Olivero

Odila, die Zeitige – Das erste Kapitel

 

Es ist ja nun schon Tradition: Sobald ich das erste Kapitel des aktuellen Romans geschrieben habe, stelle ich es online – mit allen Fehlern und Verdrehern, mit allem, was später ergänzt wird oder herausfliegt. Und jetzt also geht es weiter mit dem dritten Band um Oliveros Institut der Fantastik:

 

Professor Olivero

Nun, das ging schnell mit unserem Wiedersehen; gerade einmal vier Tage ist es her, seit wir einander zuletzt gegenüber standen. Wie es Sören geht, möchten Sie wissen, ob wir Sabenius gefasst haben und Gabriella Calabrini? In dieser kurzen Zeit?
Ich muss sagen, Sie haben eine hohe Meinung von meinen Mitarbeiterinnen und mir. Eine zu hohe leider. Wo fange ich an? Sie können sich denken, es waren unschöne Tage, in denen wir das Geschehen von allen Seiten betrachteten und uns stritten über das beste Vorgehen.
Oh bitte, schauen Sie nicht so entsetzt, es waren keine ernsthaften Streitigkeiten; es ist nur so, dass wir von unterschiedlichem Temperament sind und auch unsere Herangehensweise an Probleme sich unterscheidet. Wo ich dazu neige, entweder überstürzt zu handeln oder stundenlang in meinem Zimmer über das Wenn und Aber zu brüten, da begibt sich Swanhild kühlen Geistes auf den Weg und –
Nun, sagen wir so: Sie macht nicht gerne viele Worte und neigt zu endgültigen Lösungen. Woran ich mich gewöhnen muss, das hat sie unmissverständlich klargemacht; deswegen ist sie bei uns.
Melisande wiederum nimmt sich gerne eine Minute des ruhigen Nachdenkens, um hernach lächelnd auf den Verursacher ihrer Sorgen zuzugehen und mit Charme wie Zauber das Beste in ihm zum Vorschein zu bringen. Wo das nicht ausreicht, so ist sie durchaus willens, Feuer, Wasser und Nebel zu beschwören – sie hat das eindrucksvoll während einiger Übungen im Garten bewiesen. Selbst Swanhild zeigte sich beeindruckt, als sie eine Feuerwand so hoch wie unser Haus aufflammen ließ. Das allerdings ist ein Zauber, der sie viel an Kraft kostet und der dazu nicht unbemerkt bleibt; wahrhaftig gewahrten wir, wie einige der Flaneure am Rhein zu uns hinübersahen, obwohl die Allgemeinheit das Institut ansonsten nicht wahrzunehmen in der Lage ist.
Herr Inventoris bastelt bereits an einem Gerät, dass Melisandes Feuer für uns alle trag- und nutzbar machen soll. Dessen Fertigstellung stellt er uns für den Jahreswechsel in Aussicht, was doch wohl bedeutet, er wird zumindest so lange noch bei uns bleiben. Ich glaube, es ist unser Sean, der ihn den Pensionseintritt verschieben lässt – er hat eine solche Freude an der Begabung des Jungen. Die beiden reden sogar beim Abendessen über nichts anderes als ihre absolut wahnwitzigen Ideen. Und wahnwitzig sind sie zumeist.
Wo war ich? Wie weit wir sind, genau. Nicht allzu weit, ich sagte es bereits. Im Moment scheinen unsere Aufgaben sich täglich zu vermehren und wir wissen uns kaum zu einigen, wie wir am besten vorgehen sollen.
Wie meinen Sie?
Ah, gewiss, natürlich. Ich bin der Direktor des Instituts, das ist korrekt. Aber Sie wissen, ich lege Wert auf die Meinung meiner Mitarbeiterinnen und es liegt mir fern, mich als Regent aufzuspielen. Wie dumm wäre das auch? Allein unsere Vampira hat mir Jahrhunderte der Erfahrung voraus und sowohl Melisande wie auch Odila verfügen über magisches Talent, das mehr zählt als mein Titel.
Andererseits allerdings … Ich habe mich durchaus entwickelt während des vergangenen Monats; es fällt mir zunehmend leichter, unsere Gesprächsrunden zu leiten und die Magie des Instituts zu kontrollieren. Das kommt mir gerade nun sehr zupass, da wir nach wie vor zu zehnt unter diesem Dach wohnen; ja, die meiste Zeit über sind wir zu elft, wann immer es Evelines Pflichten als Vestalin zulassen. Eben jetzt in diesem Augenblick wacht sie – wenige Meter von uns entfernt – im Tempel am ewigen Feuer.
Erstaunlich, wie unterschiedlich Schwestern sein können. Eveline von Isselheim ist so sanft und liebenswert wie ihre Schwester Insabeau wild und boshaft ist. Wobei: Das lässt Eveline nicht gelten. Sie verurteilt das Handeln ihrer Schwester aufs Schärfste, dennoch möchte sie Insabeau retten, die seit ihrem Zusammentreffen mit Sabenius zu oft, zu lange, zu intensiv sich in andere Menschen verwandelt und so einem schnellen und schmerzhaften Tod entgegeneilt, ohne es selbst zu bemerken. Ein Schicksal, vor dem Eveline sie bewahrt sehen will.
Falscher Ehrgeiz, missverstandene Freiheit und verliebter Gehorsam hätten die Schwester zu Sabenius williger Gefährtin gemacht. Und die schlechte Behandlung, die sie von Kindheit an erfahren habe. Sehr eindrücklich hat Eveline uns berichtet, wie es sich anfühlt, als Metamorphin groß zu werden – gebunden von den Ordnenden Mächten, das Talent zur Umwandlung qualvoll unterdrückt, beständig leidend an dem innewohnenden Drang, sich auszuprobieren, vergehend fast an dem Zwang, dies nicht tun zu können. Dazu das Wissen, immerzu beobachtet zu werden, denn wahrhaftig existieren geheime Wächter, die in der Nähe der Metamorphen-Familien leben und sich sogar darum bemühen, ihre Anwesenheit spürbar zu machen.
Als Eveline das erzählte, wandte Melisande sich erbost an Fräulein Fortunati und Herrn Custodis, die sie als die Vertreter der Ordnenden Mächte ansah. Eine geheime Ordnungsmacht also gäbe es, die nicht dem Institut unterstünde? Von der wir nicht einmal wussten? Und wo blieben bei derlei Machenschaften all die hehren Ansprüche, die die Ordnenden Mächte an sich selbst stellten? Einmischen wollten sie sich doch nicht? Das aber sähe sehr nach Einmischung der übelsten Sorte aus und eine solche Gängelei hätte auch aus der mildtätigsten Fee eine arglistige Zauberin gemacht!
Doch unsere Ewigen waren so entsetzt wie wir. Natürlich hatten sie gewusst, dass die Metamorphen gebunden wurden, und dafür gab es Gründe – sehr, sehr gute Gründe! Dass damit aber ein spürbares Leid für die Gestaltenwandler einhergehe, das hatten sie nie zuvor erfahren. Wie sollten sie auch? Noch nie war eine Metamorphin in diesem Institut gewesen und da die Ewigen weder das Stammhaus noch die Dependancen verlassen können, waren sie darauf angewiesen, den Versicherungen der Ordnenden Mächte zu glauben.
Dass Herr Custodis und Fräulein Fortunati das nicht in dem Maße tun, wie es von ihnen erwartet wird, das dürften Sie bereits bemerkt haben, doch das Ausmaß ihrer Kritik hat uns alle überrascht. Sie sind loyal, das unbedingt, denn die Ordnenden Mächte waren es ja, die die Institute gründeten und mit ihrer überlegenen Geisteskraft die passenden Direktorinnen und Agenten finden. Sie halten den Kontakt mit den Feen von Avalon und den Clans der Strigoi. Und nur dank ihres Tuns ist unsere Welt ein wesentlich hellerer, gerechterer und friedlicherer Ort, vergleichen wir uns mit der Anderen Welt, der Sie entstammen.
Besonders Fräulein Fortunati aber ist erzürnt ob des fortdauernden Schweigens der Ordnenden Mächte, ihrer Weigerung, uns mit Rat und Tat beizustehen. Gute Güte, da existiert also eine Dunkelste Welt, die bereits Versuche unternommen hat, uns anzugreifen. Und was hören wir?
Nichts. Absolut nichts!
Zumindest drei unserer Magischen Quellen sind mit der Düsternis verbunden; Verbindungen, die wir notdürftig gekappt haben. Doch wie steht es in den anderen Magischen Bereichen? Existieren solche Eingänge nicht auch dort? Davon müssen wir – den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nach – ausgehen. Auch in der Geschichte der Neuen Welt kam es zu Hexenerscheinungen und unerklärlichem Spuk und es sollte mich wundern, hinge das nicht auch mit Verbindungen zwischen Brunnen und Quellen zusammen.
Aber überprüfen die anderen Institute diese Möglichkeit?
Nein, sie tun es nicht, denn sie wissen nichts von der Dunkelsten Welt.
Und weshalb wissen sie es nicht?
Weil die Ordnenden Mächte keine Konferenz einberufen, sondern schweigen, schweigen, schweigen!
Warum?
Wir wissen es nicht. Wir wissen es nicht! Unsere Ewigen tun ihr Bestes, sie zu einer Antwort zu bewegen, doch auch ihnen wird keine Auskunft zuteil, die hinausgeht über belanglose Sprüche von wegen ›Man werde sich melden‹.
Gut, zwei Ausnahmen muss ich einfügen: Natürlich weiß Sören von all dem, kann aber nichts tun in seinem momentanen Zustand. Und die Selinowa von der Moskauer Zentrale für Edelmut weiß Bescheid; mit ihr kommuniziere ich – unerlaubt und hoffentlich unerkannt von den Ordnenden Mächten – über unsere Traumbüros; ich bin in jeder Sekunde dort oben, die ich erübrigen kann. Wir schreiben uns Briefe oder treffen uns sogar persönlich, was allerdings selten über wenige Minuten hinausgeht, denn die Direktorin Russias hat sich einen strengen Zeitplan auferlegt. Eine beeindruckende Person ist sie.
Den Großteil meiner Zeit aber verbringe ich mit Sören, das versteht sich von selbst. Er braucht meine Unterstützung: Seelisch und intellektuell; aufmunternd, tröstend und zuversichtlich braucht er mich, denn es geht ihm oftmals ausgesprochen schlecht.
An seiner Lage hat sich nichts geändert: Er kann sein Traumhaus nicht verlassen, kann seinen Körper nicht mehr spüren und – schlimmer noch – erlebt gelegentliche Aussetzer seines Denkapparates. Was befürchten lässt, Sabenius schickt sich an, Sören in ein schwaches Bündel hilfloser Gedanken zu verwandeln. Je schwächer Sörens geistiger Widerstand ist, desto leichter lässt sich sein Körper kontrollieren.
Nun, ich muss sagen, Sören geht mit der Situation hervorragend um, von gelegentlichen Momenten der tiefen Verzweiflung einmal abgesehen. Er hat sich eine anständige Bibliothek hinaufgedacht, dazu die besten Speisen und Getränke, täglich kleidet er sich in feine Hosen und elegante Jacketts, er treibt Sport, löst Kreuzworträtsel, zeichnet auch und lernt ganze Passagen der besten Romane der Weltliteratur auswendig, wenn er nicht alte Aufzeichnungen und Fachwerke zur dämonischen Natur studiert. Er lässt sich nicht gehen und strengt sich an, diese Zwangspause zu seinem Vorteil zu nutzen.
Bin ich bei ihm, so lassen wir uns das Essen munden, plaudern ein wenig über harmlose Begebenheiten der Schulzeit, lernen uns besser kennen, bevor wir an die Arbeit gehen. So können wir nun schon mit einiger Gewissheit behaupten, dass Sabenius Sören am Leben erhalten muss, solange er seinen Körper benutzen will; ein Inkubus kann einen toten Menschen nicht besetzen und verwenden.
Anders sieht das bei Nachtmahrinnen aus: Sie brauchen nicht den leibhaftigen Körper, sondern nur dessen Informationen. Nach allem, was wir wissen, müssen Nachtmahrinnen ihr Opfer eingehend untersuchen und beobachten, bis sie in der Lage sind, dessen Form und Verhalten zu kopieren. Sörens Mitarbeiter, der Geisterseher Kersten, wurde höchstwahrscheinlich von Sabenius’ Mutter, einer Nachtmahrin der Dunkelsten Welt, ermordet. Seitdem tritt sie in seiner Form auf und das sehr überzeugend. Einzig verräterisch ist die Tatsache, dass sie nur begrenzt in der Lage ist, Dinge anzufassen und zu bewegen; sie muss beständig darauf achten, keinen Menschen zu berühren. Und Sören erinnert sich, dass das Wesen, das er für den Geisterseher hielt, stets auf Abstand bedacht war – eine Erkältung hatte der falsche Kersten vorgeschützt. Was so simpel wie raffiniert ist. Sabenius und seine Mutter kennen die Menschen unserer Welt schon allzu gut.
Nun. Wie weiter? Morgen werden Swanhild und Melisande aufbrechen. Melisande wird – schon wieder! – nach Wien reisen müssen. Ich muss sagen, ich bin wenig begeistert davon, wie die gesamte Kaiserfamilie sich angewöhnt hat, sie wegen jeder Kleinigkeit um Rat zu fragen. Sie erinnern sich, wir waren davon überzeugt, die Gefahr eines Krieges aus der Welt geschafft zu haben: Franz Ferdinand heiratet bald seine Sophie und hat jeglichen Ansprüchen auf den Thron entsagt, womit er nicht in Sarajewo als Kronprinz erschossen werden wird. Erzsi – also die Erzherzogin Elisabeth Marie – ist als Thronfolgerin eingesetzt und gewinnt die Herzen aller; sogar in den serbischen Gazetten wird sie bejubelt. Da möchte man doch meinen, es sei alles in bester Ordnung und Melisande könnte sich anderen Aufgaben zuwenden: Insbesondere das Kranken- und Schulwesen bedarf der weiteren Verbesserung.
Aber nein, Herr Custodis hat bei seinen Beobachtungen der Anderen Welt festgestellt, dass es in der Tat so aussieht, als ob nicht erst 1915, sondern bereits 1914 dieser Krieg ausbricht, den er 1885 beobachtete. Sie erinnern sich auch daran? Alle zwanzig Jahre zeigt uns das fenestra mundi Ereignisse in der Anderen Welt, die dreißig Jahre vorausliegen.
Zur Zeit bemühen sich einige der Diplomaten Ihrer Welt um Frieden, aber werden diese gehört? Nein, ihre hellsichtigen Mahnungen gehen unter im Geschrei der anderen, die da von Verteidigung, Vaterland und Vergeltung reden. Und wenn dieser Krieg früher beginnt, so müssen auch wir hier mit Folgen rechnen; die Kosmische Welle wird uns womöglich schneller erreichen als berechnet.
Und in diesem Lichte erscheinen die Vorgänge in Wien nach wie vor kritisch: Zum einen scharwenzeln sämtliche Prinzen Europas um Erzsi herum und machen die junge Dame nervöser, als sie sein sollte. Was die Kaiserin mit Besorgnis erfüllt, weshalb sie bald alle Stunde ein Telegramm an Melisande schickt, die daher noch einmal auf die Erzherzogin einwirken sollte; vielleicht war es ein wenig blauäugig von uns, eine so junge Frau sich selbst zu überlassen, wenn sie auch die besten Absichten hat, sich mit einer Heirat Zeit zu lassen.
Aber gute Güte, ich muss ja nur an mich selbst vor wenigen Monaten denken, wie ich mich da bei der geringsten Ahnung einer möglichen Zuneigung seitens einer Dame mich in selbige verliebt glaubte. Keine der Damen hatte ein Interesse an mir, während Erzsi – jünger, hübscher und zurückgezogener aufgewachsen als ich – förmlich belagert wird von Herren, die zumindest Interesse an ihrer Stellung bezeigen und sie mit Billetts, Präsenten und Komplimenten bombardieren.
Wo darin die Gefahr liegt?
Nun, entweder verliebt sie sich in einen nicht standesgemäßen Herrn und wird von der Thronfolge wieder ausgeschlossen, was dann Franz Ferdinand zurückbrächte.
Oder aber sie verliebt sich in einen, der es nicht gut mir ihr meint, und was hätte die Welt mit einer unglücklichen und gedemütigten Kaiserin gewonnen?
Nein, es ist für den Frieden meiner Welt unerlässlich, Erzsi glücklich zu machen, damit sich all ihre guten Ideen von einer besseren Gesellschaft ungestört ausbilden können. Dazu braucht sie den passenden Mann oder aber sie erlangt Festigkeit in ihrem Entschluss, mit Bedacht erst dann zu wählen, wenn sie auf dem Thron etabliert ist.
Das aber ist nur das eine Problem, das wir mit Österreich-Ungarn haben. Swanhild hat darauf hingewiesen, dass wir den serbischen Aufrührern mit der Zerschlagung ihres Netzwerks am Kaiserhof zwar eine beträchtliche Schlappe zugefügt haben, wir aber nun eine Gabriella Calibrini zur Gegnerin haben, die mit großer Wahrscheinlichkeit Karels Pläne weiter ausführen will: Die Angst vor Vampiren soll geschürt werden, um diese zu einem Aufstand zu bewegen und unter ihrer Führung sich zu vereinen. Nicht länger sollen die Clans im Schatten stehen; sie sollen die Welt beherrschen mit Gabriella als ihrer Königin.
Was das mit Wien und Melisandes Abreise zu tun hat? Ganz einfach. Einmal abgesehen von den Gefahren, die entfesselte Vampire für die Menschheit darstellen, würde ein solcher Aufruhr wiederum den Serben in die Hände spielen: Vor allem in und um Siebenbürgen hatte Karel seine Saat gesät, denn dort lebte Swanhild, an der er sich zu rächen gedachte. Und dort hausen Ungarn, Rumänen und Serben und werden sich nicht einig. Außer in ihrem Hass auf die Habsburger Vorherrschaft. Mengen sich nun noch die Vampire ein, so hätten wir womöglich in wenigen Jahren dieselbe aufgeheizte Atmosphäre, wie Sie sie in Ihrer Welt erleben. Ein Pulverfass exakt dort, wo es bei Ihnen explodierte.
Wie wir es also drehen und wenden: Melisande muss erst nach Wien, Erzsi stärken und ihr den geeigneten Gefährten verschaffen. Und dann nach Sarajewo und Siebenbürgen, wo sie sich um Glück und Zuversicht der Rumänen, der Ungarn, der Serben und der Kroaten kümmern wird, ohne dabei den Überblick zu verlieren. Ich an ihrer Stelle wäre nervös, sie jedoch lächelt nur, wenn ich davon spreche, küsst mich und behauptet, ich sei nur missmutig, da wir uns trennen müssten. Womit sie nicht unrecht hat; das missfällt mir selbstverständlich. Meiner Beteuerung, ich sei Direktor genug, um ihre Abwesenheit professionell zu betrachten, scheint sie kaum zu glauben, wenn ich ihr Kichern richtig deute.
Soweit also Melisandes Aufgabe. Swanhild nun bricht ebenfalls auf, nur kann ich Ihnen nicht sagen, wohin sie geht. Nicht, weil ich ein Geheimnis daraus machen möchte, nein, ich weiß es nicht. Sie verrät es nicht, hält es für klüger, auf eigene Faust zu handeln. Ich kann nicht umhin, ihr zuzustimmen – es ist nun einmal eine sehr persönliche Angelegenheit für unsere Vampira geworden. Denn es ist die Prophezeiung ihrer Muhme Gudrun, die die Calibrini für sich nutzen will: Sie will die Krone, die Swanhild gehört. Und wir sind uns einig, dass, wenn es schon eine Königin der Vampire geben muss, Swanhild diejenige ist, die uns alle in Ruhe wird schlafen lassen können.
Aber nicht allein um der Krone willen folgt sie der Calibrini. Der menschliche Teil Swanhilds hat beträchtlich an Stärke gewonnen und so konnte es nicht ausbleiben, dass sie um Karel trauert. Aufrichtig trauert. Aus ihren Andeutungen lesen wir heraus, sie erinnert sich nun weniger an den Mann, der Verrat begangen hat in mehr als einer Hinsicht, sondern an jenen Strigoi, dem ihre Liebe zuteilwurde mehr als jedem anderen. Während der letzten Tage und Nächte hat sie sehr viel Zeit in ihrem Zimmer verbracht, hat dort Bücher gewälzt und Botschaften an all ihre Freunde und ehemaligen Schülerinnen gesandt. Und saß Herr Custodis nicht vor dem fenestra mundi, so besetzte Swanhild den Beobachtungsposten und forschte nach den Spuren der Calibrini in unserer Welt – es beeindruckt mich übrigens tief, mit welcher Leichtigkeit sie das fenestra mundi zu benutzen versteht. Vorhin erst ertönte ein Jubelschrei vom Dachboden und eine grimmig erfreute Swanhild trat vor mich, erklärte, sie wisse nun, was sie zu tun habe und wo ihre Suche beginnen müsse; die junge Strigoi werde ihr nicht lange entkommen können.
Sie wundern sich, wie ich das so hinnehme? Ob ich mich nicht ängstige, wenn eine jede allein aufbricht? Und das nach den bisherigen Erfahrungen?
Nun, unser Herr Inventoris war nicht untätig, im Gegenteil hat er – so sagt er selbst – seine Arbeit der letzten Jahrzehnte in den vergangenen vier Wochen weit übertroffen. Er schiebt das auf die Gegenwart all der magisch begabten Personen im Institut, nicht zuletzt auf Odilas Bruder Sean, dessen Hauszauber bald stündlich mächtiger wird. Wozu nun wiederum Herr Inventoris beigetragen hat.
Für Sean nämlich hat er einen Magieverstärker gebaut, der – nun, lassen Sie mich nicht in die Details gehen. Kurz gesagt: Wann immer Sean einen Zauber ausspricht, wird dieser vom amplificator magicae reflektiert und zugleich in Energie umgewandelt, die im Verstärker selbst gespeichert wird und die Reflexion des nächsten Zaubers noch weiter erhöht. Stellen Sie sich eine Kerze vor in einem dunklen Raum: Sie erhellt nur einen kleinen Teil, wirkt nur in einem begrenzten Radius. Bauen Sie nun einen Spiegel hinter ihr auf, so wird der Raum heller. Und dieser Spiegel …
Ah, nun, ich gebe zu, hier hinkt der Vergleich, aber ich denke, Sie haben das Prinzip verstanden. Denken Sie sich weiterhin, dass der Spiegel nicht nur immer mehr Kerzen zeigt, sondern dass er dafür sorgt, wie die eine kleine Kerze größer wird und heller brennt. Es ist, so könnte man sagen, eine Art perpetuum mobile der Magie, das er entwickelt hat. Mit einer Einschränkung allerdings: Sean wird irgendwann sein magisches Fassungsvermögen erreicht haben; ab dann dient der amplificator magicae als Bewahrer seiner Kräfte. Das absolut Unglaublichste ist allerdings: Er sieht aus wie ein Siegelring und kann so von Sean unauffällig bei sich getragen werden. So viel Macht in einem so winzigen Gegenstand!
Das aber sei nichts weiter als Spielerei, so sagt Herr Inventoris, nützlich erst, wenn Sean seine Ausbildung abgeschlossen haben und mit uns auf Reisen gehen wird. Für unsere aktuellen Missionen bedeutender sind seine anderen Erfindungen. Aus Swanhilds Rufpulver hat er eine Kommunikationsmaschine gebaut, die telepathia praesens, die in Form eines Armbands oder einer Taschenuhr getragen wird und die von jedem Ort aus sich nicht allein mit dem Telepathschreiber verbindet, sondern auch mit jedem anderen telepathia praesens. Sicher, Swanhild und Melisande können ohne jedes Hilfsmittel miteinander kommunizieren, befinden sie sich in derselben Stadt. Das Wunderbare an Inventoris’ Erfindung aber ist, dass wir nun auch untereinander sofort Kontakt haben, ohne über Fräulein Fortunatis Büro gehen zu müssen. Und das von jedem Ort aus, selbst, wenn dieser Ort nicht von dieser Welt sein sollte. Und besser noch: Das Gerät erspürt mit allerlei magischen Sensoren, wenn es dem Träger oder der Trägerin körperlich schlecht geht, und sendet sodann ein Warnsignal an uns alle aus. Sie verstehen, weshalb ich meine Agentinnen mit einer gewissen Zuversicht auf ihre Missionen ziehen lasse?
Damit aber nicht genug, steht Herr Inventoris kurz vor der Fertigstellung einer weiteren Vorrichtung, die Odila befähigen wird, auf gefährliche Zeitreisen zumindest einen von uns mitnehmen zu können. Das ist ein solch enormer Durchbruch in der Erforschung der Zeitspringerei! Bislang funktioniert der tempusiter duo nur auf kurzen Reisen und nur Sean kann seine Schwester begleiten. Aber er sei auf einem guten Weg, sagt Herr Inventoris, eine Sache von Tagen sei dies.
Nun also: Odila O’Malley, unsere Zeitenspringerin. Nachdem sie ihre Prüfungen mit Auszeichnung bestanden hat, wird sie übermorgen auf ihre erste Mission gehen. Womit sie die Einzige ist, die das uns vorgegebene Programm der Ordnenden Mächte in Angriff nimmt.
Ihre erste Reise wird sie zurückführen in das Jahr 1561, als Maria Stuart – eben verwitwet – in England anlegt, um bei ihrer Cousine Elisabeth einige Wochen zu verbringen, bevor sie nach Schottland, in ihr eigenes Reich, weiterreist. Ich weiß, in Ihrer Welt sind beide Königinnen sich nie begegnet, aber die Situation war eine andere bei uns. Eine vollkommen andere. Dennoch gab es Spannungen zwischen ihnen, die sich ungut auf die britische Insel auswirkten.
Die neunzehnjährige Maria und die siebenundzwanzigjährige Elisabeth waren sich nur in einem Punkte ähnlich: Beide waren sie temperamentvolle Rotschöpfe. Was die Differenzen zwischen ihnen leider verstärkte. Die Folge war ein zwei Jahrhunderte währendes Zerwürfnis nicht nur zwischen Schottland und Anglia, sondern ebenso führte es zu Streitigkeiten mit den Nachbarn Irland und Frankreich, worunter ganz Europa zu leiden hatte. Zuvor waren gemeinsame Erfindungen auf den Weg gebracht worden, englische und französische Dichter hatten sich gemeinsam daran begeben, die Geschichte des Westlichen Europa zu verfassen, es blühten der Handel und die Liebe nicht minder – und all das kam wegen einiger hitzköpfig dahergesagten Lächerlichkeiten zum Stillstand. Eine Mauer zwischen England und Schottland wurde errichtet, Familien auseinandergerissen, europäische Handelspartner vor die Wahl gestellt, mit welchem der beiden Länder man sich gutstellen möge – ja, wir gehen davon aus, unsere Welt wäre glücklicher gewesen in jenen Jahrzehnten, hätten die beiden Damen sich besser verstanden.
Und das also wird nun Odilas Feuerprobe werden: Maria und Elisabeth in Freundschaft zu vereinen. Darauf hat sie sich mit einigen kurzen Ausflügen in die Zeit, mit ausgedehnter Lektüre und dem Hören der zeitgenössischen Musik vorbereitet, hat sich geübt in Tanz und Konversation, gelernt, wie sie sich zu kleiden und frisieren hat, und auch mit dem Degen weiß sie umzugehen. Vorhin erst hat sie uns eine Vorstellung gegeben: Im Hofkleid kam sie hinunter ins Consilium, knickste anmutig und sang uns ein Lied, während sie die Laute schlug. Und wahrhaftig saßen wir alle wie verzaubert vor ihr und wären bereit gewesen, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, eine solch friedliche und beseligende Stimmung vermochte sie heraufzubeschwören. Eine Stimmung, die sich dennoch vollkommen von der Atmosphäre unterscheidet, die entsteht, wenn Melisande ihren Feenzauber wirkt.
Wie kann ich es beschreiben? Melisande verbreitet Glück (oder nimmt es auch einmal für eine Weile, wenn es ihr sinnvoll erscheint) und kann dabei nicht verhindern, dass man sie als den Mittelpunkt dieses Gefühls erkennt. Ätherisches Gold, ja, so möchte man die Luft um sie herum beschreiben. Alles ist Liebe, Warmherzigkeit, Selbstvertrauen.
So ist es bei Odila nicht. Vielmehr entdeckt man in sich die Bereitschaft oder gar den unbedingten Willen, sich als vernünftiger Mensch zu erweisen und tiefgründige Gespräche über das Gute zu führen. Dabei tritt unsere Zeitenspringerin in den Hintergrund; sie selbst wird unauffällig und alles, was geschieht, schreibt man sich selbst zu. Odilas Stimme ist es, die dies tut. Ihre Stimme und ihr klares, ruhiges Gesicht, ihre natürliche Höflichkeit, der Respekt, den sie ausstrahlt und den sie gibt. Sie ist die Ratgeberin der Wichtigen und Mächtigen, das verstanden wir alle so recht, als sie vor uns saß, ganz Hofdame des alten Anglia. Wir sehen ihrer Mission mit Zuversicht entgegen.
Aber denken Sie einmal weiter: Wenn Herr Inventoris den tempusiter duo fertiggestellt haben wird, wie Melisande und Odila gemeinsam auch den hartherzigsten Tyrannen zum Einlenken bewegen werden! Gute Güte, wir werden das Leben der vergangenen Menschheit zum Besseren wenden und damit eine Jahrtausendaufgabe vollenden!
Bitte? Was meinen Sie damit, ob das nicht auch negative Auswirkungen auf uns haben wird, wenn wir die Vergangenheit ändern? Kommt Ihnen diese Frage nicht albern vor? Glauben Sie denn wahrhaftig, der Zeitenlauf ist so gleichmäßig, so unaufhörlich nach vorne gerichtet, dass er sich von solchen Verbesserungen aus der Bahn werfen lässt? Welch eine seltsame Theorie fürwahr.
Aber bitte, lassen Sie mich das erklären: Nehmen wir also die Familie Donovan, die in einem Örtchen namens Berwick-Upon-Tweed lebte. Die Töchter und Söhne hatten nach Norden und nach Süden geheiratet und dann auf einmal beginnt – mitten durch das lauschige Örtchen – der Bau dieser Mauer, die alle voneinander trennt. Das ist ein Schicksal, das wir ihnen ersparen wollen. Die Folge: Diese Familie wird glücklicher sein und sicherlich einige Fehler nicht begehen, die sie wegen dieser Trennung begangen hat. Diese Auswirkungen aber verlaufen sich in der Lebenszeit dieser Menschen. Die Generation danach wird deshalb weder um Mitglieder anwachsen noch diese verlieren.
Sicher, es gab bedeutende Auswirkungen, als eine meine Vorgängerinnen den Ausbruch der Pest in einem norditalienischen Dorf verhinderte – ein Künstler, der zuvor an dieser heimtückischen Krankheit gestorben war, schuf Meisterwerke, an denen sich die Maler der folgenden Generationen orientierten. Er beeinflusste die Kunst meiner Welt maßgeblich und sorgte mit seinem Tun für einen weiteren Unterschied zwischen uns.
Kein Grund für Sie, einen Triumph zu wittern für Ihre Theorie: Die Maler, die sich solchermaßen inspiriert fühlten, hatten zuvor nie das Bedürfnis verspürt, zu Pinsel und Leinwand zu greifen. Und jene, die den Spuren anderen Maler gefolgt waren, tat dies auch nun. Sie sehen: Nichts ging uns verloren, aber wir gewannen etwas hinzu. Etwas, was aber doch auf nur einen kleinen Kreis der Menschheit beschränkt blieb. Noch nie hat eine Verbesserung der Vergangenheit dazu geführt, dass ein Zeitreisender in seine Welt zurückkehrt und sie nicht mehr wiedererkennt.
Wie wir das wissen können, da das Institut nie zuvor eine Zeitenspringerin in seinen Reihen hatte? Nun, das ist wohl richtig, dennoch hat es gelegentliche Rückreisen gegeben, ausgelöst durch eine Kombination von Kosmischer Welle, übersprudelnder Magie und der Dringlichkeit, eine Katastrophe der Vergangenheit ändern zu müssen. Dann offenbarten sich Zeitenspringer, die für diese Mission zur Hilfe eilten. Sie sehen, ich weiß, wovon ich spreche, wenn wir auch nun mit Odila ein neues Kapitel aufschlagen werden in der Historie des Instituts für Fantastik.
Was ich selbst zu tun gedenke in den nächsten Tagen? Das liegt auf der Hand: Ich kümmere mich um Sören und wir werden – verteufelt noch einmal! – Sabenius aus seinem Körper vertreiben! Und ich will eine Möglichkeit finden, mit meinen Kollegen und Kolleginnen in Kontakt zu treten. Wir, die Zwölf, müssen auch ohne die Hilfe der Ordnenden Mächte tätig werden, wenn wir nicht eines schönen Morgens aufwachen und uns unter der Fuchtel der Dämonen wiederfinden wollen.