemustertes, leuchtendes, dezentes. Es gibt Kleider für den Hippie in dir, für die Rockröhre, für die strebsame Karriererau, das Spielkind. Es gibt etwas für morgens, mittags und nachts. Es gibt sündteures und sehr günstiges, vererbtes, gekauftes, selbstgeschneidertes. Jede Größe, die du einmal hattest, ist vorhanden; Kleidung aus all deinen Lebensjahrzehnten und aus denen davor. Kurz: alles, was dir gefällt und gefiel, ist irgendwo zu finden; dein Kleiderschrank ist dein Archiv. Denn du bist eine Sammlerin, eine Stilwandlerin, eine Kostümspielerin. Kleidung hat für dich mit Laune, Anlass und Tagesform zu tun. Und das soll auch so bleiben.

    Das Problem könnte sein: nicht nur der fehlende Platz, sondern mit den Jahren auch die fehlende Übersicht. Es wird immer schwieriger, wirklich passende Kombinationen zusammen zu stellen und so kann es dir geschehen, dass du trotz der großen Auswahl nur noch in den selben zehn Kleidungsstücken zu sehen bist. Dann ist es an der Zeit, die Garderobe zumindest neu zu sortieren und von den Stücken zu befreien, die dich behindern. Welche das bei dir sein können, dazu kommen wir beim nächsten Mal. Was du dir keinesfalls nehmen lassen solltest, das ist der Spaß an der Mode und das Selbstbewußtsein, auch ungewöhnliche Zusammenstellungen zu tragen – wenn du eher der Exzentrik zuneigst.

    Es kann aber auch sein, dass dein Kleiderschrank sehr voll, aber nicht vielfältig ist, was Stile und/oder Farben anbelangt. Weil du trotz reichhaltiger Auswahl eine Puristin bist; eine, die viel Wert auf Harmonie in der Erscheinung legt: dann weißt du die feinen Unterschiede deiner drei dunkelblauen Hosenanzüge zu schätzen und solltest dir auch nichts anderes einreden lassen, wie oft du auch lesen magst, dass kein Mensch so viel des Gleichen bräuchte. Auch für deinen Schrank greifen die üblichen Ausmisttricks nicht.


    ordnung

    Selbstsicher die Frau, ausreichend gefüllt der Schrank

    Dein Kleiderschrank kann jederzeit inspiziert und abfotografiert werden: er ist makellos. Für alle Gelegenheiten bestückt, wohlgeordnet, einladend. Und das ohne große Mühe. Ein oder zweimal im Jahr sortierst du um, sortierst aus, sortierst ein. Farblich passt alles zusammen, stilistisch alles zu dir – und das können mehrere Richtungen sein oder eine einzige. Du bist die Perfektionistin unter den Kleiderschrankhalterinnen, die Stilsichere, die Souveräne.

    Das bedeutet nicht, dass bei dir nur die must haves hängen oder alles auf den großen Auftritt ausgerichtet ist. Auch du warst schon und kommst auch wieder an den Punkt, an dem alles anders werden muss, an dem dir nichts mehr gefällt, an dem du dich verändert hast. Aber so ist das Leben und das wird nur selten etwas an einem Fakt ändern: dir ist dein Äußeres, deine Kleidung so wichtig, dass du dich kümmerst, aber das so selbstverständlich, dass dir gedanklich der Raum und zeitlich der Platz bleibt, dich um die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu kümmern. Ob du dich ehrenamtlich engagierst, mit den Kindern auf dem Spielplatz bist oder deine berufliche Zukunft vorantreibst – all das geht im gepflegten Habitus ebenso gut wie in Jeans und T-Shirt.

    Die Gefahr liegt auf der Hand: du fährst dich schon mal fest, findest es nicht leicht, zwischen verschiedenen Stilen zu wechseln und die äußere (scheinbare) Perfektion (die du ganz anders wahrnimmst) kann auf andere schon mal arrogant oder snobistisch wirken. Ein bißchen mehr Lässigkeit schadet sicherlich nicht und dein übersichtlicher Kleiderschrank kann eher vom Addieren als vom Subtrahieren profitieren.


    uniform

    Unsicher die Frau, leer der Schrank

    Der Grat zwischen modulärem Kleiderschrank und trister Langeweile ist fließend. Manche deiner Kombinationen lassen dich wunderbar schlicht und edel wirken, die meisten aber tun das nicht. Du findest deine Kleidung langweilig, du findest dich langweilig und eigentlich gibt es im Leben viel wichtigeres als diese Äußerlichkeiten. Da hast du recht. Aber eigentlich ist fast alles wichtiger als Spaß an Nichtigkeiten zu haben. Vor allem, wenn diese Nichtigkeiten, ob du es willst oder nicht, anderen ein Bild von dir vermitteln. Von dir als der Gleichgültigen …

    Die immer gleiche Jeans, die ausgewaschene Bluse, der Pulli, der pillt – sie zeigen nicht nur, dass dir die Kleidung egal ist, sie behaupten auch, dass du dir egal bist. Dazu noch das Beige, das Braun, das Grau, die zu weiten oder zu engen Schnitte – das ist ein wenig traurig. Von Zeit zu Zeit wolltest du das ändern und gerietst an eine Verkäuferin, die es mit der Beratung nicht wohlmeinte und so hängen noch einige wild gemusterte Shirts und ein paar Leinenkleider in orange und giftgrün im Schrank. Wenn ich das so schreibe, dann denke ich, dass es nicht viele sind, die sich hier wieder erkennen, aber wenn doch: rede dir nicht immer ein, dass du mit all dem Modezeugs nichts anfangen könntest, dass du kein Händchen hättest oder sowieso nicht hübsch genug seiest, um dich mit Freude und Liebe einzukleiden. Das ist Blödsinn. Trau dich einmal raus aus deinem Schneckenhaus. Wühle dich durch pinterest, kaufe dir zwei Stapel oberflächlicher Zeitschriften, schaue dir alles an und kreuze auf jeder Seite etwas an, was du tragen würdest, wenn du müsstest. Spiel mal wieder. Und dann schnapp dir die Freundin, die dir schon immer in den Ohren liegt, dass du etwas ändern müsstest und kauf ein. Leg dir einen Nähplan zurecht, was du endlich einmal haben willst. Versteckt wird nicht mehr!

    Und während ich mich um das unsichere Mäuschen kümmerte, saß die andere, die sich gerne versteckt, die Sicherheitssuchende, in ihrer Ecke und gratulierte sich schon zu ihrer erfolgreichen Unsichtbarkeit. Zu früh gefreut. Es gibt auch Kleiderschränke, die erst einmal ganz gut aussehen, minimalistisch eben und von guter Qualität. Sauber, geordnet, gepflegt. Und so ist auch die Halterin dieser Garderobe. Wahrscheinlich hängen in ihrem Schrank das kleine Schwarze, der Trench, die edle Jeans für die erwachsene Frau, das unverzichtbare Jacket und die weiße Bluse. Dazu kommen Schuhe, in denen sie gut laufen kann, Handtaschen, in denen nicht gewühlt werden muss, Seidentücher, die “aufpeppen” und Perlen, von der Großmutter geerbt. Und immer schon wird sie wahrgenommen – wenn sie wahrgenommen wird! – als zurückhaltend, zuverlässig, gut gekleidet und etwas ältlich.
    Deine Uniform soll dir Schutz geben, aber sie soll dich nicht unsichtbar machen. Es ist ok, sich “sicher” zu kleiden und die eigene Persönlichkeit nicht nach außen tragen zu wollen; es ist nichts verkehrt daran, ruhig, introvertiert und zurückhaltend zu sein. Aber wenn andere nicht erahnen können, dass eine witzige oder neugierige Frau, eine mit entschiedenen Meinungen oder verrückten Thesen hinter der Fassade steckt, dann wird sie all das mit der Zeit auch immer weniger sein – einfach dadurch, dass man sie als Einrichtungsgegenstand behandelt.


    chaos

    Nicht selbstbewußt genug die Frau, berstend der Schrank

    Kleider, wohin das Auge auch schaut. Es ist bunt, es ist laut, es ist wild. Ob im Schrank oder an dir. Und im ersten Moment möchte man meinen, du seist eine hyperexzentrische Modemutige, eine Sammlerin ersten Ranges. Aber schaut man sich deinen Kleiderschrank genauer an, dann stellt man fest: es sind vor allem Klamotten, nicht Kleidungsstücke, die lieblos auf Drahtbügeln hängen oder in die Ecken gestopft sind. Es gibt kaum zwei Teile, die wirklich zueinander passen und wenn man ehrlich ist, dann kann man sich an dein Outfit erinnern, wäre aber in Verlegenheit, müsse man dein Gesicht beschreiben. Denn du hast dich entweder bewußt hinter all dem Farben-Formen-Wirrwarr versteckt oder du bist eine Chaotin ersten Ranges, der ihre Garderobe wahrhaftig über den Kopf gewachsen ist.

    Wenn du dich nicht verlieren willst, dann musst du deinem Schrank zeigen, wer die Herrin im Hause ist. Und am besten bittest auch du eine Freundin zu Hilfe, die unerbittlich aussortiert, dich aber nicht umkrempeln will. Vielleicht bist du die Exzentrikerin, die eben doch ein paar Regeln braucht, um aus seltsam besonders zu machen. Vielleicht bist die Frau mit dem gewissen Etwas, die aus den Schichten heraus geschält werden muss. Oder du hast dir noch nie Gedanken darüber gemacht, wer du bist und was du der Welt von dir zeigen willst. Auf jeden Fall dürftest du von allen am ungläubigsten vor deinem Schrank stehen, nachdem alles daraus entfernt worden ist, was dir zu groß ist, was nicht mehr zu reparieren ist, was schäbig ist oder dir schlicht überhaupt nicht steht.Es dürfte nun sehr, sehr leer sein …

    Von allen Kleiderschrankhalterinnen hast du die größte Aufgabe, aber auch die schönste Wandlung vor dir. Dir würde ich empfehlen, eine Farbberatung zu machen, denn du wirst immer den Hang haben, ein von anderes ungeliebtes Kleidungsstück zu retten, ein mißlungenes Nähstück aufzubewahren und einem Schnäppchen nicht widerstehen zu können. Wenn du dabei innerhalb eines Farbbereiches bleibst, passt immerhin alles zusammen und nicht jedes Kleidungsstück zieht bei dir ein.


    Ich fühle mich jetzt etwas erschlagen und wer mitgelesen hat, wahrscheinlich auch. Aber wir sind noch nicht ganz durch für heute.

    Natürlich gibt es unendlich viele Frauen, die sich nicht ganz und gar in den überspitzt dargestellten Typen wiederfinden. Aber vielleicht reichen diese vier Unterteilungen schon aus, um Gedanken anzuregen, die sich um DICH ganz alleine drehen. Und es geht noch immer nicht ums Körperliche oder um den passenden Stil. Sondern alleine darum, dass der EINE perfekte Kleiderschrank für ALLE gar nicht existiert. Erinnert ihr euch an den Film Monsters inc.? In dem die Monster des Nachts Kinder erschrecken, um aus deren Angstschrei Energie zu gewinnen? Sie treten durch die Kinderzimmertüren ein, die alle unterschiedlich aussehen. Manche sind bunt, andere neutral, einige verziert, die meisten schmucklos. Aber keine ist wie die andere. So stelle ich mir eure Schränke auch vor. Es sind alles Schränke, jeder gehört zu einer der vier Typen und keiner ist gleich.

    Und als letztes für heute (endlich!): es kann durchaus sein, dass die Perfektionistin momentan noch den Schrank der Gleichgültigen hat oder dass unter der Sammlerin eine Minimalst-Puristin verborgen liegt, oder oder oder. Ich bin gespannt.

    Na vor allem bin ich jetzt todmüde und hungrig, so lange habe ich noch nie an einem Beitrag gesessen, dessen Nutzen dazu höchst ungewiß ist.

  • Wunderbarer Kleiderschrank

    Die letzten hundert Jahre

    0785 Es war im letzten Jahr, als die Sache mit dem capsule wardrobe flutartig über mich hinweg zu schwappen schien. Auf einmal war der angebliche Minimalismus überall:
    Weniger ist das neue Mehr! Schluß mit den stundenlangen Grübeleien vor einem überfüllten Kleiderschrank, dessen Ursache nur in der weiblichen Kaufsucht und Unsicherheit lag. Schluß mit falscher Eitelkeit, her mit der Uniform. Her mit dem gesparten Geld. Willkommen, du Kombinationswunder, mein neues Ich, gereinigt und geklärt.
    So und ähnlich klang es zwischen den Zeilen. Gut, bei den meist amerikanischen Initiatorinnen stand das nicht zwischen den Zeilen, sondern schon in der Überschrift. Aber das Prinzip, die Idee klangen verführerisch, frisch und neu und wer sich schon länger Gedanken machte um Hungerlöhne und Ausbeutung in den kleidungsproduzierenden Ländern oder wer mit Wonne nähte, sich dabei von bunt gemusterten Stoffen verführen ließ und dann zu jedem Rock nur ein Oberteil im Schrank finden konnte, der stand dieser Idee sicherlich positiv gegenüber. Müssen wir nicht drüber reden oder?

    Was mich da schon störte, das waren das angeblich Neue und die immer gleiche Vorgehensweise für alle. Fangen wir mal mit dem “Novum” an und schauen zurück:

    Dass es für den Großteil der Bevölkerung in früheren Jahrhunderten schon Luxus war, wenn man mehr als zwei Leinenunterkleider und zwei oder drei grobe Überwürfe sein Eigen nennen konnte – geschenkt. Soweit zurück müssen wir gar nicht; interessant ist unsere Neuzeit, die kleidungstechnisch um den Ersten Weltkrieg herum einsetzte. Längst mussten Kleider nicht mehr von Schafschur bis Handnaht mühsam und langwierig selbst hergestellt werden; immer mehr hatte sich die Kleidung von der Stange durch gesetzt, die günstiger zu haben war und somit einen entscheidenden Anteil an einer Demokratisierung der Gesellschaft hat. Übrigens war Deutschland der Hauptexporteur in Sachen Bekleidung; aus Frankreich kamen zwar die Ideen und Entwürfe, die Mode selbst, aber hergestellt wurde vor allem hierzulande, was während des Ersten Weltkriegs zu einem deutsch-französischen Nebenschauplatz führte. So wurden die Französinnen eindringlich gemahnt, keine günstigen deutschen Kleider mehr zu kaufen und zu tragen, während in Deutschland hektisch Modeschulen und -büros ins Leben gerufen wurden, um rein deutsche Entwürfe zu fertigen und sich von der französischen Modeknechtschaft zu befreien. Kaum war der Krieg beendet und die Gemüter noch lange nicht beruhigt, drängelten sich deutsche Hersteller schon vor französischen Designhäusern, um endlich wieder “richtiges” Design kopieren zu können. Auch die Französinnen griffen recht bald wieder zum günstigen deutschen Angebot.

    Nun gut, zurück zum eigentlichen Thema. Dass die Zwanziger Jahre DER Einschnitt überhaupt in die weiblichen Bekleidungs- und Lebensgewohnheiten waren, wissen wir alle, auch wenn die Entwicklung dorthin schon zu Beginn des Jahrhunderts stattfand: Frauen wollten mehr Bewegungsfreiheit, mehr finanzielle Freiheit, mehr Selbstbestimmung und langsam wurden sie erhört. (Sehr langsam – 2016 ist noch lange nicht das Jahr, in dem wahre Gleichberechtigung erreicht ist …) Zu all dem passten Mieder und am Rücken zu schnürende Kleider nicht und so waren Blusen und Röcke, leichtere Mieder und sogar Pumphosen für die sportliche Betätigung schon auf den Weg gebracht, als der Krieg begann, die Männer aus dem Stadtbild und dem Arbeitsleben verschwanden und Frauen zu Sekretärinnen, Schaffnerinnen und Unternehmerinnen wurden. Im Nullkommanichts rutschten die Rocksäume nach oben, verschwanden die Schnürungen und komplizierten Frisuren und vor uns stand ein neues Idealbild. Mit den selben Problemen wie zuvor und einigen neuen noch dazu.
    Denn nun war es nicht nur die Dame (von Stand), deren Garderobe befüllt werden musste für all die unterschiedlichen Gelegenheiten und Tageszeiten, nein, auch das Fräulein vom Amt, das Kindermädchen und die Erntehelferin sehnten sich nach Vielfalt und gutem Aussehen. Und es explodierte der Buchmarkt: Ratgeber für die Dame, für das junge Mädchen, für die frischgebackene Ehefrau, für die Frau von heute, die moderne Frau, wo hin man nur schaute. Diese Ratgeber waren DAS Geschenk an die Frau, welche auch immer. Das Hauptthema war das Haushalten mit dem knappen Budget. Wie es nur schaffen, jeden Tag frisch und munter sich zu zeigen? Zweckmäßig-zurückhaltend für das Büro, sportlich-frisch für das Wochenende (die neue Errungenschaft der Zeit: FREI-Zeit), ein bißchen gewagt für den Abend und praktisch für den Haushalt und die große Wäsche (die nach wie vor an der modernen Frau hängen blieb).

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    Margarete von Suttner – Die elegante Dame überarbeitete Neuauflage von 1920

    Und so wurde berechnet, erklärt und vorgeschrieben, was die Frau brauche, was es kosten dürfe, was sie zu besorgen habe und wie sie es kombinieren müsse. Je nach Zielgruppe waren es ein schlichtes Kleid, das mit Tüchern, Schmuck und Hut immer wieder anders aussähe – in den Fünfzigern würde dieses Kleid erneut der Hit überhaupt werden – ein oder zwei Röcke, zwei oder drei Blusen, einige Strümpfe, drei Paar Schuhe, ein Sommer- und ein Wintermantel. Dazu möge sich die moderne Frau noch einige Jumper stricken und abends ihre Unterwäsche auswaschen, von denen sie zwei oder drei Garnituren besaß. Einen großen Teil eines solchen Buches nahmen die Pflegehinweise ein: wie man Flecken entfernt, Seidenstrümpfe rettet, Risse ausbessert und Kragen austauscht, um immer adrett und gepflegt auszusehen.

    Die moderne Frau wurde ermahnt, nicht neidisch auf andere mit größerem Budget zu schauen und niemals unüberlegt einzukaufen; auch solle sie lieber ein wenig sparen, um ein hochwertigeres Teil zu kaufen statt zweier billiger Fähnchen. Mit einem solch minimalistischen Kleiderschrank lag es auf der Hand, dass ein Teil zum anderen passen musste und so enstand die bis heute anhaltende Vorliebe für Basisfarben oder neutrale Töne. Eine Vorliebe, die der Dame der Jahrhunderte zuvor sehr fremd gewesen sein dürfte. Ob dir Schwarz nun stand oder nicht – und  die Chance, dass es dir nicht stand, war hoch – das schwarze Kleid, der schwarze Rock waren perfekt als Grundstock eines vielseitigen Minimalkleiderschrankes geeignet. Selbst im Trauerfall warst du noch gut angezogen. Und das war nicht zynisch gemeint, sondern ein in diesen Ratgebern oft erwähnter Bonus: im Trauerfall ließ die moderne Frau den weißen Kragen, das neckisch-bunte Tuch oder die fröhliche Brosche weg, trug statt der mühsam ersparten Seidenstrümpfe schwarzen Strick um die Wade und jeder verstand die Botschaft. Hier haben wir also den Ursprung des capsule wardrobes – entstanden aus der Not und dem Wunsch, mithalten zu können in einer Gesellschaft, die sich rasant wandelte.
    Und befolgte die moderne Frau diese weisen Ratschläge? Vermutlich nur zu Teilen, denn die Mode der 20er hatte einen unschlagbaren Vorteil: sie war unkompliziert. In jeder Hinsicht. Nicht Samt und Seide waren die Stoffe der Wahl, es waren vor allem Baumwollstoffe und Wollgewebe, die verwendet wurden. Auch die Schnitte waren simpel, so dass die industrielle Fertigung nur wenig Aufwand verlangte. Und so war Kleidung billiger und in größerer Anzahl als je zuvor verfügbar. Die Versuchung, vor dem ersten Rendez-Vous mit dem Gemischtwarenhändler oder dem Buchhalter schnell eines der billigen Fähnchen zu kaufen, war sicher groß. Noch reizvoller aber dürfte es für viele Frauen gewesen sein, sich schnell eines der Kleidchen zu nähen. Das Stoffangebot war groß, die Schnitte auch für ungeübte Näherinnen leicht zu bewältigen. Für jede, die etwas mehr als das Notwendige verdiente, war es das dann wohl mit dem kleinen Kleiderschrank und dem schwarzen Kleid zu jeder Gelegenheit.

    Gerade, als es aufwärts ging, ging es schon wieder bergab: erst mit dem Geld, dann mit der Gesellschaft und all die Kleidchen im Schrank mussten länger tragbar bleiben als geplant. Man sieht es der Mode der frühen Dreißiger an, dass die Kleider diejenigen der 28er und 29er sind: mit ein paar eingefügten Godets und einem Gürtel um die Taille. Über die nächsten fünfzehn Jahre wird nun geflickt, abgeändert, zusammen gefügt und gekürzt, um der Mode zu folgen und das Geld zusammen zu halten. Die Idee der universellen Basisgarderobe wird zur Selbstverständlichkeit, die dennoch Saison für Saison der Frau erklärt werden muss. Explizit wird in Zeitschriften bezug genommen auf die Jacke der letzten Saison, die einen hohen Kragen hatte, der nun sorgfältig abgetrennt und beiseite gelegt wird, bis er auf einem alten Kleid neue Verwendung findet. Als der Krieg vorüber ist und die Geschäfte sich wieder füllen, beginnt es von neuem: adrett, gepflegt, sparsam – das Credo der Frau. Wieder wird ihr gezeigt, wie sie mit raffiniertem Make up, dem hervorgekramten Mieder und einer Unmenge an Accessoires das einzig gute Kleid in ihrem Schrank bis zur Unkenntlichkeit verändern kann. Wohlwissend, dass all ihre Freundinnen und Kolleginnen sich nicht täuschen lassen, schon, weil sie das gleiche tun. Nach all den Jahren des zwangsverordneteten Kombikleiderschrankes lässt sie sich erneut verführen von Mustern und Farben, kauft und näht, was immer sie sich leisten kann und steht vor dem Kleiderschrank, in dem sie nichts zum Anziehen findet.

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    Meine Welt – Jahrbuch für Mädchen 1954

    Und auch nun überbieten sich die Verlage in Moderatgebern, die sich von denen der Zwanziger nur durch die Preise und die Bilder unterscheiden. Diesmal kommt keine schlechte Wirtschaftslage dazwischen, kein Krieg stört die Entwicklung und die Schränke werden voller und die Geldbörsen leerer. In edlen Zeitschriften berichten Redakteurinnen von den Heerscharen der schlecht und billig gekleideten Frauen, denen jeder Charme und jede Eleganz abhanden gekommen sei und die nächste Generation an Ratgebern betritt den Markt: Frau lernt nun, wie sie umzugehen hat mit der Fülle.
    Wieder wird ihr gezeigt, wieviele Teile sie für welchen Anlass benötigt und wie sie was kombiniert. Und Rat ist vonnöten, denn es ist kompliziert: Kroko trägt man nicht am Vormittag, braun nur zum Sport, Schwarz am Abend. Ein tiefer Ausschnitt ist vor der Dämmerung skandalös, ein Stadtbesuch am Vormittag ohne Handschuhe undenkbar und wie konnte es nur dazu kommen, diese Handtasche zu diesem Kleid und jene Garnitur ohne diesen Hut und überhaupt und sowieso. Auch die Frau selbst bleibt nicht verschont: es ist erstaunlich, ab wann man als zu mollig und zu alt galt; also ich bin danach definitiv beides. All diese Ratschläge lesen sich wie Verbote. Doch auch Verbote haben etwas mit Luxus und Wohlstand zu tun; niemand wäre auf die Idee gekommen, einer Frau zu Kriegszeiten vorzuwerfen, sie sei zu alt für einen weiten Rock – welch ein Glück, dass sie noch Garderobe besitzt!

    Während zu Beginn des Jahrhunderts Beschränkung noch etwas für die kleine Frau war, drehte sich das nun – so man diesen Ratgebern folgt: wie ordinär es auch in den Siebzigern noch war, wenn man Massenkleidung trug und sich wahllos mit der billigen Ware eindeckte. Um sich abzuheben, war Klasse gefragt. Zwei Einkaufstouren im Jahr in die angesagten Couturier-Häuser, bei denen man den Empfehlungen der Directrice blind zu folgen hatte. Manch eine dieser strengen Damen schrieb nach ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben besagte Ratgeber. Teuer, schlicht und ausgewählt hatte die Kleidung zu sein, festgezirkelt deren Nutzung. Ich vermute, dass manche der Damen, die sich danach richteten, sich oft genug wie aussterbende Dinosaurier gefühlt haben müssen, während um sie herum auf einmal Hippies und Mini-Mädchen tanzten, bunt und billig.

    Über die Jahrzehnte änderte sich noch etwas anderes langsam: während Mode noch vor gut dreißig Jahren etwas war, dem man sich kaum entziehen konnte, weil es eben nur diese eine Hosenform oder diese eine Rocklänge in den Geschäften gab, tauchten ab den Neunzigern etwa immer mehr Stilrichtungen nebeneinander auf, wurden die Farbpaletten größer und das Modetempo langsamer. Schauen wir uns heute um, so geht doch eigentlich fast alles – es sind Details, die ein Kleidungsstück modisch machen oder nicht; oft sieht man diese erst Jahre später in der Rückschau deutlich (dazu habe ich in einem der nächsten Beiträge auch ein Beispiel). Niemals zuvor konnten wir aus allem nur Erdenklichen wählen, ohne als seltsam oder altmodisch aufzufallen. Jede Rock- und Hosenlänge ist möglich, jede Weite, jede Ausschnittsform ist vertreten. Das sollte uns doch entgegenkommen, oder nicht?

    Jein. Offenbar ist es so einfach nicht. Nun, wo wir (und wer weiß wie lange noch, so, wie sich unsere Welt verändert) aus allem wählen können, um uns so zeigen, wie wir uns selbst sehen – ausgerechnet da kommt uns wohl die Selbstsicherheit abhanden. Oder die Fantasie, das Interesse, das Wissen oder das Können. Mit diesem Angebot umzugehen, ist nicht leicht und wieder gibt es Ratgeber, die uns versprechen, das Richtige für uns heraus zu picken, die uns in ein Kästchen packen, in dem wir uns sicher und geborgen fühlen dürfen. Und im Grunde habe ich gar nichts dagegen. Wenn wir nur jede unser eigenes Kästchen bekämen und uns nicht alle in das gleiche quetschen müssten …

    Und weil ich eigentlich erneut mit Ute hatte enden wollen, tue ich das einfach: ihre Kundschaft war betucht und interessiert, aber nach eigenem Bekunden (ihre Kundinnen waren auch die meinen, daher weiß ich es genau) unfähig, mit Mode umzugehen. Wahrhaftig kamen die meisten regelmäßig zu Ute und ließen sich von ihr Passendes zusammenstellen. Was immer Ute ihnen zeigte, sie notierten sich, was “zusammen gehörte” und trugen es in der gleichen Kombination so lange, bis es ihnen langweilig wurde. So oft Ute auch erklärte, sie könnten doch mal neu kombinieren, so geschah das erst, nachdem sie zu ihnen nach Hause ging und alles erneut durchging und zeigte. Ich stand sehr fasziniert vor dieser Art Legasthenie, hinter der ich eine Art Faulheit der Superreichen vermutete und die Angst, etwas falsch zu machen. “Wenn ich diese Bluse zu dieser Hose gekauft habe, dann bin ich immer richtig angezogen, wenn ich sie zusammen trage.” Traurig eigentlich, wo bleibt denn da der Spaß? Und Spaß sollt ihr haben, da möchte ich auch noch hin.