• Charaktere bei Fräulein Schumacher

    Emma Charlotte Schumacher

     

    Emma kam am 31. Oktober 1906 auf diese Welt. Diese Welt, das bedeutete für die Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer englischen Adeligen das Bonn der Kaiserzeit, einer recht reichen Stadt mit einer renommierten Universität, vielen Pensionären und viel Natur um sich herum. Keine sich weit ausdehnende Stadt, doch eine, deren Ursprünge zwei Jahrtausende zurückreicht und in der die Streitereien kleiner und großer Herrscher immer rasch Auswirkungen zeigten; egal, ob es sich um Deutsche (oder was man aus der heutigen Sicht als Deutsch empfinden mag) und Franzosen handelte oder um Katholiken und Protestanten. Oft war Bonn gestürmt und besetzt, niedergebrannt und zertrümmert worden, doch noch immer stand es. Und auch seine Bürger standen gut da, wenn man nicht eben das Pech hatte, der Unterschicht mit ihren Tagelöhnern, Dienstmägden und Knechten anzugehören. Ein selbstbewusstes Bürgertum, das weder der höheren Bildung noch dem Handel abgeneigt war, bestimmte die Geschicke der Stadt.

    Und aus solch einer bürgerlichen Familie stammte Emmas Vater her. Man hatte es zu einem gewissen und soliden Wohlstand gebracht; ein Haus in der Arndtstraße 13a bewohnte die Familie, zu der außerdem die Schwester des Professors zählte, deren Unterhalt man sich leisten konnte.

    Emmas Mutter hingegen, deutlich jünger als ihr Gatte, kam aus dem englischen Landadel; auf einer ihrer Reisen, die sie gegen den Willen ihres Vaters unternahm, lernte sie den Professor kennen und blieb in Bonn, um nach einigen kinderlosen Jahren Emmas Mutter zu werden.

    Emma wuchs heran, glücklich, zufrieden, geliebt. Der Erste Weltkrieg brach aus; auch in Bonn war er gegenwärtig. Oft gab es Luftalarm, doch nie, nicht einmal, fielen Bomben, nur selten war Feindflieger zu sehen. Die Versorgung der Bürger mit Nahrungsmitteln war schlecht und zu allem Überfluß brach die Spanische Grippe aus, die viele Opfer forderte. Auch Emma steckte sich an und wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod. Endlich, kurz vor ihrem 12. Geburtstag, erholte sie sich langsam. Ihre Mutter suchte an Schmuck zusammen, was sie finden konnte, und machte sich am 31. Oktober 1918 auf den Weg in die nahe Innenstadt, wo sie Zutaten für Emmas „Geburtstags- und Genesungskuchen“ eintauschen wollte. Sie bekam alles, was sie benötigte, und freute sich, ihrer Tochter einen herrlichen Tag zu bereiten.

    Wieder einmal ertönte der Fliegeralarm, als sie eben den Friedensplatz überquerte; keiner der Passanten schaute auch nur in den Himmel – längst hatten sich die Bonner daran gewöhnt, den Alarm zu ignorieren. Doch an diesem Tag verirrten sich einige englische Flieger und warfen die ersten und einzigen Bomben auf Bonn. Einunddreißig Menschen starben und Emmas Geburtstag ist ab nun auch der Todestag ihrer Mutter.

    Nach Kriegsende gab der Professor die Tochter zu seiner Schwiegermutter nach England; so sehr hatte diese darum gebeten und ihm dargelegt, wie ungeeignet ein alter Mann für die Erziehung einer jungen Dame sei. So wuchs Emma in London und Edinburgh heran, wo ihre Großmutter ein Haus besaß, das ihr Bruder ihr überlassen hatte. Und sehr beschützt lebte unsere Heldin, die Freiheiten der Zwanziger erfuhr sie nur durch Zeitschriften und Bücher.

    Emma war eine zierlich-schmale Person mit langen, dunkelroten Locken, sicherlich nicht hässlich und vielleicht sogar hübscher, als sie selbst es erkennen konnte – ganz so, wie es wohl den meisten jungen Mädchen ergeht. Still, schüchtern und zurückhaltend war sie und es ist nicht klar, ob sie so ruhig war, weil sie überall ein wenig fremd war, oder ob sie sich überall fremd fühlte, weil sie eine in sich gekehrte Persönlichkeit besaß. Doch ihre mitunter linkische Schüchternheit sollte nicht täuschen: Ihre Gedanken waren alles andere als unkritisch, mitunter fällte sie rasche Urteile zu Ungunsten ihrer Mitmenschen. Wessen sie sich oft genug schämte. Was wiederum oft zu fleckig-roten Wangen führte – ihr ständiges Erröten quält Emma. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb sie meist zu Boden schaut, anstatt aufrecht ihre Meinung zu äußern. Nicht, dass sie zu Widerspruch und Störrischkeit erzogen worden wäre; eine Dame bemüht sich stets, ihre Gedanken zu verbergen und ihre Gefühle ebenso.

    Aber der Wunsch nach Veränderung und Unabhängigkeit wird stärker und als sie befürchtet, etwas sei mit dem geliebten Papa geschehen, da endlich bricht sie auf …

  • Lesetipps

    Meine Lesetipps Sommer 2019

    Seit ich vier Jahre alt bin, lese ich. In letzter Zeit nicht mehr drei Bücher in der Woche, sondern vielleicht eines im Monat – aber das muss dafür gut sein. Was also gefiel mir in diesem Sommer?


    Dieser Roman – ebenso wie der nachfolgende – ist verlagsunabhängig veröffentlicht worden und beweist: Ja, das kann eben doch auch richtig gut sein.

    Hier war es wahrhaftig das Cover, das mir zuerst auffiel, Klappentext und Leseprobe stimmten mich fröhlich und schon hatte ich die Geschichte auf meinem Kindle und las. Hintereinander weg und mit viel Vergnügen, wobei ich ständig das eigentümliche Gefühl hatte, einer Schwester im Stile begegnet zu sein. Ich las probehalber dem Gatten und der besten Freundin vor und beide glaubten, es müsse wohl von mir stammen. Hmm, das war etwas gruselig und sollte jemand die Autorin persönlich kennen, so würde ich gerne um Kontaktvermittlung bitten.

    Um was geht es? Ein junge Dame des 19. Jahrhunderts – auch hier eine Ähnlichkeit zum nächsten Buch auf der Liste – will sich nicht recht abfinden mit dem, was die Gesellschaft von ihr erwartet. Und so schlüpft sie in eine Hosenrolle, was einige Komplikationen mit sich bringt – wie der Titel es schon impliziert. Es gibt viel zu Schmunzeln, manches zum Lachen, dennoch gelingt es der Autorin, die Zeit lebendig zu machen.

     


    Anne Stern erzählt die Geschichte der jungen Berlinerin Auguste, die feststellt, mit dem ihr zugedachten Lebensweg nicht einverstanden zu sein. Doch so leicht schert es sich nicht aus, schon gar nicht, wenn die Gefühle in eine Richtung gehen, die wegführt vom sicheren Ehehafen.

    Ich selbst mag es zwar gerne weniger schicksalsgebeutelt, aber das spielte beim Lesen ausnahmsweise einmal keine Rolle. Dieser Roman gefiel mir deshalb , weil die Autorin mit Sprache umzugehen vermag und die Gefühle ihrer Figuren zwischen den Zeilen erlebbar werden.

    Für Liebhaberinnen dramatischer Romane ist diese Geschichte der perfekte Einstieg in eine Trilogie, die sich bis in die 1940er erstreckt.


    Weiter geht es mit einem Klassiker in ganz neuem Gewand – in mehreren Teilen kommt Pride & Prejudice als Comic für das Kindle-Tablet.

    Die Charaktere sind mitunter etwas zu comic-normschön gezeichnet (sprich: sie sehen schon mal ordinär aus) und der Aufbau orientiert sich deutlich mehr an der bekannten BBC-Verfilmung als am Original, aber wie gesagt, das macht schon mal Spaß.

    Bislang habe ich allerdings nur den ersten Teil angeschaut, die anderen hebe ich mir für die Krank-im-Bett-Tage auf, die im November bestimmt auf mich lauern.


    Ich habe diesen – sehr kurzen – Krimistart in eine neue Serie auf Englisch gelesen, allerdings erscheint er Ende August auch schon auf Deutsch; beide Versionen werden von Bastei BEtrhrilled verlegt.

    Ein junges Ehepaar – er Brite, sie Amerikanerin, beide mit einer Geheimdienstvergangenheit, die sich vermutlich als nicht so vergangen erweisen wird – zieht nach England und richtet sich zunächst notgedrungen bei einer Tante ein. Ein Mord, ein Diebstahl – schon sind sie mitten in einer Ermittlung.

    Platz für viel Charakter oder Zeitkolorit bleibt nicht, es geht alles recht flott und routiniert von der Hand. Aber der Roman spielt in den Zwanzigern und liest sich entzückend – was will die Freundin gemütlicher Kriminalromane mehr?


    Und nun noch ein Werk, das für all diejenigen interessant sein dürfte, die entweder die gleichnamige Ausstellung (2012?) gesehen hatten, sich für die Mode des Dritten Reichs (und allem, was damit zu tun hat) interessieren oder die einfach einmal in ein neues Interessengebiet linsen möchten.

    Das Ding ist ein schwerer und großer Wälzer, also nichts, was man sich mit ins Bett nimmt. Das gibt das Thema auch nicht her. Natürlich lässt sich in eleganten Kleidern, männlichen Anzügen, niedlichen Kinderkleidchen schwelgen, man kann Modefotografien und künstlerische Zeichnungen bewundern, aber vor allem geht es um die Geschichte der Kleidung, ihre Bedeutung und ihre Herstellung. Da ist von der Schuhteststrecke in einem KZ ebenso die Rede wie von BDM-Uniformen und Bezugscoupons.

    Das Werk gibt es nur selten in den Onlineshops, es lässt sich aber gut und sehr unkompliziert über die Museumsseite selbst bestellen.


    Von Zeit zu Zeit stelle ich Bücher vor, die ich  gerne gelesen habe. Ein Klick auf das Titelbild bringt dich zur Amazonseite des Buches. Diese Links sind Affiliates, was bedeutet, ich bekomme einige Cent, solltest du das Buch über diese Verbindung kaufen. Und dafür bin ich sehr dankbar, denn jeder Cent ist eine Minute mehr, die ich schreibend verbringen darf.

  • Hinter den Kulissen

    Emmas achter Fall

    Ich bin ausgesprochen fleißig dabei, Emma aus ihrem neuesten Fall herauszuholen. Oder vielmehr, sie in eine Gefahr stolpern zu lassen, bevor ich ihr zur Hilfe eile – irgendwann muss diese junge Dame doch einmal klug werden und mehr Vorsicht walten lassen, oder nicht?

    Obwohl, nein, eigentlich nicht – so klug, dass sie sich von nun aus allem heraushält, was ihr ungerecht vorkommt oder in das sie ganz ohne eigenes Zutun verwickelt ist, wird sie nie werden. Was wäre das denn auch für eine Geschichte, die damit beginnt, wie Emma und James am Frühstückstisch sitzen, den Generalanzeiger lesen und dann friedlich ihrer Arbeit nachgehen? Eine sehr kurze sicherlich.

    Dieses Mal aber kann Emma mit Recht sagen, sie könne nichts dafür, wie die Dinge sich entwickeln: Sie hat niemanden gebeten, sich in ihrem Haus zum Sterben einzufinden, hat auch keine Einbrecher eingeladen – wenn sie auch mit dem Gedanken spielt, das in Zukunft zu tun, da es eh keinen Unterschied macht, was sie in Bezug auf unerbetenes Eindringen wünscht – und dafür, dass alle Welt krank ist in diesem heißen Sommer 1928, dafür kann sie auch nichts. Sie tut nur, was nötig ist und was sich geradezu zwangsläufig ergibt …

     

  • Alltags- und Gedankenschnipsel

    Männer und Frauen im Bücherschrank

    Ich bin gar nicht sicher, ob ich als Leserin von den Frau-Mann-Debatten im Literaturbetrieb etwas mitbekommen hätte; Feuilleton und zeitgenössische Romane haben mich noch nie sonderlich interessiert, Buchblogs habe ich auch nie verfolgt und so sonst hätte ich davon hören sollen?

    Jetzt – als Schreibende – aber bekomme ich es mit, weil unter den ebenfalls schreibenden FB-Freundinnen (weiblichen wie männlichen) immer mal wieder Links herumgereicht werden – meist heißt es im Kommentarbereich, das sei Blödsinn ebenso wie das versuchte Gendern der Sprache. Letzters wollen die einen es aus sprachlichen Reinheitsgründen nicht (erklären das auch gerne mal mit Anglizismen und umgangssprachlichen Ausdrücken, was ich dann doch witzig finde), die anderen behaupten, sie hätten das gar nicht nötig, es sei doch klar, dass der Koch auch eine Köchin sein könne, weil der Koch per se ja gar nicht männlich sei. Nun gut, da will ich nun gar nicht hin, das ist mir zu müßig. Nur so viel: Ich habe mich schon als kleines Mädchen vor über vierzig Jahren nie angesprochen gefühlt, wenn von dem Schüler , dem Racker oder dem Leser die Rede war. Sowieso sollte ich hier gar nicht so lange schreiben, ich habe nämlich viel zu viel anderes zu schreiben.

    Also: Es ist nun einmal so, dass Männer die Bevorzugten sind, wo es um Anerkennung, Literaturpreise, Aufmerksamkeit, Verträge und was immer sonst irgendwie mit einem möglichen monetären Vorteil zusammenhängt. Ob es der Literaturkanon ist, die Schullektüre oder die Besprechungen in Zeitungen, ob es gut dotierte Verlagschefsessel sind oder der Kritikerjob – Männer gelten per se als die Geeigneteren. Weshalb wir uns allesamt durch Homo Faber quälen mussten …

    Egal, weiter. Es wird dann unter solchen Links gerne kommentiert, dass es vollkommen unwichtig sei, ob es Mann oder Frau sei, die irgendein Buch geschrieben haben, darauf würde man nicht achten bei der Auswahl. Und dass man ja beides im Schrank habe. Neben allen Tassen, vermute ich. Und ich habe auch beides im Schrank. Wobei es da ganz gar nicht gerecht zu geht, sondern nach Leistung – was die Männer klar benachteiligt. Diese Leistung bewerteich natürlich ganz und gar subjektiv. Ohne auch nur objektiv sein zu wollen. Weshalb ich darüber jetzt einfach mal etwas erzählen will. Also, über das, was in meinen Regalen so steht.

    Da stehen vor allem Klassiker, Krimis, Komisches und Handarbeitsliteratur. Das sind – letzteres nur in Maßen – auch die Genres, die mich selbst schreibend geprägt haben. Wollen mir mal genauer hinsehen und fangen mit der Klassik an:

     

     

    Es ist wohl hinlänglich bekannt, dass über die Jahrhunderte hinweg die lesende und dann auch noch schreibende Frau nicht sonderlich beliebt war; man vermutete, sie wolle am Ende gar selber denken und vergesse über all diesen unweiblichen Tätigkeiten die Sorge um Mann, Kind, Haushalt. Außerdem befürchtete man die Auflösung des ohnehin nicht geeigneten Hirns und ein Verrutschen der Gebärmutter. Der Horror schlechthin. Und obwohl dieser Unterdrückung wegen nur wenige Frauen zur Feder griffen und Männer daher rein durch Masse dominieren, gilt die männliche klassische Autorin auch heute noch als die wichtigere, begabtere. Weil: Sonst gäbe es ja nicht so viel mehr von ihnen, oder? Höhöhö.

    In meinem Klassikregal steht es zwischen Männern und Frauen etwa 50:50. Was gar nicht so leicht zu erreichen war! Und zwar von beiden Seiten aus: Zu wenige Autorinnen und zu wenige männliche Schreiberinnen, die nicht wie Macho hoch zehn die Zeilen runterrissen.

    Die männlichen Autorinnen, die ich mag, waren hingegen in der Lage , zwar ihre männliche Sicht auf die Dinge zu verwenden, aber Frauen entweder mit einem liebenden Auge oder aber einem verstehenden Geist zu beschreiben. Bis auf Goethe, der konnte das nicht, dessen Frauengestalten neigen sehr dazu, seine eigene Ansicht herauszuposaunen – besonders fiel mir das in den Wahlverwandtschaften auf: Herrliches Thema, wunderbare Sprache, logischer Plot – aber wie er Frauen hat reden und handeln lassen … Nä, der würde heute auch heulen, dass er seit #metoo ja gar nix mehr darf. Das hatte Schiller besser drauf, das mit dem Verständnis für weibliche Verhaltensweisen. Vor allem aber verstanden sich Henry Fielding, Thomas Hardy und Henry James (wenn auch gerne höchst tragisch) darauf. Und natürlich Theodor Fontane, der wohl in jedem seiner Romane ganz und gar auf seiten der Damen war. Und von diesen vier Herren habe ich dann auch so ziemlich alles im Schrank stehen.

    Dem gegenüber stehen die Autorinnen – die ohne Y-Chromosom. Von denen gibt es nicht so arg viele, aber dafür haben sie die Werke verfasst, die ich mehr als ein oder zwei Mal gelesen habe: Jane  Austen natürlich, Ann Radcliffe, George Sand, die Brontes, Elizabeth Gaskell, Fanny Lewald. Vor allem George Sand war fleißig und so kommt das Gleichgewicht zustande.

    Dann kommen die modernen Klassiker, das ist für mich alles zwischen Fontane und Erster Weltkrieg. Thomas Mann ist reichlich vertreten und hält für mich den einsamen Rekord zwischen Romanen, die ich liebe, und Romanen, die mir echt zu dämlich sind. Die Buddenbrooks und Felix Krull: Yay! Der Zauberberg und Lotte in Weimar: Hä? Äh, nein. Wobei der Zauberg mir im ersten Drittel sehr gut gefällt, aber dann … Naja.

    Lieber ist mir da eigentlich Somerset Maugham, der eine enorme Bandbreite zwischen komisch, tragisch, spannend und unterhaltsam aufweist und auch von der Kurzgeschichte bis zum dicken Wälzer alles mitbringt. Der Mann wusste über Jane Austen nur kluges und reizendes zu sagen und so freue ich mich über seine Romane ganz besonders. Dagegen behauptet sich auf weiblicher Seite Elizabeth von Arnim, die fast vollständig in meinem Regal steht. Auch hier erreichen wir etwa eine Gleichverteilung männlich-weiblich und sollte ich endlich einmal dazu kommen, Colette zu lesen, dann könnte es in diesem Bereich zugunsten der Damen kippen. Allerdings mag ich hier einen männlichen Autoren gesondert erwähnen, denn wenn Männer einfühlsam und sonnig schreiben können, dann rührt mich das doch immer besonders: Der große Meaulnes von Alain-Fournier ist für mich, wie es die Bilder von August Macke sind – wunderschön, etwas melancholisch und von jungen Männern geschaffen, die vielleicht eine bessere Welt hätten formen können, wären sie nicht schon so jung gestorben: Beide fielen bereits im September 1914 und das ist für mich mit beider Werk untrennbar verbunden.

    Ich schweife ab. Nun gut, das kennen die treuesten Blogleserinnen bereits von mir und ihr habt immer behauptet, mein Mäandern zu lieben. Nun bitte.

     

     

    Wir kommen zu den Krimis. Nehmen wir mal den Agentenroman mit dazu, sonst wird es traurig. Da steht vor allem Agatha Christie. Kommt man nicht drum rum. Es steht nicht ein Edgar Wallace da, war mir immer zu bäh. Von Jakob Arjouni gibt es den ersten Kayankaya. War fein irgendwie, hat mich aber nie dazu bewegt, weitere Bände lesen zu wollen. Ich müsste noch einmal hineinschauen, um zu wissen, warum. Ansonsten zermartere ich mir gerade das Hirn, ob irgendeine männliche Autorin außer Eric Ambler in diesem Schrank steht. Vielleicht mit einem Einzelband. Aber wann immer ich einen Krimi von männlicher Hand anfing, war ich ziemlich schnell entnervt von den Stereotypen und den kreischenden Frauen, die ständig in ihre anatomischen Bestandteile zerlegt wurden: Entweder vom Mörder – der irgendwie nichts dafür konnte, hätte die dumme Kuh halt nicht einen anderen Kerl besser gefunden, ne? – oder vom Kommissar oder sonst einem tollen Hecht, der sie auf Bauch, Beine, Po und Busen reduziert. Außerdem kommt es mir zu oft vor, dass ich denke: Hallo? Welche Frau würde dies oder das gesagt oder getan haben? Dazu ist der männliche Held selten so, dass ich den in meiner Nähe würde dulden wollen.

    Im Krimifeld also siegen die Damen haushoch und das war nie davon abhängig, dass ich unbedingt Bücher von Frauen kaufen wollte. Es ergab sich mit der Erfahrung und heute ist es halt ganz gemein von mir, aber ich versuche männliche Krimiautorinnen nur höchst selten noch. Obwohl es bestimmt einige gibt, die es können. Da interessiert mich dann halt oft das Sujet nicht. Das tut es aber bei Autorinnen wie Christe, Josephine Tey, Patricia Wentworth, Margery Allingham, Mary Roberts Rineheart – die alle dem Golden Age of Crime zugehören – oder aber Magdalen Nabb, Liaty Pisani, Charlotte McLeod, Phoebe Atwood Taylor, M.C. Beaton, Anne Perry, Patricia Highsmith, Donna Leon und Elizabeth George: Von cosy crime über Historisches zu Humorigen und Zeitgenössischem vertreten sie alle verschiedene Stilrichtungen.

    Beim Komischen, Humorvollen, dem Lakonischen und Alltäglichen finden sich dann wieder einige besondere männliche Autorinnen: Erich Kästner und Kurt Tucholsky. Lasse ich nix drauf kommen. Aber da gibt es dann auch Vicki Baum, Irmgard Keun und viele englische Autorinnen der 20er und 30er, die mich genauso mitnehmen, und geht es dann wirklich ins Modernere, dann sind es Muriel Spark oder Celia Fremlin, die jeweils ein ganzes Fach für sich beanspruchen.

     

     

    Und dann gibt es noch die Biographien – da sind Frauen viel interessanter für mich. Oder Chicklit, die ich ausschließlich auf Englisch lese, da klingt sie besser. Und die Nähliteratur, die eben auch fast ausschließlich von Frauen stammt. Für mich ist es also längst normal, an männlichen Autorinnen in den Auslagen vorbeizuschauen, was total unfair ist. Aber hey, immer dann, wenn ich eine Ausnahme gemacht habe, wurde ich enttäuscht. Und das wollen wir doch auch nicht, oder?

    Na, und weil ich gerade Bilder von meinem frisch aufgeräumten Zimmer und den restlichen Buchregalen gemacht habe, kommen nun noch Fotos der Sparten Recherche, Ungelesen, Strick-und Nähbücher:

     

     

    Und bei euch? Mehr Frauen oder mehr Männer im Regal?

  • Hinter den Kulissen

    Miss Brent

    Miss Harriet Brent liest mit Begeisterung Romane und nichts wünscht sie sehnlicher, als ein Leben zu führen wie die Heldinnen dieser Geschichten. Vor allem Stolz und Vorurteil hat es ihr angetan und so, wie es Jane Austens Leserinnen heute noch tun, träumt auch Harriet von ihrem Mr. Darcy.
    Und dann geschieht im März 1815 das Unfassbare: Soldaten beziehen Quartier in Upper Rivington, ein junger Mann mit schönem Vermögen mietet Edgewater Hall, ein Verwandter erscheint, der Anspruch auf das Anwesen der Brents erheben kann, und sogar ein Fitzhenry Darby erscheint auf einem Ball – für Harriet sieht es so aus, als wiederhole sich die Handlung ihres Lieblingsbuches. Und was sie selbst dazu tun kann, um die Ereignisse stattfinden zu lassen, das will sie gerne tun.


    Leseprobe:

    Miss Harriet Brent

    Ihre Eltern waren für Miss Harriet Brent ein beständiger Quell des Verdrusses; kaum jemand schien ihr weniger geeignet, die Heldin eines Romans zu erziehen, als diese beiden Menschen.
    Mrs. Brent war eine kluge Frau, die sich darauf verließ, dass sowohl Aussehen wie Mitgift ihrer vier Töchter ausreichend attraktiv waren, jeder von ihnen einen passenden Ehemann zu verschaffen. Daher schonte sie ihre Nerven, enthielt sich jeglicher Suche nach geeigneten Kandidaten und erfreute sich ihres Lebens, ohne in unnötigen Sorgen um die Zukunft zu schwelgen.
    Mr. Brent hatte immerhin so viel Klugheit besessen, diese Frau zu der seinigen zu machen. Er war ein rechtschaffener Mann, der seine Nachbarn gerne zu einem Abendessen einlud und sie mit seinen Anekdoten aufs Prächtigste zu unterhalten verstand. Die Eheleute ertrugen sich auch nach bald fünfundzwanzig Jahren ohne größeres Leid, ja, schätzten einander gar und glaubten, es gut mit dem anderen getroffen zu haben.
    Ebenso waren sie höchst zufrieden mit ihren Töchtern, die selten einmal Anlass zu Kummer gegeben hatten, sah man von den üblichen Sorgen wie schwesterlichen Streitereien und Schlendrian im Schulzimmer einmal ab. Dank einer Erbschaft, geschickter Geldanlage und klug ausgewählten Pächtern lebten die Brents äußerst bequem auf Heartfield, das immerhin das drittgrößte Haus in Upper Rivington, Surrey, war. Hilfsbereit, großzügig, heiter und gastfreundlich – so schilderten Freunde und Bekannte die Familie; die Töchter beschrieben sie als eine wie die andere gebildet, gutaussehend und gesittet.
    Doch trotz all dieser Vorzüge war Harriet gelegentlich unzufrieden. Nicht, dass sie von Natur aus dazu neigte, nein. Es war ihre Leidenschaft für Romane, die diese Unzufriedenheit hervorgerufen hatte. Vor allem ein vor zwei Jahren veröffentlichtes Buch hatte es ihr angetan: Stolz und Vorurteil, geschrieben von einer unbekannten Dame, die bereits das ähnlich geliebte Gefühl und Verstand verfasst hatte.
    Mehr als zwei dutzend Mal hatte sie es bereits gelesen und stets legte sie es mit dem Wunsch beiseite, an Elizabeth Bennets Stelle zu sein. Schon beim ersten Lesen kam es ihr vor, als entfalte sich auf den Seiten ihre eigene Geschichte. All das, was Elizabeth begegnete, war ja, was auch sie sich wünschte. Vielleicht hatte sie es zuvor nicht gewusst, das mochte wohl sein, aber mit jeder Zeile stand es ihr klarer vor Augen, was ihr begegnen sollte.
    Dieser Witz, mit dem Elizabeth Mr. Darcys Impertinenz beantwortete, beeindruckte Harriet sehr. Und wie Lizzy dem unsäglichen Mr. Collins einen Korb erteilte! Und dann der erste Antrag Mr. Darcys! Dessen Worte las Harriet stets laut und immer schwankte sie, ob sie ihn erhört oder ob sie ihm dasselbe ins Gesicht gesagt hätte wie Lizzy.
    Einerseits glaubte sie, sie hätte schneller als ihre Lieblingsheldin erkannt, welch ein hervorragender Mann Fitzwilliam Darcy war. Je öfter sie den Roman las, desto mehr bedauerte sie, wie er von Lizzy abgewiesen wurde, nur weil deren Stolz sie blind für seine Vorzüge gemacht hatte.
    Andererseits rezitierte sie Lizzys Replik mit diebischem Vergnügen. Dabei pflegte sie ihr Schlafzimmer zu durchschreiten und mit strengem Blick den Lehnstuhl zu taxieren, der in Ermangelung eines leibhaftigen Herrn herhalten musste. Es fühlt sich großartig an, ohne jeglichen Rückhalt zu erklären, womit der arrogante Mann sich ihre Zuneigung verscherzt hatte.
    Doch nichts tat sich in Upper Rivington. Stets bewegte sie sich im Kreise derselben Menschen, niemand trat in ihr Leben, der ihre Sehnsucht nach Romantik hätte stillen können. Dann, vor wenigen Tagen erst, klagte sie der Mutter ihr Leid: Es fehle in Upper Rivington an Männern von Format und Einfluss.
    Mrs. Brent dachte darüber nach und stimmte ihrer Tochter zu; hier sei es um Lords und Dukes wahrlich schlecht bestellt.
    „Mama, du nimmst mich nicht ernst. Es geht mir nicht um Lords und Dukes. Aber ich bin neunzehn Jahre alt, es wird doch Zeit, dass ich heirate.“
    „Es erstaunt mich, das zu hören. Bislang hatte ich nicht den Eindruck, du habest Interesse daran, einem Haushalt vorzustehen. Vielleicht solltest du dich zur Probe erst einmal verlieben?“
    „In wen, Mama? In wen? Ich kenne unsere Junggesellen doch zu lang, als dass einer von ihnen in Frage käme.“
    „Nicht einmal für unseren Hilfspfarrer könntest du schwärmen? Er ist doch ein hübscher Mann.“
    Harriet seufzte. Mama verstand sie wirklich nicht. „Ich bin auf dem besten Wege, eine alte Jungfer zu werden, wenn wir nicht etwas unternehmen.“
    Mrs. Brent hatte Mühe, ernst zu bleiben. „Es wird Clarissa freuen, zu hören, wie du von ihr denkst.“
    „Sie wird einundzwanzig in wenigen Tagen -“
    „In einem halben Jahr, mein liebes Kind.“
    „Ein halbes Jahr ist rasch vorbei, Mama.“
    Jetzt lachte Mrs. Brent. „Nun, was also wollen wir tun? Vielleicht sollten wir eine Bekanntmachung in den umliegenden Städten aushängen?“
    „Eine Bekanntmachung?“
    „Aber ja. Hübsche Töchter abzugeben, melden Sie sich auf Heartfield.“
    „Aber Mama! Das meinst du nicht ernst!“
    „Wenn du so verzweifelt bist …“
    „Ich wünschte, du wärest besorgter um unsere Zukunft. Es ist doch immerhin deine Aufgabe, uns gut zu verheiraten.“ Harriet verschwieg, dass sie nicht die Absicht hatte, einen Mann zu heiraten, den die Eltern ihr aussuchten. „Aber du scheinst anzunehmen, ein Ehemann fände sich von alleine.“
    „Nun, das nehme ich an, ja. Deinen Vater traf ich auf einer Reise, da war ich dreiundzwanzig. Ich stolperte aus der Kutsche in seine Arme und verliebte mich auf der Stelle in ihn. Ich wüsste nicht, wie das hätte geplant werden können.“
    „Ach, Mama, du erzählst es ständig. Aber das waren andere Zeiten. Und auf Reisen gehen wir zu selten, als dass ich mich auf einen solchen Glücksfall verlassen wollte.“
    „Wir könnten im Sommer nach London fahren. Allerdings nur, wenn du mir versprichst, dort auch den passenden Mann zu finden. Ich möchte ungern Zeit und Geld verplempern.“
    „Mama, du machst dich über mich lustig.“
    „Nur ein wenig, mein Kind. Ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet du mit all deinen romantischen Flausen auf die Jagd nach einem Gatten gehen willst, wie es Mrs. Shorts Nichten tun.“
    „Aber nein, das möchte ich nicht. Ich werde niemals anders als aus tiefster Liebe heiraten. Doch du solltest jemanden für uns suchen, wie andere Mütter es auch tun. Dir scheint es vollkommen gleichgültig zu sein, was aus uns wird.“
    „Aber Harriet. Was soll denn schon aus euch werden? Bleibt eine von euch unverheiratet, so wird sie Heartfield erben und ein ruhiges Leben führen. Und heiratet keine von euch, so wohnt ihr gemeinsam hier und streitet euch, bis ihr alt und grau seid. Ihr seid versorgt, wenn es auch keine Reichtümer sind, die wir euch hinterlassen werden. Ich bitte dich, sorge dich nicht. Es wird sich schon finden. Setze dich lieber ans Klavier und übe, das schadet gewiss nicht.“
    Diesen Rat befolgte Harriet; immerhin mochte es sein, sie müsse eines Tages mit ihrem Spiel glänzen, wie es auch Lizzy getan hatte. So sehr hoffte sie, ihr Leben werde ähnlich verlaufen wie das ihrer Heldin, dass sie oftmals wünschte, ihre Mutter wäre mehr wie Mrs. Bennet, deren Lebensinhalt die Verheiratung ihrer Töchter war.
    Auch kam es vor, dass Harriet die finanzielle Sicherheit ihrer Familie bedauerte, die ihren Eltern jene Gleichmut verschaffte, ihre Töchter nicht jedem Mann in die Arme zu werfen, der sich in ihre Nähe bequemte. Sogar an ihrem gutmütigen Vater fand sie etwas auszusetzen: Niemals würde der seiner Jüngsten gestatten, mit der etwas dümmlichen Gattin eines Colonels nach Brighton zu fahren, wie es Lizzys Vater getan hatte. Und so reizend es auch war, von Papa Komplimente zu erhalten, zu wissen, wie stolz er auf jede einzelne seiner Töchter war, so wenig half das doch den nötigen Entwicklungen auf die Sprünge, nach denen es Harriet verlangte.
    Ja, so seufzte sie in mancher Nacht, es war ein Elend, in eine solch nahezu perfekte Familie hineingeboren zu sein. Und weil Harriet eine ehrliche Person war, bedauerte sie zudem, nicht halb so gewitzt und geistreich wie Lizzy zu sein. Doch bekäme sie ihre Chance, träfe sie auf Mr. Darcy, so wusste sie zum Glück jede Antwort der bewunderten Heroine auswendig.

    Eine allgemein anerkannte Wahrheit

    „Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitze eines schönen Vermögens nichts dringender benötigt als eine Frau. Zwar sind -“
    „Oh, Harriet, bitte!“, rief Clarissa aus, die neben ihrer Schwester im Wohnzimmer saß und einen Riss in ihrem Redingote ausbesserte, „nicht noch einmal diesen Roman!“
    „Aber du liebst ihn, das hast du gesagt!“
    „Ja. Ich liebte ihn sehr, als ich ihn das erste Mal las. Und ich liebte ihn noch, als ich ihm das sechste, ja sogar das siebte Mal lauschte. Es ist eine reizende Geschichte, natürlich. Voller Witz und Ironie. Aber als ich dich bat, mich bei der Arbeit zu unterhalten, da hatte ich an das Klavier gedacht oder an Dorftratsch, doch sicher nicht an den hundertsten Vortrag von Stolz und Vorurteil. Sei versichert, wir alle kennen mittlerweile jede Zeile auswendig. Berichte lieber, was Charlotte gestern erzählt hat. Wie befindet sie sich, wie geht es Lady Milford? Hat sie sich von ihrer Erkältung gut erholt?“
    Doch so leicht war Harriet von ihrem liebsten Thema nicht abzubringen. „Ja ja, es geht ihnen allen hervorragend. Sag, wünschst du dir nicht, du fändest einen Mr. Bingley? Wo du Jane Bennet doch so sehr ähnelst.“
    Die Verwunderung der älteren Schwester war beträchtlich; verblüfft ließ sie ihre Näharbeit sinken. „Ich sei Miss Bennet ähnlich? In welcher Hinsicht denn bitte sehr?“
    „Nun, das liegt auf der Hand: Du bist die älteste von uns, du bist die Hübscheste von ganz Upper Rivington und dazu bist du von äußerst freundlicher Natur. Ganz wie Miss Bennet. Wohin du auch gehst, man ist dir zugetan.“
    „Ich danke dir für deine gute Meinung. Du möchtest mir ein Kompliment machen, das verstehe ich, aber Jane? Kommt sie dir nie ein wenig zu duldsam vor? Und dann Mr. Bingley!“
    „Was kannst du an ihm auszusetzen haben? Er sieht gut aus, hat einnehmende Manieren, ist dazu reich und liebenswürdig und von Herzen gutmütig.“
    „Du wünschst mir nicht wirklich einen Mann, der sich so leicht von seiner Liebe zu mir abbringen lässt?“
    „Aber Mr. Darcy ist sein bester Freund und er vertraute seinem Urteil, das dieser ja im besten Glauben gefällt hatte. Sollten wir unseren besten Freunden nicht vertrauen und ihrem Rat folgen?“
    „Nicht mehr, als wir unserem eigenen Urteil vertrauen sollten. Wenn du dich also in einen Mr. Darcy verliebtest – und ich gehe davon aus, dass du ihn für dich reserviert hast – dann verließest du ihn, wenn ich es dir anriete?“
    „Das ist eine vollkommen andere Situation, möchte ich meinen. Doch natürlich dächte ich über deinen Ratschlag nach und käme ich zum Schluss, du habest recht, so würde ich ihn befolgen, ja.“
    „Und wenn ich dir kurz darauf riete, ihn nun doch zu nehmen, dann tätest du auch das? So wie Mr. Bingley sich hat umherschieben lassen? Ich meine, welcher Frau würde seine Liebe schmeicheln? Erst glaubt er, nicht ohne Jane leben zu können, dann verlässt er sie, weil sein Freund ihm ohne weiteres einreden kann, sie empfände nichts für ihn, und als es jenem Freund einfällt, er habe nichts mehr gegen diese Verbindung einzuwenden, da läuft er artig zurück zu ihr und bittet sie um ihre Hand. Und Jane willigt ohne Zögern ein. Du darfst mir gerne glauben, ich an ihrer Stelle hätte ihn geprüft, bevor ich ihn nähme. Man möchte doch nicht an einen Mann gebunden sein, der so wankelmütig ist.“
    Das Gespräch nahm eine Richtung, die Harriet nicht gefiel; Mr. Bingley als schwachen Charakter dargestellt zu sehen, war nicht, was sie beabsichtigt hatte. Mehr als einmal hatte sie festgestellt, wie gerne sie mit ihm vorliebnähme, sollte sich kein Mr. Darcy in ihrem Leben einstellen. Und zu Clarissa würde ein Mann, der weniger ernst, weniger kühl und weniger bedacht war als sie, sehr gut passen. Das teilte Harriet der Schwester mit.
    „Zu kühl, zu bedacht und zu ernst also bin ich? Und das ändert sich, wenn ich einen freundlichen Hohlkopf heirate? Ich sehe in einer solchen Verbindung nichts als Ärger und Unmut. Lieber wäre mir doch ein Mann, der meine Qualitäten zu schätzen weiß und ähnliche Eigenschaften besitzt wie ich.“
    Die beiden älteren Schwestern verstanden sich gut, doch selten hatte sie über ihre Wünsche an die Zukunft miteinander gesprochen und noch seltener über ihre Vorstellungen von Männern. Clarissa schien stets über diesen Dingen zu stehen, ähnelte darin in ihrer ruhigen Zuversicht der Mutter.
    Harriet war stets die fantasievollere gewesen, verspielter und lebhafter und bis vor einem halben Jahr kaum interessiert an allem, was mit Heirat und Haushalt zu tun hatte. Schnell begeisterte sie sich für Dinge und Menschen, hatte hintereinander weg ihre Liebe zu Stickarbeiten, Porträtmalerei und Klavierspiel entdeckt. Einzig dem Lesen blieb sie von frühester Kindheit an treu: Darin hatte sie die Aufregung gefunden, die in Upper Rivington keine Heimat hatte. Die elterliche Bibliothek war recht gut befüllt und stand den Töchtern ohne Einschränkung zur Verfügung; Sittenverderbliches wie die Romane des Marquis de Sade hatte nie den Weg nach Heartfield gefunden, wohingegen die deftig-derben Abenteuer eines Tom Jones nach Meinung des Vaters dazu dienen mochten, die Töchter vor allzu viel Vertrauen in leichtfertige Herren zu schützen. Sowieso war ihm daran gelegen, sie nicht zu verwöhnten Porzellanpüppchen zu erziehen, sondern zu praktischen Frauenzimmern, die gut für sich und andere zu sorgen wussten, ohne dabei sich selbst zu vergessen.
    In Dingen der Erziehung betrachteten sich Mr. und Mrs. Brent als traditionell und modern zugleich, was ihrer Nachkommenschaft zugutekam, denn ein jedes der Mädchen hatte sich seinen Anlagen entsprechend so gut entwickelt, wie es mit einer klugen Mutter und einem charmanten Vater nur möglich war. Die Eltern hatten Clarissas Zurückhaltung ebenso wenig bekämpft wie Harriets überbordende Fantasie.
    Und nun also sprach Clarissa über ihren idealen Ehemann, weshalb Harriet das geliebte Buch zuklappte und näher heranrückte. „Aber einen Mann zu heiraten, der ebenso ernst wie man selbst ist – klingt das nicht nach Langeweile? Ich sehe euch schon Abend für Abend über den Haushaltsbüchern sitzen und rechnen. Und zur Entspannung lest ihr euch dann Predigten vor. Das möchtest du?“
    Clarissa schüttelte den Kopf. „Wie kommst du nur auf solche Vorstellungen, Harriet? Wenn nicht alles Spiel und Tanz ist, dann muss es Arbeit und Ödnis sein? Ich wünsche mir einen Mann, der sich mit mir über Literatur ebenso unterhält wie über unsere Finanzen, der seine Sorgen mit mir teilt wie seine Freuden. Und der dasselbe von mir erhofft. Ich wünsche mir Harmonie und Einigkeit, Vertrautheit und wahre Freundschaft.“
    „Wo bleibt denn die Liebe bei alldem? Es klingt, als wolltest du dich mit ihm in die Einsamkeit zurückziehen.“
    „Das wäre mein Ideal: Eine Liebe, die so innig ist, dass wir es auch in einer kleinen Hütte im Wald miteinander aushielten.“
    „Dann muss ich sagen, du bist romantischer, als ich es bin. Ich denke, eine Liebe überlebt die Jahre besser, wenn gelegentlich einige Zimmer zwischen dem Gemahl und der eigenen Person liegen.“
    „Ah. Wenn ich auch erstaunt bin, das von dir zu hören, so stimme ich doch gerne zu. Da ich aber einen vernünftigen Mann zu heiraten wünsche, wird es vermutlich keiner, mit dem ich im Wald leben muss. Meine Mitgift und sein Einkommen sollten reichen, uns zumindest ein Cottage in einem Dorf zu ermöglichen. Ein wenig Platz für jeden für uns und Gesprächsstoff in Form einiger reizender Nachbarn sollten für ausreichend Ablenkung sorgen, um die gemeinsamen Jahre erträglich zu gestalten.“
    „Das wiederum klingt sehr bedacht und sehr unromantisch. Ich befürchte, ich werde nicht schlau aus dir.“
    „Vergleiche mich nicht mit Jane, sondern mit Lizzy, dann verstehst du mich besser.“
    Nun lag das Erstaunen ganz auf Harriets Seite. Einige Male schon hatte sie ihre Familie mit der Familie Bennet verglichen und nie wäre sie auf die Idee gekommen, die Rolle Lizzys einer anderen als sich selbst zuzuschreiben. Und so sehr es ihr auch widerstrebte, so sehr musste sie anerkennen, dass Clarissas Anspruch auf diese Rolle so gering nicht war: Sie konnte im charmantesten Plauderton spitzzüngige Bonmots von den Lippen perlen lassen, betrachtete ihre Umgebung durchaus abgeklärt und glaubte dennoch an die Liebe …
    Doch Harriet drängte diese Erkenntnis rasch beiseite: Clarissa war die Ältere, war schöner, ruhiger und zurückhaltender als sie selbst – damit konnte sie niemals Lizzy sein. Und ein Mann wie Mr. Bingley wäre trotz all ihres Widerspruchs genau der Mann, der ihr Frohsinn und Leichtigkeit schenken würde. Es war eigentümlich, wie wenig Clarissa sich doch kannte!

  • Alltags- und Gedankenschnipsel

    Die letzten fünfzehn Monate und Pläne und so und überhaupt

    Es ist vier Uhr nachmittags am dritten Advent und ich bin unglaublich müde – eine Mischung aus meiner Hashi, einem ständig grölenden Teeniesohn, den ich gerne auf dem Mond wüsste, und zu wenig Schlaf.

    Zu wenig Schlaf nicht allein in der letzten Nacht, sondern in den letzten Monaten: Entweder ich habe Rücken und/oder muss mich mit Momo (schwarze Katze, wiegt keine drei Kilo) und Micky (kleiner Hund, wiegt sechs Kilo) um meinen Platz im Bett streiten, während Maxi (großer Hund, hoffentlich endlich nur noch 30 Kilo) schnarcht. Ja, ich sollte die Tiere aus meinem Schlafzimmer verbannen, aber ähm – sie sind sonst sehr, sehr traurig. Und laufen jaulend und jammernd durchs Haus. Reicht, wenn das der Grölsohn tut, der übrigens nächsten Samstag vierzehn Jahre alt wird und dadurch natürlich noch mehr Ansprüche stellt an das, was er darf.

    Und nicht, dass jetzt noch irgendeine der Illusion erliegt, der Jüngere wäre noch immer das liebe Schmusekind, das so intelligent und fleißig und hilfsbereit war – der ist zwölf und ist längst der Nölsohn. Ja, nölen und grölen, das trifft es genau, was ich hier tagtäglich anhöre. Mir steht es ziemlich weit über Kopfhöhe und ich bin sicher, dass – wer nun nicht denkt, wie kann die böse Frau das über ihre armen Kinder schreiben? Öffentlich?? – es einige gibt, die nicken und sich auf die Schulter klopfen, weil sie das hinter sich gebracht haben. Oder andere, die nicken und sich sagen, wie gut es sei, sie sind nicht alleine mit dieser Erfahrung. Und noch andere, die vielleicht nicken, dann zu ihren süßen Kindern schauen und glauben, bei uns wird das aber anders! Und herrje, ich wünsche wirklich sehr, sie mögen recht haben. Ich gönne es allen. Aber so ganz vorsichtshalber solltet ihr euch einen Jahresvorrat an Süßkram zulegen, der euch dann über die ersten Wochen der Frühpubertät hilft! Nur so, für alle Fälle.

    Aber ach, zurück zur Müdigkeit: Sind also nicht körperliche Zipperlein, die mich quälen, dann sind es Sorgen um unsere verdammte Mistwelt (und jetzt sagt mir bitte keine nirgendwo nicht, wie viel besser die Welt doch geworden ist – ja, verglichen mit 1379 ist das korrekt, verglichen mit 2014 halte ich das aber für ein Gerücht). Oder es sind meine Geschichten, die mich wachhalten.

    Weil ich entweder noch ein Kapitel zu Ende schreibe. Oder nach Fehlern suche. Ein Cover baue. Alles in digitale Form bringe. Recherchiere. Korrektur lese. Mir über den Fortgang Gedanken mache. Oder aber – und das ist das Dümmste, Nutzloseste und Selbsterniedrigendste, was eine Autorin tun kann, die Marketing nicht nur nicht beherrscht, sondern es auch fies findet: Man liegt herum und fragt sich, wie andere es schaffen, so viel zu verkaufen, obwohl vieles davon eher nicht das ist, was man selbst lesen oder auch nur schreiben würde. Also windelwechselnde Milliardäre mit Six-Pack und Goodie-Schublade. Oder extrem blutige Moritaten, in denen seitenlang Folterung und Ermordung der weiblichen Opfer beschrieben sind. Oder was auch immer, was dem einen oder anderen hier mitlesenden Snob (ja, nicht mit dem Kopf schütteln, ich weiß schon, hier sind immer einige mit Anspruch zu Besuch gekommen, die mir zu dem einen oder anderen Thema durchaus höchst anspruchsvolle Lektüre zur Vertiefung oder Problemlösung empfohlen haben 😀 )

    Versteht das nicht falsch, ich stehe nun wahrlich weder hier noch vor meinem Spiegel und behaupte, zeitgenössische Literatur mit Ewigkeitsanspruch zu verfassen – dazu bin ich schon viel zu wenig im Hier und Heute verwurzelt – das loves vintage steht ja nicht ohne Grund seit Jahren obendrüber. Weshalb ich zwar hier und heute auf meinem Sofa schreibe, aber das Geschriebene entweder 1900 oder in der Weimarer Republik oder aber demnächst sogar 1815 spielt. Das ist – so viel war von Anfang an klar – niemals nicht mainstreamtauglich. Und ja, ich sehe das Nicken der einen oder anderen (so man hier überhaupt noch hinfindet, nachdem ich meinen Blog so schändlich vernachlässigte), die sich sagt: „Doofe Nuss, das willst du ja auch gar nicht! Du kannst Mainstream nicht und vor allem willst du das nicht, also jammer hier nicht rum!“

    Richtig, recht hast du. Ich wundere mich vielmehr über das, was heute Mainstream ist – entführte Teeniemädchen, die sich nach vollzogener Vergewaltigung in den Täter verlieben … da tu ich mich schwer mit. Noch schwerer mit den Kommentaren zu solchen Büchern, in denen von Romantik und Liebe die Rede ist. Ich bin einfach zu alt dafür, nehme ich an.

    Aber sei das, wie es ist: Trotzdem ich all das wusste, all das gar nicht wollte und von Anfang an sagte, es wäre toll, wenn ich eine Handvoll Leserinnen finde, die so sind, wie all die Frauen, die ich übers Bloggen oder über den Kosmetikladen fand – also witzig, klug, gebildet, warmherzig und auf Zack (was sie für meine mäandernden Schachtelsätze, auf die ich auf dem Blog nicht verzichten mag, quasi als Zugangsintelligenztest für den Kommentarbereich und jetzt übertreibe ich es absichtlich mit Aussage und Satzbau :D), wenn ich also diese Handvoll fände, dann wäre es das für mich schon wert. Doch dann bekam das Ganze irgendwie Schwung, sowohl von innen wie von außen, und auf einmal kam zumindest soviel Umsatz rein, dass es mich aus der Familienversicherung kegelte und ich nun bei der Künstlersozialkasse gemeldet bin. Was ziemlich überraschend war. Und was dann dazu führte, dass ich mich viel zu sehr mit anderen Indies oder Selfpublishern befasste, in Foren mitlas und dann eben nachts schlaflos lag und mich fragte, ob mein Festhalten an dem, was ich wie und wann schreiben will, denn wirklich so verkehrt ist. Zahlenmäßig vor allem in den letzten sechs Wochen bin ich das totale kleine Minilicht, die totale Loserin (Na, ok, das geht noch viel, viel schlechter :D) und was man sich nicht noch alles einreden kann. Ihr kennt mich ja, könnt ihr euch schon denken.

    Dabei zählt doch statt Umsatz für mich etwas ganz anderes: Wenn ich Mails von mir fremden Frauen bekomme, die sich über Emma freuen oder Lily lieben oder wissen wollen, wann es mit Olivero weitergeht. Die sich mitunter als Germanistinnen, Historikerinnen, sogar Buchhändlerinnen entpuppen und damit also die Frauen sind, vor denen ich die größte Angst habe. Schreibend betrachtet: Wie schrecklich, wenn so eine hineinschaut und dann stöhnt und mir mitteilt, was für ein Mist all das ist und dass ich kein Talent hätte! Aber das Gegenteil war der Fall und ich kann gar nicht sagen, wie ich dann hier sitze, die mir gesandten Zeilen ein dutzend Mal lese und heule wie eine Dreijährige, die ihr Wunschweihnachtsgeschenk erhalten hat und noch ein kleines Extra dazu. Ach, Blödsinn, zehn riesige Extras! Das toppte die zwischenzeitlich guten Einkünfte (die dank Amazonangeboten erzielt wurden). Und doch konnte ich das nicht beiseiteschieben, dieses in bestimmten Kreisen wichtige Rangfolgen- und Geldeingangsvergleichen. Was Geld macht, ist gut, ist geil, ist richtig, wer Anspruch an sich selbst hat, ist halt nur neidisch, klein und hat keine Ahnung. Das kann man sich ganz gut anziehen.

    Aber es nutzt auch: Denn dann schaut man sich um, sieht die Nähmaschine beispielsweise, und rechnet nach, wie viel Arbeit man jetzt reingesteckt hat. Da komme ich locker auf achtzig Stunden die Woche. Weil man sich anstecken lässt von dem Größer, Schneller, Weiter. Will ich das ändern? Ja und Nein. Das Schreiben ist ja schon immer Teil meines Lebens gewesen und ich habe Ideen für die nächsten 17 Bücher. Und ich muss Dinge schnell machen, sonst bleibe ich nicht dran. Aber vielleicht musst ich nicht meine gesamte Zeit täglich dafür aufwenden – vielleicht kann ich mal wieder bloggen, mal wieder nähen, irgendwann mal wieder stricken? Wichtig ist die Balance, die sich zu sehr verschoben hat. Da muss ich mich mal wieder zwingen, anderes zu tun. Wohlwissend, dass ich dennoch täglich werde schreiben müssen, um zu schaffen, was ich schaffen will. Als Nächstes eben die 1815-Geschichte einer Miss Harriet Brentley, die dem Roman Stolz & Vorurteil verfallen ist. Und unbedingt erreichen will, Ähnliches zu erleben. Darauf habe ich nun so richtig Lust, aber wie immer frage ich mich, ob ich das kann. Und dann neige ich dazu, mich ganz und gar hineinzustürzen. Und dann, wenn es erscheint, mir einerseits Leserinnen zu wünschen und gleichzeitig Angst vor ihnen zu haben. Dumm?

    So. Mal schauen, ob ich die nächsten Monate besser geregelt bekomme …