• Die Zwanzigerjahre

    Eine aufregende Zeit für Frauen. Und Krimiliebhaberinnen!

    Zu den aufregendsten Zeiten der Weltgeschichte gehören sicherlich die Zwanzigerjahre. Es änderte sich so vieles zugleich: König- und Kaiserreiche zerfielen, Kleidung wurde bequemer und gewagter, gesellschaftliche Regeln lockerten sich und technische Entwicklungen überholten sich in ihrer Rasanz beim Zusehen.
    So golden, wie es klingt, war es aber nicht: Noch immer herrschte Armut, noch immer bestimmte Doppelmoral das Leben vor allem der Frauen und es bahnten sich politische Entwicklungen an, die all die positiven Tendenzen ins Gegenteil verkehren würden. Aber vieles, was in diesen Jahren ge- und erdacht wurde, erscheint uns heute noch modern und fortschrittlich.
    Kann es also eine bessere Zeit geben, in der Kriminalromane spielen könnten? Kaum, denn damals gelangte diese Literaturform zur Blüte und bis heute werden die Klassiker der Damen Christie, Tey, Sayers und Wentworth gerne gelesen. Ermittelt wird ohne Mobiltelefon und schnelle Autos, was eine ganz eigene Spannung mit sich bringt.

  • Olivero

    Odila, die Zeitige – Das erste Kapitel

     

    Es ist ja nun schon Tradition: Sobald ich das erste Kapitel des aktuellen Romans geschrieben habe, stelle ich es online – mit allen Fehlern und Verdrehern, mit allem, was später ergänzt wird oder herausfliegt. Und jetzt also geht es weiter mit dem dritten Band um Oliveros Institut der Fantastik:

     

  • Die Zwanzigerjahre

    Geister, Grusel und Ganoven

    In den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts erlebten Spiritistinnen und Spiritisten einen enormen Zulauf. Eben aus dem ersten Weltkrieg entlassen, suchten die Menschen nicht allein nach dem Sinn des Lebens, sondern ebenso nach Kontakt zu den Toten, von denen es zu viele gegeben hatte.
    Und vermutlich hat nicht zuletzt der technische Fortschritt zum Erfolg dieser Branche beigetragen: Nicht allein mit geheimnisvollen Klopfzeichen und wackelnden Tischen ließen sich nun Trauernde und Neugierige von der Existenz einer spirituellen Welt überzeugen – nun kamen neben Schatten, Licht und Spiegeln auch Kameras, Filmsequenzen und elektrische Hilfsmittel zum Einsatz, mit denen eine surreale Atmosphäre geschaffen wurde. Ein Grammophon lieferte schaurige Musik, die direkt aus dem Totenreich zu kommen schien, neblige Projektionen klagender Frauen schwebten schwerelos und transparent vor der Gästeschar, es vibrierte und summte und bebte, als ob eine Armee gesprächsbereiter Gespenster aufmarschiere.
    Dennoch waren die meisten der erfolgreichen Tricks eher simpel: Aus Eischnee und Baumwollmusselin ließ sich Ektoplasma formen, das anzeigen sollte, wie das sich in (angeblicher) Trance befindende Medium von einem Geist in Besitz genommen wurde. Oftmals war die Stimmung erotisch aufgeladen; so floss das Ektoplasma bei manch einer raffinierten Betrügerin zwischen den Beinen hervor, was die meist männlichen selbsternannten Spiritismusforscher zu gerne von der Wahrhaftigkeit des unerklärlichen Phänomens überzeugte. Wer sich hierfür tiefer interessiert, der sei empfohlen, nach den folgenden Damen und Herren zu googlen:

    Eva Carrière (Vor dem ersten Weltkrieg)

     

    Kathleen Golighter

     

     

    Mina Crandon

     

     

    Helen Duncan

     

    Eileen Garrett

     

    Stanislawa P.

     

    Jan Guzyk

     

    Einer Nielsen

     

    Natürlich waren nicht alle Medien, die Séancen abhielten, Betrügerinnen. Nicht wenige unter ihnen glaubten an das, was sie taten, und so gestanden ihnen die paranormalen Detektive (von denen es einige gab) gerne zu, nicht aus bösen Absichten heraus zu handeln. Hier wurde nicht getrickst und gekaukelt, hier waren Damen und Herren, die besonders sensibel waren für Stimmungen und Launen der Menschen um sie herum, die in echte Trance fielen und von dem berichteten, was sie währenddessen sahen. Wenn ihnen auch meist nachgewiesen werden konnte, dass dem, was sie sagten, jegliche Substanz mangelte, und ihre Voraussagen kaum je eintrafen, so legten die Skeptiker eben doch Wert darauf, ihnen einen guten Charakter zu bestätigen.

    Unter diesen Detektiven tat sich einer besonders hervor – Harry Houdini hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Gesellschaft von den Scharlatanen und Lügnern zu befreien. Er tat dies nicht alleine; eine ganze Schar Frauen und Männer hatte er zur Verfügung, die Ermittlungen anstellten. Die spannendste unter ihnen dürfte wohl Rose Mackenberg gewesen sein, die sich verkleidet in spiritistische Sitzungen einschlich, die verschiedensten Rollen spielte und damit zu Ruhm gelangte.

     

    In all das habe ich mich tagelang vertieft und im Grunde ließen sich zwanzigtausend Geschichten daraus machen. Doch es sollte eine werden, die zu meiner Emma passt. Und so geht es recht bald um einen Menschen, der das Totenreich besser kennenlernt, als er es wünschte …

  • Emma

    Die mysteriöse Séance

    Nun ist es bald soweit: Emma gerät zum neunten Mal schon in die Ermittlungen des Bonner Kriminalkommissariats. Wie stets kann sie nichts dazu, es geschieht einfach. Was soll ein Mädchen – pardon: eine junge Frau! – anderes tun, als nach bestem Können mitzuhelfen? Das ist doch wohl oberste Bürgerpflicht, nicht wahr?

    Erstaunt aber wird sie feststellen, dass sie mit dieser Meinung so ziemlich alleine dasteht. Was sie nicht davon abhält, nur ‘einmal schnell’ loszulaufen, um harmlose Fragen zu stellen. Man kennt das. Und es sind interessante Menschen, mit denen sie dieses Mal in Kontakt kommt: Da ist die Spiritistin Madame Ophelia, an deren Gaben Emma nicht so recht glauben möchte. Da ist aber auch ein Herr von Hochfeld, der sie unglaublich nervös macht. Eine russische Malerin ist vertreten (mancher Leserin vertraut als diejenige, die Timotheus Mayenbach gemalt hat!) ebenso wie eine schottische Reisende, zwei junge Damen der besten Gesellschaft und …

    Aber zu viel sollte ich nicht verraten, wo bliebe da die Überraschung? Also: selber lesen und abtauchen in die Zwanziger Jahre, in denen der Glaube an eine bessere Welt so manche Erscheinung hervorgebracht hat, die … Nun, kein Wort weiter!

  • Charaktere bei Fräulein Schumacher

    Sybil Alexandra Mallaby

    Sybil wurde am 22. Dezember 1889 als Tochter Sir Alfreds und Lady Milfords geboren. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Charlotte (Emmas Mutter) bemüht sie sich sehr um die Anerkennung ihrer Eltern. So geht sie auch zwei Ehen ein, die beide unglücklich sind und mit dem Tod der Ehemänner ihr Ende finden. Woran Sybil – daran besteht kein Zweifel! – unschuldig ist: Einmal war es der Große Krieg, der ihr Freiheit verschaffte, das andere Mal war es die Zügellosigkeit Mr. Mallabys, die zu seinem Ableben führte.

    Als zweifache Witwe war auch Sybil endlich so weit, sich von den Anforderungen der Eltern loszumachen; was sicherlich auch deshalb gelingen konnte, weil Sir Alfred ebenfalls das Zeitliche gesegnet hatte. Ausgestattet mit einem beträchtlichen Vermögen, dem auch die schwächelnde Wirtschaft und ihre Neigung zu Luxus und schönen Kleidern nichts anhaben konnten, stürzt Sybil sich ins Londoner Gesellschaftsleben und trotzdem sie keine zwanzig mehr ist, zählt sie unbedingt zu den bright young things, die allseits für Furore sorgen und die Klatschspalten der Gazetten füllen.

    Ein Jahr lang lebt Sybil dennoch mit ihrer Mutter und Emma in London, Edinburgh und Cornwall; es mag gut sein, ihre Freude an oberflächlichen Vergnügungen war schal geworden. Zweifellos eine intelligente, erfahrene und zynische Person war sie nun, die entdeckt hatte, ihr Geld nütze zu mehr als nur als Tauschmittel zu dienen. Ihr Stadthaus gab sie auf, zog sich etwas zurück von all den wilden Parties und unzähligen Liebhabern. Doch noch suchte sie sich, war unglücklich, unzufrieden und egoistisch. Worunter vor allem Emma zu leiden hatte, die sie mit Herablassung und Spott behandelte, wenn sie nicht eine Aufgabe für sie hatte. Was wohl ein Grund war, weshalb Emma sich endlich auf die Hinterbeine stellte, denn sowohl vor dieser Missachtung wie auch vor der beiläufigen Verhätschelung der Großmutter wollte sie entfliehen.

    Nun, das Schicksal war Emma darin wohl gnädig, stellte ihr dazu allerdings ausgerechnet die ungeliebte Tante an die Seite – in deren Begleitung nämlich brach sie nach Bonn auf. Doch Wunder über Wunder: Nun wirklich frei von allen Erwartungen findet Sybil nicht nur wirkliche Liebe, sondern vor allem zu sich selbst. Wer hätte gedacht, eine erfolgreiche Geschäftsfrau stecke in ihr? Sie bleibt in Bonn und wird zu Emmas Ratgeberin in den weltlichen Dingen, die den Horizont ihrer Nichte übersteigen. Noch immer ist ihr Blick auf die Gesellschaft ein scharfer, noch immer ist es der Vorteil, den sie sucht – nicht allein für sich, sondern ebenso für ihren dritten Mann wie auch für Emma und James.

  • Charaktere bei Fräulein Schumacher

    James Stuart Beresford

     

    James kam am 04. Januar 1900 auf als einziges Kind des Verlegers Henry James Beresford und seiner Gemahlin Prudence Maria auf diese Welt. Dass er das einzige Kind bleiben würde, ahnten die Eltern zu diesem Zeitpunkt noch nicht und so waren James’ erste Jahre recht unbeschwert von allzu vielen Erwartungen. Er würde den Verlag erben und (ganz wie der Vater) eine Tochter aus bestem Hause heiraten, dessen war man sich sicher, mehr verlangte man nicht von seiner Zukunft.

    Als jedoch die Brüder und Schwestern ausblieben, stiegen die Ansprüche an den stillen und schüchternen Jungen. Seine Vorliebe für romantische Rittergeschichten, mittelalterliche Architektur und ägyptische Pharaonen sah vor allem der Vater zwar gerne – welcher Verleger wäre nicht glücklich über einen Sohn, der gerne las? – jedoch störte es beide Elternteile, wie wenig Ehrgeiz James in schulischen wie sportlichen Dingen an den Tag legte. Wäre er frech und vorlaut gewesen, damit hätten sie leben können. Aber seine Zurückhaltung allem und jedem gegenüber, sein häufiges Erröten und verlegenes Gestammel, wenn er sich wieder einmal verhaspelte im Angesicht einer jungen Schönheit oder eines strengen Herrn gegenüber, daran verzweifelten die Beresfords bald täglich. Vor allem Prudence Beresford hätte es gerne gesehen, wäre ihr Sohn auf den Nachkriegsbällen zum umschwärmten Liebling der Damen geworden. So wundert es nicht, dass sie immerzu versuchte, ihn für ihre Abendveranstaltungen einzuspannen; irgendwann musste der Knoten doch platzen.

    Auch, was ihre zukünftige Schwiegertochter anbelangte, hatte Mrs. Beresford konkrete Vorstellungen. Vorstellungen, die in jedem Fall die Tochter eines teutonischen Professors ausschlossen. Erst, als Emmas Großmutter Lady Milford auf einem Treffen besteht, gewöhnt sie sich an den Gedanken – für sie allerdings wird Emma immer die ehemalige Miss Milford bleiben, von einem Fräulein Schumacher spricht sie ihren Freundinnen gegenüber nie. Wüsste sie dazu, mit welcher Leichtigkeit ihr Sohn sich von seiner Gemahlin zu allerlei Dummheiten bewegen lässt, es würde wenigstens ein Dutzend grauer Haare bescheren.

    Mr. Beresford senior hingegen schätzt seine Schwiegertochter von dem Moment an, in dem sein Sohn ihm von ihr erzählt. Denn was väterliche Maßnahmen – von übermäßiger Freiheit mit hohem Taschengeld bis hin zum Entzug jeglicher Unterstützung – nicht hatten erreichen können, das schaffte die Liebe zu dieser jungen Frau: James schmiedete Pläne beruflicher Natur, die Durchhaltevermögen, Können und Ehrgeiz verlangten und dazu das väterliche Wissen benötigten. Zwar wollte er nicht heim nach London kommen, aber dafür einen kleinen Fachverlag in Bonn gründen. Das gefiel Mr. Beresford außerordentlich und tatkräftig unterstützte er diesen Plan.

    James, studierter Historiker mit den Schwerpunkten Mittelalter und Ägypten, arbeitet mittlerweile fleißig und bis spät in die Nacht. Was Emma mitunter gar zu sehr entgegenkommt: Immer dann nämlich, wenn sie wieder einmal in eine wilde Mörderjagd hineingerät. Das gefällt James wenig, aber weil er zugleich sehr stolz auf seine Frau ist (die schönste, klügste, liebste und reizendste Person auf Erden sicherlich) und die Arbeit nie ein Ende nimmt, ist er nicht der Richtige, sie von dieser Beschäftigung abzuhalten – allzu oft ist er nicht in der Nähe, wenn Emma aufbricht.

    Gelegentlich eifersüchtig, oft zu schnell beleidigt und auch einmal ärgerlich und bestimmt auftretend, ist er genau der Mann, den Emma brauchte, um zu sich selbst zu finden. Ohne Wenn und Aber steht er hinter ihr, lässt sie ihn doch auch sein, wie er ist.