Melisande Meyerbrinck, Fee der Insel Avalon, ist eine der drei magisch begabten Agentinnen, die im Jahr 1899 ihren Dienst am Bonner Institut für Fantastik antreten. Sie lebt in einer Welt, die um fünfzehn Jahre hinter der unsrigen liegt und somit aus unseren Fehlern lernt. Und es sind die Angestellten des Instituts, die für den Erhalt des Friedens und größtmögliches Glück der Bevölkerung sorgen. 
Ebenfalls neu an das Institut berufen wurde Professor Dr. Archibald Anastasius Olivero, ein noch sehr junger Herr mit durchaus romantischen Ansichten, was seine Tätigkeit wie auch Melisande anbelangt. Frohgemut übernimmt er die Leitung des Hauses. Es steht gut für seine Amtsperiode, nur kleinere Aufgaben scheinen auf ihn und Melisande zu warten. Doch schon, als er die zweite Mitarbeiterin – eine Zeitenspringerin – aus Irland holen möchte, wendet sich das Blatt. Nicht nur, dass in unserer Welt der Erste Weltkrieg kurz vor dem Ausbruch steht, auch in Oliveros Welt mehren sich die Anzeichen für Unheil und Verderben …
An diesem Trio nun liegt es, ihre fantastische Welt voller Magie und Schönheit zu bewahren. Vor allem die glücksbringende Melisande nimmt sich dieser Aufgabe mit Witz, Charme und eisernem Willen an.


Professor Olivero

Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Archibald Anastasius Olivero, meines Zeichens Professor der Paranormalen Anatomie und der Zeitlichen Physik und Doktor der Telepathie. Ich leite das Institut für Fantastik hier in unserem lauschigen Bonn am Rhein.
Aber schon muss ich mich verbessern. Das Institut befindet sich nicht in unserem, sondern in meinem Bonn, das sich von dem Ihrigen beträchtlich unterscheidet. Sie sind verwundert? Das verstehe ich. Meine Stadt ist ein Ort, der dank der Hilfe des Instituts von den Katastrophen verschont blieb, die über Ihr Bonn hereingebrochen sind im Laufe der Jahrhunderte.
Lassen Sie es mich so simpel erklären, wie ich es einem Schulkinde erläutern würde: Ihre Welt ist für mich semi-real. Also nur als Theorie existent. Ein abstraktes Gedankenspiel, das sich manifestiert hat, um meine Welt vor Gefahren zu warnen. Man könnte sagen, wir sind Parallelwelten. Ja, das trifft es wohl am besten, wenn es auch weit von der Realität entfernt ist. Sicherlich haben Sie bereits phantasmagorische Geschichten gelesen, die mit der Idee des Scheins und Seins spielen?
Ich sehe, es ist komplizierter als gedacht, diesen schlichten Sachverhalt anschaulich zu erklären. Natürlich möchten Sie nicht wahrhaben, dass Sie in meinen Augen kaum mehr als eine Schimäre sind. Ich versuche es noch einmal: Meine Sphäre ist die Erde. Sie sieht – geographisch betrachtet – genauso aus wie diejenige, die Sie kennen. Hier jedoch existieren Gebäude und Monumente, die in Ihrer Welt längst von Menschenhand zerstört worden sind. Weil – nun, weil …
Ach, lassen Sie mich einige Beispiele nennen, aus denen Sie leicht ablesen können, weshalb es hier anders aussieht:
Während Ihre Urahnen unter den Hunnen zu leiden hatten, aßen meine friedlich mit diesem reisenden Handelsvolk an einem Tisch. Attila, den Sie als brutalen Kriegskönig ohne Gnade kennen, ist uns als ein äußerst liebenswürdiger Mann in Erinnerung, der zwar seinen Vorteil im Geschäft suchte und wenig sittenstreng war, aber seinem Volk und den mit ihm Verbündeten wirtschaftliche Sicherheit verschaffte, was nach dem Ende des Römischen Reiches mehr als willkommen war.
In Ihren Geschichtsbüchern lesen Sie von den sechs Frauen des achten Heinrichs von Anglia, in den meinigen waren es nur drei und keine von ihnen kam gewaltsam ums Leben. Unglücklich allerdings waren auch diese Damen – er war nun einmal ein ausgesprochener Grobian und übertriebener Genussmensch.
Ihr Dreißigjähriger Krieg dauerte bei uns nur zwei Jahre und das war schon grausam genug – eine unserer düstersten Zeiten, das muss man sagen. Die Zahl der Hexen, die bei uns verbrannt wurden, beläuft sich trotz aller Bemühungen auf sechs Frauen und zwei Männer. Die bedauernswerten Opfer sind uns noch heute namentlich bekannt und werden in ewiger Sühne als Märtyrerinnen verehrt; bis heute mahnen sie uns, derlei dürfe nie wieder geschehen.
Auch uns brachte die Französische Revolution Freiheit, Einigkeit und Schwesterlichkeit, doch rollten keine Köpfe deswegen. Maximilien de Robespierre blieb dank unserer Ärzte von den Pocken verschont, behielt sein hübsches Gesicht und setzte sich nach der Heirat mit einer charmanten Dame weiterhin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Damit machte er sich einen solch guten Namen, dass König Louis XVI. ihn in den Kronrat berief und all seinen Änderungsvorschlägen zustimmte. Die Revolution bestand somit in der Schaffung eines vom Volke gewählten Parlaments und der Ernennung begabter Minister, die sich auf ihrem Gebiet als Experten bewiesen hatten. Damit folgte das Königreich Frankreich dem Beispiel Anglias und verbesserte das System nachhaltig. Dank dieser Entwicklung verbrachte unsere Marie Antoinette den Lebensabend in ihren Gärten, umgeben von einigen Enkelkindern. Davon hat die Königin Ihrer Welt nicht einmal träumen dürfen.
So kommt es, dass mein Bonn bis heute Zeugnis ablegt von seiner zweitausendjährigen Vergangenheit. An vielen Ecken finden sich Erinnerungen an unsere römischen Freunde und die Therme ist noch heute in Betrieb. Aber auch viele der Paläste späterer Epochen, von denen Sie nur Kupferstiche zur Erinnerung haben, sind in meiner Stadt Zentren der Begegnung, der Kultur oder des Vergnügens.
Sie nicken. Die Idee einer doppelten Welt ist Ihnen durchaus vertraut. Aber weshalb ist der Lauf der Geschichte in meiner Welt so viel friedlicher? Das ist es, was Sie vor ein Rätsel stellt, habe ich recht?
Das hat zwei Gründe: Zum einen hat Ihre Welt einen bedauerlichen Vorsprung von exakt fünfzehn Jahren und zweiundachtzig Tagen. Und zum anderen fehlt Ihnen mein Institut. Nun, streng genommen ist es nicht mein Institut, ich habe es übernommen, als meine Zeit gekommen war. Oder die Zeit des Vorgängers, ganz wie Sie es auffassen wollen.
Das Institut für Fantastik hat die Aufgabe, Ihre Welt zu beobachten und unsere zu schützen. Wir sehen, wohin Sie steuern, welche Entwicklungen Sie unterschätzen und welche Katastrophen über Sie hineinbrechen. Und somit wissen wir, was uns erwartet, wenn wir einen Schritt in die falsche Richtung gehen oder eine fatale Entscheidung treffen. Natürlich können auch wir keine Naturkatastrophe verhindern oder jede menschliche Regung so umlenken, dass kein Schaden entsteht. Aber unser Pompeji liegt menschenleer unter Schutt und Asche. Und die Kriege, die dennoch ausbrechen, dämmen wir ein, so rasch es geht.
Jetzt möchten Sie wissen, wen ich mit ›wir‹ meine? Nun, die Mitarbeiter des Instituts für Fantastik. In jedem unserer zwölf magischen Gebiete befindet sich ein solches Institut unter den unterschiedlichsten Namen. Die Leiter und Leiterinnen sind Träumer, die –
Ah, täuschen Sie sich nicht: Wir sind keine romantischen Weltverbesserer mit Idealen, denen kein Mensch je gerecht werden kann. Wir sind Menschen, die in der Lage sind, über ihre Träume zu kommunizieren. Wer an ein solches Institut berufen wird, erfährt davon in diesen Träumen, die um das dreizehnte Lebensjahr herum beginnen. Zunächst erhalten wir eine Ausbildung in Genf, gemeinsam mit Inventoren und Agentinnen. Dann irgendwann werden wir eingesetzt und befragt, ob wir uns an das Institut binden wollen. Niemand hat sich dem jemals verweigert. Mit jedem Wechsel an der Institutsspitze wechselt auch das Personal – nur unsere Verantwortlichen für Büro, Archiv und Bibliothek bleiben an ihrer Stelle. Sie garantieren einen reibungslosen Übergang sowie eine kontinuierliche Arbeit im Sinne der Statuten. Das oberste Ziel ist eine perfekte Welt, in der jeder Mann und jede Frau glücklich ist. Davon sind wir weit entfernt, aber ich kann mit einem Blick auf Ihre Erde sagen: Wir haben es weit gebracht.
Sie möchten wissen, wo meine Welt liegt? Und wie es unseren Instituten gelingt, all diese Konflikte, all das menschliche Versagen zu korrigieren? Das ist eine lange Geschichte, aber selbstverständlich bin ich bereit, sie Ihnen zu erzählen.
Wer ich bin? Ich dachte, ich hätte mich vorgestellt, verzeihen Sie mir, wenn ich das nicht tat. Archibald Anastasius Olivero, Professor der –
Das sagte ich bereits? Dann verstehe ich nicht –
Oh! Oh, natürlich. Meine Fachgebiete sind Ihnen nicht bekannt. Natürlich nicht. Ich hatte vergessen, einen weiteren Unterschied zwischen unseren Welten zu erwähnen: Hier leben Mitbürger, die anders als nur rein menschlich sind. Es sind nicht sehr viele, das nicht – etwa ein Zehntel der Bevölkerung hat übernatürliche Fähigkeiten. Obwohl sie unauffällig unter uns leben, wissen wir doch, sie existieren, und so studieren manche von uns diese magischen Wesen. Ich beispielsweise bin in der Lage, einen Werwolf von seiner Mondsucht zu heilen oder einem Vampir den Genuss einer Eierspeise zu ermöglichen.
Außerdem habe ich mich mit dem Phänomen des Zeitensprungs beschäftigt und damit mit der Frage, wie viel in der Vergangenheit geändert werden darf, um die Gegenwart im Gleichgewicht zu halten oder sogar zu verbessern. Nun sind solche Zeitenspringer sehr seltene Wesen und so kommt es nicht allzu oft vor, dass sich unsere Geschichtsbücher ändern. Aber gelegentlich geschieht es und so konnte beispielsweise der siebenmonatige Krieg doch noch auf ein vierzehntägiges Scharmützel reduziert werden.
Diese beiden Fächer und die Telepathie habe ich also eingehend studiert, um mich auf meine Aufgabe als Direktor des Instituts für Fantastik vorzubereiten. Ein Posten, den ich nun seit gut einer Woche bekleide. Ich bin, so möchte ich es beschreiben, der Koordinator meiner Mitarbeiter, der geistige Tüftler im Hintergrund und der Beobachter Ihrer Welt. Der Theoretiker, wenn Sie so wollen. Zumindest sollte es so sein. Aber die Umstände sind manchmal … nun ja, man kennt das, nicht wahr? Doch größtenteils erledigen Experten ersten Ranges die praktische Arbeit.
Sie schauen mich an, als hielten Sie mich für einen Schwindler. Und dieser Blick, mit dem Sie mich von oben bis unten bedenken. Sie glauben, ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren sei zu alldem nicht in der Lage? Da irren Sie sich gewaltig. Und noch mehr irren Sie sich, wenn Sie glauben, meine Experten seien Horden roher Kerle, die durch die Lande ziehen und unliebsame Aufwiegler und Umstürzler meucheln, bevor sie Schaden anrichten können. Gut, ja, auch das gab zu früheren Zeiten einmal, aber heute sind wir weiter. Hier, ich zeige Ihnen Fotografien meiner drei Agenten.
Ja, nur drei sind es, die erledigen, was erledigt werden muss.
Ha, na, das habe ich mir gedacht! Hübsch sind die Damen, nicht wahr? Drei junge Damen sind es, die unter meiner Ägide die Welt vor Schaden bewahren: eine Fee, eine Vampira und eine Zeitenspringerin. Ich werde glühend beneidet von meinen Kollegen um dieses Trio und wie Fräulein Fortunati, unsere Bibliothekarin, Sekretärin und gute Seele, sagt: ›Jede neue Mannschaft muss sich erst finden‹.
Uns finden – dazu ließen uns die Umstände nicht allzu viel Zeit. Ein ruhiges Kennenlernen, ein strategisches Planen unserer Taten: All das konnten wir uns nicht gönnen, denn das Böse … Nun, dazu später mehr. Für Sie ist gewiss die Frage von Bedeutung, wo Ihre Welt sich im Vergleich zu meiner befindet, weshalb es den zeitlichen Unterschied gibt und wie es kommt, dass wir Ihre Erde beobachten können, Sie von uns jedoch nichts wissen. Ich gestehe, die Frage nach dem Wieso und Weshalb kann ich Ihnen nicht beantworten. Glauben Sie mir, Generationen an Institutsleitern haben eine Antwort auf diese Frage gesucht, doch sie entzieht sich uns stets. Wir müssen uns mit dem Fakt zufriedengeben, ohne seine Ursache zu kennen. Und unterliegen Sie nicht dem Irrglauben, alle Bewohner meines Planeten wüssten Bescheid. Nur wir – die Angestellten der Institute – wissen um Ihre Erde. Es muss ein Geheimnis bleiben. Unbedingt. In Ihrer Welt ebenso wie in meiner.
Weshalb, so fragen Sie? Sie fragen es ernsthaft? Obwohl Sie seit Jahrtausenden erleben, wie manche der Mächtigen die Völker versklaven nur um des eigenen Vorteils willen? Der gemessen an der begrenzten Lebensspanne des Einzelnen läppisch ist, darin sind wir uns wohl einig, nicht wahr? Mancher würde einen Weg suchen und ihn womöglich finden, meine Erde zu usurpieren. Die Gier kennt keine Grenzen. Das ist hier leider nicht anders als bei Ihnen, diese Illusion muss ich Ihnen nehmen; auch unter meinen Mitbürgern gäbe es viele, die von dem technischen Vorsprung Ihrer Welt finanziell zu profitieren suchten, koste es andere, was es wolle.
Wo also befindet sich meine Erde?
Auch dies eine schwierige Frage, die ich kaum beantworten kann. Noch sind sich die Astronomen, Geographen und Metaphysiker im Dienste der Institute uneins: Die einen vermuten, wir lägen in einem anderen Universum, andere hingegen sind davon überzeugt, wir befänden uns an der exakt selben Stelle wie Ihre Erde auch und lediglich das Bewusstsein sei ein anderes. Die Philosophen wiederum behaupten, es sei alles nur Einbildung oder Hellseherei oder sonst ein geistiges Phänomen. Im Grunde ist es gleichgültig, wo wir uns befinden, wo Sie sich befinden. Doch ich gestehe, es wäre mir lieb, lägen Universen zwischen uns, die sicherlich schwieriger zu überwinden wären als der hauchfeine Nebel, der zwischen zwei Traumwelten wabern mag.
Wie ähnlich unsere Planeten sich noch sind?
Vor Jahrtausenden waren sie identisch, doch mit jedem Krieg, jeder Revolution und Rebellion, jeder gesellschaftlichen Umwälzung entfernen wir uns weiter voneinander. Nehmen wir Bonn. Ich sprach von der römischen Therme, die seit bald zweitausend Jahren in Betrieb ist. Ein wunderbarer Ort übrigens, um zu entspannen und zu meditieren. Was immer in den letzten Jahrhunderten bei Ihnen anstelle des Badehauses stand und noch steht, es existiert hier nicht. Sie verstehen, wie wir uns also immer mehr unterscheiden? Und dennoch sind die Gemeinsamkeiten in anderen Dingen groß.
Ein Beispiel: Obwohl das Geburtshaus Ihres Napoleone Buanaparte bei uns nicht vorhanden ist, wurde dieser Mann doch geboren – zwei Straßen weiter in einem Haus mit ähnlich gelblicher Fassade und grünen Fensterläden. Auch bei uns machte er sich einen Namen, jedoch marschierte er nicht in Russland ein und auch vieles andere tat er nicht, wie es der Ihre tat. Und doch hatte er sich bald ganz Europa unterworfen durch die strategische Verheiratung seiner Familie, gezielte Propaganda und Gewährung neuer Freiheiten. Der Geist, der ihn einst zu Großem berufen hatte, lebte ungebrochen in ihm fort und wuchs sich nicht zu Größenwahn aus wie in Ihrer Welt. Nicht zu einem solchen Wahn zumindest. Auf Elba besaß er ein Feriendomizil und St. Helena hat er nie betreten.
Sie sehen, wie bestimmte Ereignisse – wie soll ich es formulieren? Ja, wie bestimmte Ereignisse in ihrer Möglichkeit angelegt sind. In Ihrer Welt entwickeln sie sich auf die schlimmstmögliche Weise, in meiner verhindern meine Kollegen und ich sie oder lenken Energien in nützliche Bahnen.
Nun wollen Sie noch wissen, was es mit dem Bösen auf sich hat, das ich erwähnte? Weshalb meine Damen und ich nicht den glücklichsten Start hatten? Am besten erzähle ich von Anfang an, wie es begann für Melisande, Swanhild, Odila und mich.
Der 1. April 1899 also führte mich an meine neue Stelle und es war ein ungewöhnlich heißer Tag, der mich wünschen ließ, ich trüge die wollene Weste nicht, die ich am Morgen angelegt hatte. Ich …

Das Institut für Fantastik

Zum vierten Mal schon spazierte der junge Herr über die Kieswege des Hofgartens, obwohl er an diesem sonnigen Vormittag kein Auge hatte für die Blumenpracht der barocken Anlage. Immer wieder lief er auf den Tempel der Vestalinnen zu, wendete dort und blickte hinauf zur goldenen Figur der Regina Pacis des kurfürstlichen Schlosses. Er war rheinisch-katholischen Glaubens und hoffte, die Madonna dort oben erbarme sich seiner und erlöse ihn endlich von seiner nervösen Unruhe.
Die ihm ja höchst unnötig, lächerlich gar erschien. Denn was hatte er schon zu fürchten? Nichts. Es war eine ausgemachte Sache. Niemand würde ihm die Türe weisen oder sich über ihn lustig machen. Nein, man erwartete ihn. Ihn, keinen anderen.
Er zog seine Taschenuhr aus der Weste. Viertel vor zehn. Fünfzehn Minuten noch. Viel zu früh war er aufgebrochen. Er hatte befürchtet, etwas käme ihm auf dem Weg dazwischen. Und gehofft, ein ausgiebiger Spaziergang besänftige seine Nerven. Stattdessen war er ins Schwitzen geraten. Die wollene Weste war elegant, das schon, aber doch zu warm für diesen Frühlingstag.
Seine Melone nahm er ab, fächelte sich mit ihr Luft zu, setzte sie wieder auf. Dann ging er weiter dem Schloss zu. Er beobachtete nun das Fenster unter der Madonna. Dahinter lag der Thronsaal der Kurfürstin Elisabeth Augusta Amalie und während des Tages trat sie gerne einmal auf den schmalen Balkon, winkte, lächelte, hörte sich an, was man ihr zurief. Einige Bürger hatten sich bereits versammelt, die auf die gütige Gnade ihrer Stadtmutter hofften. Sie hofften nie vergebens und nur selten wagte es jemand, unverschämte Forderungen oder unflätige Beleidigungen von sich zu geben. Man war hier in Bonn sehr zufrieden mit dem Erreichten. Jahr für Jahr wurde die Kurfürstin vom Rat der Stadt in ihrem Amt bestätigt und viele der wohltätigen Komitees forderten, sie solle auf Lebenszeit eingesetzt werden.
Doch sie erschien nicht und der junge Mann wandte sich enttäuscht ab. Hätte Augusta Amalie sich gezeigt, er hätte das zu gerne als ein gutes Zeichen genommen. Obwohl er keines brauchte, bestimmt nicht. Wieder blickte er auf die Uhr, seufzte. Wenn seine Hände doch nicht so zitterten, ihm der Schweiß nicht in gar solch reißenden Bächen über den Rücken liefe! Aber gleich hatte er es überstanden. Am besten erschiene er wohl einige Minuten früher.
Er drehte um, sah, wie zwei Vestalinnen den Tempel verließen, wie ein kleiner Junge seiner Großmutter vorweg in den Irrgarten rannte und ein Liebespaar sich unter einer der riesigen Kastanien küsste. Die Welt war ganz hervorragend aufgestellt, es herrschte Frieden, Wohlstand und Freundschaft. Es war dies gewiss die beste Zeit in der Geschichte der Menschheit, diese Aufgabe anzutreten.
Die eher schmächtigen Schultern straffte er, strich sich über den noch etwas spärlichen Schnurrbart und eilte dem Alten Zoll zu, neben dem sich rechter Hand das ehrwürdige Gebäude des Instituts für Fantastik befand.
Schon als kleiner Junge hatte er seine Eltern befragt, was in diesem Haus sein möge, doch nie hatte er eine Antwort erhalten, die ihm weiterhalf. Im Laufe der Jahre begriff er, dass seine Mitbürger das Haus wohl sahen, es aber nicht wahrnahmen, sich nicht dafür interessierten, ja, es vergaßen, sobald sie die Augen senkten. Als es vor zehn Jahren mit den Träumen losging (die allesamt ihren Anfang auf der Freitreppe des Instituts nahmen), da begriff er, es müsse wohl Magie im Spiele sein. Ab da wusste er, es steckte mehr in ihm als in manch anderem Knaben, der ihn seiner zarten Statur wegen verlachte; er war besonders. Heute würde es also beginnen – das Abenteuer seines Daseins.
Nun konnte er es kaum noch erwarten und rannte dem Institut entgegen. Einem Herrn musste er ausweichen, der empört den Kopf schüttelte, als er sich seines Weges gestört sah. Der junge Mann entschuldigte sich im Lauf, dann blieb er vor dem Gebäude stehen und betrachtete es ein letztes Mal als Außenstehender: Ein prachtvoller Renaissancebau war es, der mit dem Rücken zum Rhein stand und über den Hofgarten blickte. Das geschnitzte Portal zeigte Löwen, Drachen und holde Maiden, die die Untiere zähmten. Das Fachwerk der beiden mittleren Stockwerke bildete Blumenranken nach und erstrahlte in einem leuchtenden Rotbraun, der Putz dazwischen war von einem rosigen Weiß. Das vierte Stockwerk hingegen war von Künstlerhand reich bemalt: In bunten Farben tanzten blumenbekränzte Menschen Hand in Hand über die gesamte Breite des Hauses. Das Dach breitete sich recht flach über das Gebäude und immer erschien es dem Jüngling wie eine liebevoll schützende Hand. Er war von romantischer Natur, oft überschwänglich und leicht von schönen Worten und edlen Gedanken zu begeistern. Vor allem aber entzückte ihn dieses Palais, das trotz seiner Großartigkeit all den anderen Bürgern so unsichtbar blieb.
Bevor er die unterste Stufe betrat, strich er sein Revers glatt, prüfte den Sitz seiner Krawatte, den Glanz seiner Schuhe. Einen unvergesslichen Eindruck wollte er machen. Sieben Stufen waren es, die ihn an das Portal brachten, und verunsichert stand er davor: Sollte er den Türklopfer verwenden oder die Klingelschnur? Gab es Regeln? War es von Bedeutung?