• Charaktere bei Fräulein Schumacher

    Sybil Alexandra Mallaby

    Sybil wurde am 22. Dezember 1889 als Tochter Sir Alfreds und Lady Milfords geboren. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Charlotte (Emmas Mutter) bemüht sie sich sehr um die Anerkennung ihrer Eltern. So geht sie auch zwei Ehen ein, die beide unglücklich sind und mit dem Tod der Ehemänner ihr Ende finden. Woran Sybil – daran besteht kein Zweifel! – unschuldig ist: Einmal war es der Große Krieg, der ihr Freiheit verschaffte, das andere Mal war es die Zügellosigkeit Mr. Mallabys, die zu seinem Ableben führte.

    Als zweifache Witwe war auch Sybil endlich so weit, sich von den Anforderungen der Eltern loszumachen; was sicherlich auch deshalb gelingen konnte, weil Sir Alfred ebenfalls das Zeitliche gesegnet hatte. Ausgestattet mit einem beträchtlichen Vermögen, dem auch die schwächelnde Wirtschaft und ihre Neigung zu Luxus und schönen Kleidern nichts anhaben konnten, stürzt Sybil sich ins Londoner Gesellschaftsleben und trotzdem sie keine zwanzig mehr ist, zählt sie unbedingt zu den bright young things, die allseits für Furore sorgen und die Klatschspalten der Gazetten füllen.

    Ein Jahr lang lebt Sybil dennoch mit ihrer Mutter und Emma in London, Edinburgh und Cornwall; es mag gut sein, ihre Freude an oberflächlichen Vergnügungen war schal geworden. Zweifellos eine intelligente, erfahrene und zynische Person war sie nun, die entdeckt hatte, ihr Geld nütze zu mehr als nur als Tauschmittel zu dienen. Ihr Stadthaus gab sie auf, zog sich etwas zurück von all den wilden Parties und unzähligen Liebhabern. Doch noch suchte sie sich, war unglücklich, unzufrieden und egoistisch. Worunter vor allem Emma zu leiden hatte, die sie mit Herablassung und Spott behandelte, wenn sie nicht eine Aufgabe für sie hatte. Was wohl ein Grund war, weshalb Emma sich endlich auf die Hinterbeine stellte, denn sowohl vor dieser Missachtung wie auch vor der beiläufigen Verhätschelung der Großmutter wollte sie entfliehen.

    Nun, das Schicksal war Emma darin wohl gnädig, stellte ihr dazu allerdings ausgerechnet die ungeliebte Tante an die Seite – in deren Begleitung nämlich brach sie nach Bonn auf. Doch Wunder über Wunder: Nun wirklich frei von allen Erwartungen findet Sybil nicht nur wirkliche Liebe, sondern vor allem zu sich selbst. Wer hätte gedacht, eine erfolgreiche Geschäftsfrau stecke in ihr? Sie bleibt in Bonn und wird zu Emmas Ratgeberin in den weltlichen Dingen, die den Horizont ihrer Nichte übersteigen. Noch immer ist ihr Blick auf die Gesellschaft ein scharfer, noch immer ist es der Vorteil, den sie sucht – nicht allein für sich, sondern ebenso für ihren dritten Mann wie auch für Emma und James.

  • Charaktere bei Fräulein Schumacher

    James Stuart Beresford

     

    James kam am 04. Januar 1900 auf als einziges Kind des Verlegers Henry James Beresford und seiner Gemahlin Prudence Maria auf diese Welt. Dass er das einzige Kind bleiben würde, ahnten die Eltern zu diesem Zeitpunkt noch nicht und so waren James’ erste Jahre recht unbeschwert von allzu vielen Erwartungen. Er würde den Verlag erben und (ganz wie der Vater) eine Tochter aus bestem Hause heiraten, dessen war man sich sicher, mehr verlangte man nicht von seiner Zukunft.

    Als jedoch die Brüder und Schwestern ausblieben, stiegen die Ansprüche an den stillen und schüchternen Jungen. Seine Vorliebe für romantische Rittergeschichten, mittelalterliche Architektur und ägyptische Pharaonen sah vor allem der Vater zwar gerne – welcher Verleger wäre nicht glücklich über einen Sohn, der gerne las? – jedoch störte es beide Elternteile, wie wenig Ehrgeiz James in schulischen wie sportlichen Dingen an den Tag legte. Wäre er frech und vorlaut gewesen, damit hätten sie leben können. Aber seine Zurückhaltung allem und jedem gegenüber, sein häufiges Erröten und verlegenes Gestammel, wenn er sich wieder einmal verhaspelte im Angesicht einer jungen Schönheit oder eines strengen Herrn gegenüber, daran verzweifelten die Beresfords bald täglich. Vor allem Prudence Beresford hätte es gerne gesehen, wäre ihr Sohn auf den Nachkriegsbällen zum umschwärmten Liebling der Damen geworden. So wundert es nicht, dass sie immerzu versuchte, ihn für ihre Abendveranstaltungen einzuspannen; irgendwann musste der Knoten doch platzen.

    Auch, was ihre zukünftige Schwiegertochter anbelangte, hatte Mrs. Beresford konkrete Vorstellungen. Vorstellungen, die in jedem Fall die Tochter eines teutonischen Professors ausschlossen. Erst, als Emmas Großmutter Lady Milford auf einem Treffen besteht, gewöhnt sie sich an den Gedanken – für sie allerdings wird Emma immer die ehemalige Miss Milford bleiben, von einem Fräulein Schumacher spricht sie ihren Freundinnen gegenüber nie. Wüsste sie dazu, mit welcher Leichtigkeit ihr Sohn sich von seiner Gemahlin zu allerlei Dummheiten bewegen lässt, es würde wenigstens ein Dutzend grauer Haare bescheren.

    Mr. Beresford senior hingegen schätzt seine Schwiegertochter von dem Moment an, in dem sein Sohn ihm von ihr erzählt. Denn was väterliche Maßnahmen – von übermäßiger Freiheit mit hohem Taschengeld bis hin zum Entzug jeglicher Unterstützung – nicht hatten erreichen können, das schaffte die Liebe zu dieser jungen Frau: James schmiedete Pläne beruflicher Natur, die Durchhaltevermögen, Können und Ehrgeiz verlangten und dazu das väterliche Wissen benötigten. Zwar wollte er nicht heim nach London kommen, aber dafür einen kleinen Fachverlag in Bonn gründen. Das gefiel Mr. Beresford außerordentlich und tatkräftig unterstützte er diesen Plan.

    James, studierter Historiker mit den Schwerpunkten Mittelalter und Ägypten, arbeitet mittlerweile fleißig und bis spät in die Nacht. Was Emma mitunter gar zu sehr entgegenkommt: Immer dann nämlich, wenn sie wieder einmal in eine wilde Mörderjagd hineingerät. Das gefällt James wenig, aber weil er zugleich sehr stolz auf seine Frau ist (die schönste, klügste, liebste und reizendste Person auf Erden sicherlich) und die Arbeit nie ein Ende nimmt, ist er nicht der Richtige, sie von dieser Beschäftigung abzuhalten – allzu oft ist er nicht in der Nähe, wenn Emma aufbricht.

    Gelegentlich eifersüchtig, oft zu schnell beleidigt und auch einmal ärgerlich und bestimmt auftretend, ist er genau der Mann, den Emma brauchte, um zu sich selbst zu finden. Ohne Wenn und Aber steht er hinter ihr, lässt sie ihn doch auch sein, wie er ist.

  • Charaktere bei Fräulein Schumacher

    Emma Charlotte Schumacher

     

    Emma kam am 31. Oktober 1906 auf diese Welt. Diese Welt, das bedeutete für die Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer englischen Adeligen das Bonn der Kaiserzeit, einer recht reichen Stadt mit einer renommierten Universität, vielen Pensionären und viel Natur um sich herum. Keine sich weit ausdehnende Stadt, doch eine, deren Ursprünge zwei Jahrtausende zurückreicht und in der die Streitereien kleiner und großer Herrscher immer rasch Auswirkungen zeigten; egal, ob es sich um Deutsche (oder was man aus der heutigen Sicht als Deutsch empfinden mag) und Franzosen handelte oder um Katholiken und Protestanten. Oft war Bonn gestürmt und besetzt, niedergebrannt und zertrümmert worden, doch noch immer stand es. Und auch seine Bürger standen gut da, wenn man nicht eben das Pech hatte, der Unterschicht mit ihren Tagelöhnern, Dienstmägden und Knechten anzugehören. Ein selbstbewusstes Bürgertum, das weder der höheren Bildung noch dem Handel abgeneigt war, bestimmte die Geschicke der Stadt.

    Und aus solch einer bürgerlichen Familie stammte Emmas Vater her. Man hatte es zu einem gewissen und soliden Wohlstand gebracht; ein Haus in der Arndtstraße 13a bewohnte die Familie, zu der außerdem die Schwester des Professors zählte, deren Unterhalt man sich leisten konnte.

    Emmas Mutter hingegen, deutlich jünger als ihr Gatte, kam aus dem englischen Landadel; auf einer ihrer Reisen, die sie gegen den Willen ihres Vaters unternahm, lernte sie den Professor kennen und blieb in Bonn, um nach einigen kinderlosen Jahren Emmas Mutter zu werden.

    Emma wuchs heran, glücklich, zufrieden, geliebt. Der Erste Weltkrieg brach aus; auch in Bonn war er gegenwärtig. Oft gab es Luftalarm, doch nie, nicht einmal, fielen Bomben, nur selten war Feindflieger zu sehen. Die Versorgung der Bürger mit Nahrungsmitteln war schlecht und zu allem Überfluß brach die Spanische Grippe aus, die viele Opfer forderte. Auch Emma steckte sich an und wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod. Endlich, kurz vor ihrem 12. Geburtstag, erholte sie sich langsam. Ihre Mutter suchte an Schmuck zusammen, was sie finden konnte, und machte sich am 31. Oktober 1918 auf den Weg in die nahe Innenstadt, wo sie Zutaten für Emmas „Geburtstags- und Genesungskuchen“ eintauschen wollte. Sie bekam alles, was sie benötigte, und freute sich, ihrer Tochter einen herrlichen Tag zu bereiten.

    Wieder einmal ertönte der Fliegeralarm, als sie eben den Friedensplatz überquerte; keiner der Passanten schaute auch nur in den Himmel – längst hatten sich die Bonner daran gewöhnt, den Alarm zu ignorieren. Doch an diesem Tag verirrten sich einige englische Flieger und warfen die ersten und einzigen Bomben auf Bonn. Einunddreißig Menschen starben und Emmas Geburtstag ist ab nun auch der Todestag ihrer Mutter.

    Nach Kriegsende gab der Professor die Tochter zu seiner Schwiegermutter nach England; so sehr hatte diese darum gebeten und ihm dargelegt, wie ungeeignet ein alter Mann für die Erziehung einer jungen Dame sei. So wuchs Emma in London und Edinburgh heran, wo ihre Großmutter ein Haus besaß, das ihr Bruder ihr überlassen hatte. Und sehr beschützt lebte unsere Heldin, die Freiheiten der Zwanziger erfuhr sie nur durch Zeitschriften und Bücher.

    Emma war eine zierlich-schmale Person mit langen, dunkelroten Locken, sicherlich nicht hässlich und vielleicht sogar hübscher, als sie selbst es erkennen konnte – ganz so, wie es wohl den meisten jungen Mädchen ergeht. Still, schüchtern und zurückhaltend war sie und es ist nicht klar, ob sie so ruhig war, weil sie überall ein wenig fremd war, oder ob sie sich überall fremd fühlte, weil sie eine in sich gekehrte Persönlichkeit besaß. Doch ihre mitunter linkische Schüchternheit sollte nicht täuschen: Ihre Gedanken waren alles andere als unkritisch, mitunter fällte sie rasche Urteile zu Ungunsten ihrer Mitmenschen. Wessen sie sich oft genug schämte. Was wiederum oft zu fleckig-roten Wangen führte – ihr ständiges Erröten quält Emma. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb sie meist zu Boden schaut, anstatt aufrecht ihre Meinung zu äußern. Nicht, dass sie zu Widerspruch und Störrischkeit erzogen worden wäre; eine Dame bemüht sich stets, ihre Gedanken zu verbergen und ihre Gefühle ebenso.

    Aber der Wunsch nach Veränderung und Unabhängigkeit wird stärker und als sie befürchtet, etwas sei mit dem geliebten Papa geschehen, da endlich bricht sie auf …

  • Lesetipps

    Meine bunt gemischten Lesetipps

    Seit ich vier Jahre alt bin, lese ich. In letzter Zeit nicht mehr drei Bücher in der Woche, sondern vielleicht eines im Monat – aber das muss dafür gut sein. Was also gefiel mir in diesem Sommer?


    Dieser Roman – ebenso wie der nachfolgende – ist verlagsunabhängig veröffentlicht worden und beweist: Ja, das kann eben doch auch richtig gut sein.

    Hier war es wahrhaftig das Cover, das mir zuerst auffiel, Klappentext und Leseprobe stimmten mich fröhlich und schon hatte ich die Geschichte auf meinem Kindle und las. Hintereinander weg und mit viel Vergnügen, wobei ich ständig das eigentümliche Gefühl hatte, einer Schwester im Stile begegnet zu sein. Ich las probehalber dem Gatten und der besten Freundin vor und beide glaubten, es müsse wohl von mir stammen. Hmm, das war etwas gruselig und sollte jemand die Autorin persönlich kennen, so würde ich gerne um Kontaktvermittlung bitten.

    Um was geht es? Ein junge Dame des 19. Jahrhunderts – auch hier eine Ähnlichkeit zum nächsten Buch auf der Liste – will sich nicht recht abfinden mit dem, was die Gesellschaft von ihr erwartet. Und so schlüpft sie in eine Hosenrolle, was einige Komplikationen mit sich bringt – wie der Titel es schon impliziert. Es gibt viel zu Schmunzeln, manches zum Lachen, dennoch gelingt es der Autorin, die Zeit lebendig zu machen.

     


    Anne Stern erzählt die Geschichte der jungen Berlinerin Auguste, die feststellt, mit dem ihr zugedachten Lebensweg nicht einverstanden zu sein. Doch so leicht schert es sich nicht aus, schon gar nicht, wenn die Gefühle in eine Richtung gehen, die wegführt vom sicheren Ehehafen.

    Ich selbst mag es zwar gerne weniger schicksalsgebeutelt, aber das spielte beim Lesen ausnahmsweise einmal keine Rolle. Dieser Roman gefiel mir deshalb , weil die Autorin mit Sprache umzugehen vermag und die Gefühle ihrer Figuren zwischen den Zeilen erlebbar werden.

    Für Liebhaberinnen dramatischer Romane ist diese Geschichte der perfekte Einstieg in eine Trilogie, die sich bis in die 1940er erstreckt.


    Weiter geht es mit einem Klassiker in ganz neuem Gewand – in mehreren Teilen kommt Pride & Prejudice als Comic für das Kindle-Tablet.

    Die Charaktere sind mitunter etwas zu comic-normschön gezeichnet (sprich: sie sehen schon mal ordinär aus) und der Aufbau orientiert sich deutlich mehr an der bekannten BBC-Verfilmung als am Original, aber wie gesagt, das macht schon mal Spaß.

    Bislang habe ich allerdings nur den ersten Teil angeschaut, die anderen hebe ich mir für die Krank-im-Bett-Tage auf, die im November bestimmt auf mich lauern.


    Ich habe diesen – sehr kurzen – Krimistart in eine neue Serie auf Englisch gelesen, allerdings erscheint er Ende August auch schon auf Deutsch; beide Versionen werden von Bastei BEtrhrilled verlegt.

    Ein junges Ehepaar – er Brite, sie Amerikanerin, beide mit einer Geheimdienstvergangenheit, die sich vermutlich als nicht so vergangen erweisen wird – zieht nach England und richtet sich zunächst notgedrungen bei einer Tante ein. Ein Mord, ein Diebstahl – schon sind sie mitten in einer Ermittlung.

    Platz für viel Charakter oder Zeitkolorit bleibt nicht, es geht alles recht flott und routiniert von der Hand. Aber der Roman spielt in den Zwanzigern und liest sich entzückend – was will die Freundin gemütlicher Kriminalromane mehr?


    Und nun noch ein Werk, das für all diejenigen interessant sein dürfte, die entweder die gleichnamige Ausstellung (2012?) gesehen hatten, sich für die Mode des Dritten Reichs (und allem, was damit zu tun hat) interessieren oder die einfach einmal in ein neues Interessengebiet linsen möchten.

    Das Ding ist ein schwerer und großer Wälzer, also nichts, was man sich mit ins Bett nimmt. Das gibt das Thema auch nicht her. Natürlich lässt sich in eleganten Kleidern, männlichen Anzügen, niedlichen Kinderkleidchen schwelgen, man kann Modefotografien und künstlerische Zeichnungen bewundern, aber vor allem geht es um die Geschichte der Kleidung, ihre Bedeutung und ihre Herstellung. Da ist von der Schuhteststrecke in einem KZ ebenso die Rede wie von BDM-Uniformen und Bezugscoupons.

    Das Werk gibt es nur selten in den Onlineshops, es lässt sich aber gut und sehr unkompliziert über die Museumsseite selbst bestellen.


    Von Zeit zu Zeit stelle ich Bücher vor, die ich  gerne gelesen habe. Ein Klick auf das Titelbild bringt dich zur Amazonseite des Buches. Diese Links sind Affiliates, was bedeutet, ich bekomme einige Cent, solltest du das Buch über diese Verbindung kaufen. Und dafür bin ich sehr dankbar, denn jeder Cent ist eine Minute mehr, die ich schreibend verbringen darf.

  • Hinter den Kulissen

    Emmas achter Fall

    Ich bin ausgesprochen fleißig dabei, Emma aus ihrem neuesten Fall herauszuholen. Oder vielmehr, sie in eine Gefahr stolpern zu lassen, bevor ich ihr zur Hilfe eile – irgendwann muss diese junge Dame doch einmal klug werden und mehr Vorsicht walten lassen, oder nicht?

    Obwohl, nein, eigentlich nicht – so klug, dass sie sich von nun aus allem heraushält, was ihr ungerecht vorkommt oder in das sie ganz ohne eigenes Zutun verwickelt ist, wird sie nie werden. Was wäre das denn auch für eine Geschichte, die damit beginnt, wie Emma und James am Frühstückstisch sitzen, den Generalanzeiger lesen und dann friedlich ihrer Arbeit nachgehen? Eine sehr kurze sicherlich.

    Dieses Mal aber kann Emma mit Recht sagen, sie könne nichts dafür, wie die Dinge sich entwickeln: Sie hat niemanden gebeten, sich in ihrem Haus zum Sterben einzufinden, hat auch keine Einbrecher eingeladen – wenn sie auch mit dem Gedanken spielt, das in Zukunft zu tun, da es eh keinen Unterschied macht, was sie in Bezug auf unerbetenes Eindringen wünscht – und dafür, dass alle Welt krank ist in diesem heißen Sommer 1928, dafür kann sie auch nichts. Sie tut nur, was nötig ist und was sich geradezu zwangsläufig ergibt …

     

  • Alltags- und Gedankenschnipsel

    Männer und Frauen im Bücherschrank

    Ich bin gar nicht sicher, ob ich als Leserin von den Frau-Mann-Debatten im Literaturbetrieb etwas mitbekommen hätte; Feuilleton und zeitgenössische Romane haben mich noch nie sonderlich interessiert, Buchblogs habe ich auch nie verfolgt und so sonst hätte ich davon hören sollen?

    Jetzt – als Schreibende – aber bekomme ich es mit, weil unter den ebenfalls schreibenden FB-Freundinnen (weiblichen wie männlichen) immer mal wieder Links herumgereicht werden – meist heißt es im Kommentarbereich, das sei Blödsinn ebenso wie das versuchte Gendern der Sprache. Letzters wollen die einen es aus sprachlichen Reinheitsgründen nicht (erklären das auch gerne mal mit Anglizismen und umgangssprachlichen Ausdrücken, was ich dann doch witzig finde), die anderen behaupten, sie hätten das gar nicht nötig, es sei doch klar, dass der Koch auch eine Köchin sein könne, weil der Koch per se ja gar nicht männlich sei. Nun gut, da will ich nun gar nicht hin, das ist mir zu müßig. Nur so viel: Ich habe mich schon als kleines Mädchen vor über vierzig Jahren nie angesprochen gefühlt, wenn von dem Schüler , dem Racker oder dem Leser die Rede war. Sowieso sollte ich hier gar nicht so lange schreiben, ich habe nämlich viel zu viel anderes zu schreiben.

    Also: Es ist nun einmal so, dass Männer die Bevorzugten sind, wo es um Anerkennung, Literaturpreise, Aufmerksamkeit, Verträge und was immer sonst irgendwie mit einem möglichen monetären Vorteil zusammenhängt. Ob es der Literaturkanon ist, die Schullektüre oder die Besprechungen in Zeitungen, ob es gut dotierte Verlagschefsessel sind oder der Kritikerjob – Männer gelten per se als die Geeigneteren. Weshalb wir uns allesamt durch Homo Faber quälen mussten …

    Egal, weiter. Es wird dann unter solchen Links gerne kommentiert, dass es vollkommen unwichtig sei, ob es Mann oder Frau sei, die irgendein Buch geschrieben haben, darauf würde man nicht achten bei der Auswahl. Und dass man ja beides im Schrank habe. Neben allen Tassen, vermute ich. Und ich habe auch beides im Schrank. Wobei es da ganz gar nicht gerecht zu geht, sondern nach Leistung – was die Männer klar benachteiligt. Diese Leistung bewerteich natürlich ganz und gar subjektiv. Ohne auch nur objektiv sein zu wollen. Weshalb ich darüber jetzt einfach mal etwas erzählen will. Also, über das, was in meinen Regalen so steht.

    Da stehen vor allem Klassiker, Krimis, Komisches und Handarbeitsliteratur. Das sind – letzteres nur in Maßen – auch die Genres, die mich selbst schreibend geprägt haben. Wollen mir mal genauer hinsehen und fangen mit der Klassik an:

     

     

    Es ist wohl hinlänglich bekannt, dass über die Jahrhunderte hinweg die lesende und dann auch noch schreibende Frau nicht sonderlich beliebt war; man vermutete, sie wolle am Ende gar selber denken und vergesse über all diesen unweiblichen Tätigkeiten die Sorge um Mann, Kind, Haushalt. Außerdem befürchtete man die Auflösung des ohnehin nicht geeigneten Hirns und ein Verrutschen der Gebärmutter. Der Horror schlechthin. Und obwohl dieser Unterdrückung wegen nur wenige Frauen zur Feder griffen und Männer daher rein durch Masse dominieren, gilt die männliche klassische Autorin auch heute noch als die wichtigere, begabtere. Weil: Sonst gäbe es ja nicht so viel mehr von ihnen, oder? Höhöhö.

    In meinem Klassikregal steht es zwischen Männern und Frauen etwa 50:50. Was gar nicht so leicht zu erreichen war! Und zwar von beiden Seiten aus: Zu wenige Autorinnen und zu wenige männliche Schreiberinnen, die nicht wie Macho hoch zehn die Zeilen runterrissen.

    Die männlichen Autorinnen, die ich mag, waren hingegen in der Lage , zwar ihre männliche Sicht auf die Dinge zu verwenden, aber Frauen entweder mit einem liebenden Auge oder aber einem verstehenden Geist zu beschreiben. Bis auf Goethe, der konnte das nicht, dessen Frauengestalten neigen sehr dazu, seine eigene Ansicht herauszuposaunen – besonders fiel mir das in den Wahlverwandtschaften auf: Herrliches Thema, wunderbare Sprache, logischer Plot – aber wie er Frauen hat reden und handeln lassen … Nä, der würde heute auch heulen, dass er seit #metoo ja gar nix mehr darf. Das hatte Schiller besser drauf, das mit dem Verständnis für weibliche Verhaltensweisen. Vor allem aber verstanden sich Henry Fielding, Thomas Hardy und Henry James (wenn auch gerne höchst tragisch) darauf. Und natürlich Theodor Fontane, der wohl in jedem seiner Romane ganz und gar auf seiten der Damen war. Und von diesen vier Herren habe ich dann auch so ziemlich alles im Schrank stehen.

    Dem gegenüber stehen die Autorinnen – die ohne Y-Chromosom. Von denen gibt es nicht so arg viele, aber dafür haben sie die Werke verfasst, die ich mehr als ein oder zwei Mal gelesen habe: Jane  Austen natürlich, Ann Radcliffe, George Sand, die Brontes, Elizabeth Gaskell, Fanny Lewald. Vor allem George Sand war fleißig und so kommt das Gleichgewicht zustande.

    Dann kommen die modernen Klassiker, das ist für mich alles zwischen Fontane und Erster Weltkrieg. Thomas Mann ist reichlich vertreten und hält für mich den einsamen Rekord zwischen Romanen, die ich liebe, und Romanen, die mir echt zu dämlich sind. Die Buddenbrooks und Felix Krull: Yay! Der Zauberberg und Lotte in Weimar: Hä? Äh, nein. Wobei der Zauberg mir im ersten Drittel sehr gut gefällt, aber dann … Naja.

    Lieber ist mir da eigentlich Somerset Maugham, der eine enorme Bandbreite zwischen komisch, tragisch, spannend und unterhaltsam aufweist und auch von der Kurzgeschichte bis zum dicken Wälzer alles mitbringt. Der Mann wusste über Jane Austen nur kluges und reizendes zu sagen und so freue ich mich über seine Romane ganz besonders. Dagegen behauptet sich auf weiblicher Seite Elizabeth von Arnim, die fast vollständig in meinem Regal steht. Auch hier erreichen wir etwa eine Gleichverteilung männlich-weiblich und sollte ich endlich einmal dazu kommen, Colette zu lesen, dann könnte es in diesem Bereich zugunsten der Damen kippen. Allerdings mag ich hier einen männlichen Autoren gesondert erwähnen, denn wenn Männer einfühlsam und sonnig schreiben können, dann rührt mich das doch immer besonders: Der große Meaulnes von Alain-Fournier ist für mich, wie es die Bilder von August Macke sind – wunderschön, etwas melancholisch und von jungen Männern geschaffen, die vielleicht eine bessere Welt hätten formen können, wären sie nicht schon so jung gestorben: Beide fielen bereits im September 1914 und das ist für mich mit beider Werk untrennbar verbunden.

    Ich schweife ab. Nun gut, das kennen die treuesten Blogleserinnen bereits von mir und ihr habt immer behauptet, mein Mäandern zu lieben. Nun bitte.

     

     

    Wir kommen zu den Krimis. Nehmen wir mal den Agentenroman mit dazu, sonst wird es traurig. Da steht vor allem Agatha Christie. Kommt man nicht drum rum. Es steht nicht ein Edgar Wallace da, war mir immer zu bäh. Von Jakob Arjouni gibt es den ersten Kayankaya. War fein irgendwie, hat mich aber nie dazu bewegt, weitere Bände lesen zu wollen. Ich müsste noch einmal hineinschauen, um zu wissen, warum. Ansonsten zermartere ich mir gerade das Hirn, ob irgendeine männliche Autorin außer Eric Ambler in diesem Schrank steht. Vielleicht mit einem Einzelband. Aber wann immer ich einen Krimi von männlicher Hand anfing, war ich ziemlich schnell entnervt von den Stereotypen und den kreischenden Frauen, die ständig in ihre anatomischen Bestandteile zerlegt wurden: Entweder vom Mörder – der irgendwie nichts dafür konnte, hätte die dumme Kuh halt nicht einen anderen Kerl besser gefunden, ne? – oder vom Kommissar oder sonst einem tollen Hecht, der sie auf Bauch, Beine, Po und Busen reduziert. Außerdem kommt es mir zu oft vor, dass ich denke: Hallo? Welche Frau würde dies oder das gesagt oder getan haben? Dazu ist der männliche Held selten so, dass ich den in meiner Nähe würde dulden wollen.

    Im Krimifeld also siegen die Damen haushoch und das war nie davon abhängig, dass ich unbedingt Bücher von Frauen kaufen wollte. Es ergab sich mit der Erfahrung und heute ist es halt ganz gemein von mir, aber ich versuche männliche Krimiautorinnen nur höchst selten noch. Obwohl es bestimmt einige gibt, die es können. Da interessiert mich dann halt oft das Sujet nicht. Das tut es aber bei Autorinnen wie Christe, Josephine Tey, Patricia Wentworth, Margery Allingham, Mary Roberts Rineheart – die alle dem Golden Age of Crime zugehören – oder aber Magdalen Nabb, Liaty Pisani, Charlotte McLeod, Phoebe Atwood Taylor, M.C. Beaton, Anne Perry, Patricia Highsmith, Donna Leon und Elizabeth George: Von cosy crime über Historisches zu Humorigen und Zeitgenössischem vertreten sie alle verschiedene Stilrichtungen.

    Beim Komischen, Humorvollen, dem Lakonischen und Alltäglichen finden sich dann wieder einige besondere männliche Autorinnen: Erich Kästner und Kurt Tucholsky. Lasse ich nix drauf kommen. Aber da gibt es dann auch Vicki Baum, Irmgard Keun und viele englische Autorinnen der 20er und 30er, die mich genauso mitnehmen, und geht es dann wirklich ins Modernere, dann sind es Muriel Spark oder Celia Fremlin, die jeweils ein ganzes Fach für sich beanspruchen.

     

     

    Und dann gibt es noch die Biographien – da sind Frauen viel interessanter für mich. Oder Chicklit, die ich ausschließlich auf Englisch lese, da klingt sie besser. Und die Nähliteratur, die eben auch fast ausschließlich von Frauen stammt. Für mich ist es also längst normal, an männlichen Autorinnen in den Auslagen vorbeizuschauen, was total unfair ist. Aber hey, immer dann, wenn ich eine Ausnahme gemacht habe, wurde ich enttäuscht. Und das wollen wir doch auch nicht, oder?

    Na, und weil ich gerade Bilder von meinem frisch aufgeräumten Zimmer und den restlichen Buchregalen gemacht habe, kommen nun noch Fotos der Sparten Recherche, Ungelesen, Strick-und Nähbücher:

     

     

    Und bei euch? Mehr Frauen oder mehr Männer im Regal?