Edward Sinclairs Brautschau

In wenigen Tagen erscheint der dritte Band von Oliveros Institut für Fantastik und was sonst könnte ich tun, als gleich mit dem nächsten Roman zu beginnen? Da gibt es einen Gentleman, der im Jahr 1814 nichts dringender benötigt als eine Ehefrau. Und das, obwohl er noch kein schönes Vermögen sein Eigen nennt …

Wie also wäre es mit dem noch rohen ersten Kapitel? Oder vielmehr ist es eine kleine Rede von Charlotte ist, die sich um ihren Bruder Edward sorgt.

 

Mrs. Leigh-Foster bittet um Gehör

Das also bin ich: Mrs. Fitzdarcy Leigh-Foster. Oder ganz einfach Charlotte. Meinethalben auch Lottchen, wenn es denn sein muss. Muss es aber bitte nicht.
Doch das wissen Sie bereits, nehme ich an; Sie waren dabei, als ich – durch welche Kräfte auch immer – im Jahr 1813 landete. Sie haben erlebt, wie ich meinen Fitzdarcy fand und wie es kam, dass er und ich und unser Sohn Sebastian zwischen zwei Zeiten reisen. Ach was, Zeiten! Welten sind es, zwei vollkommen unterschiedliche Welten, und mir graust nun schon vor dem Tag, an dem wir unserem Kind das werden verständlich machen müssen. In unserer Gegenwart wird er vermutlich bald schon in abgewetzten Jeans im Dreck wühlen und sich abends auf Pippi Langstrumpf oder das Sandmännchen freuen, um dann bei meinem Bruder vor zweihundert Jahren mit einem Holzpüppchen zu spielen und artige Verbeugungen zu erlernen. Nun ja, noch kann er nicht einmal sprechen und ob er die Verkäuferin hinter der Käsetheke anlächelt oder Mistress Bartlett unter ihrer Haube, ist ihm herzlich egal. Er lächelt übrigens ganz entzückend und sowieso ist er das schönste Baby! Wenn er –
Aber nein, halt, stopp, genug. Um Sebastian geht es nicht und auch nicht um Fitzdarcy und mich. Um meinen Bruder geht es. Um Edward Adam Sinclair, Esquire, Herr von Manhey Manor. Und darum, wie es sein kann, dass ein Herr von Bildung, Herzensgüte und einem blendenden Aussehen sich zwar eine Braut wünscht, aber nicht so recht in Schwung kommt. Wie ich von Mr. Darcy träumte, so hat er eine heimliche Vorliebe für Elizabeth Bennet. Und das, obwohl er schlagfertigen Frauen gegenüber gerne einmal schroff daherredet. Wenn er denn den Mund aufbekommt.
Nun könnte ich sagen, das wird sich schon ergeben bei all seinen Qualitäten, aber so leicht ist es nicht. Sehen Sie, das Problem ist: Ich weiß genau, wen er eigentlich hätte heiraten sollen. Also nicht deshalb, weil es mir so gefällt, sondern weil sein Urahn, zu dem er geworden ist …
Hmm, das erklärt sich nicht so leicht, muss ich zugeben. Ich hoffe einfach mal, Sie erinnern sich auch daran noch. Also daran, wie aus David Sinclair sein eigener Vorfahre Edward Sinclair geworden ist, den es sonst gar nicht gegeben hätte. Was bedeutet hätte, es hätte auch David nie gegeben. Und hätte es ihn nicht gegeben, dann hätte er nicht zurückgehen können, um …
Ähm, ja. Verständlicher war das jetzt auch nicht. Aber besser bekomme ich es in der Kürze der Zeit nicht hin. Wissen Sie was? Wenn Sie sich daran nicht erinnern können, dann spielt es auch keine Rolle, denn Edward weiß davon nichts mehr. Der Edward Adam Sinclair, der mich seine liebe Schwester nennt und mit Begeisterung Onkel ist, hat keine Ahnung mehr von der Zukunft. Er ist ganz das, was er allen erscheint:
Ein Gentleman im Besitz eines noch immer recht ramponierten Anwesens, der mit gelegentlichen Boxwettkämpfen Geld verdient für neue Fenster und andere Reparaturen. Ein Gutsbesitzer von Stand, der keine Angst davor hat, sich die Hände schmutzig zu machen, um seine Vision eines erfolgreichen Unternehmens zu verwirklichen. Ein Mann, der fantastisch aussieht (Ja, ich weiß, das erwähnte ich bereits, aber ehrlich, in seinem Falle kann man es nicht oft genug erwähnen!) und zu Pferde wie im Ballsaal eine stattliche Figur abgibt. Ein Herr auch, der sich vermählen möchte und in Sachen Brautwerbung etwas …
Nun ja, das werden Sie erleben. Lassen Sie mich nur noch etwas zu seiner zukünftigen Gemahlin sagen: Der ursprüngliche Edward hinterließ Tagebuchaufzeichnungen, die sich wandelten, nachdem David zu Edward geworden war (Nein, ich versuche nicht noch einmal, das Paradox zu erklären, keine Sorge). Nach diesen Unterlagen hätte er im November 1813 eine Miss Nigella Sanders zur Frau nehmen und mit ihr eine glückliche Ehe führen sollen.
Das aber ging schief, weil ich plötzlich wieder in die Zukunft geschleudert wurde und Edward ohne mich den Damen gegenüber ein echter Stoffel ist. Ich fand einen Weg zurück und nun ist es meine Aufgabe, zumindest das Schlimmste zu verhindern. Das Allerschlimmste immerhin habe ich schon aus dem Weg geschafft: Eine junge Dame namens Adelaide Simpson, die er in der veränderten Vergangenheit ohne mich geheiratet hat und mit der er sehr, sehr unglücklich war. Da kam ich gerade noch rechtzeitig, die Sache ist vom Tisch.
Also nicht, dass Sie denken, ich hätte Miss Simpson ermordet! Natürlich nicht. Dieses feine Fräulein tauchte gerade zur selben Zeit auf, als auch Fitzdarcy und ich auf Manhey zu Besuch weilten. Im Sommer 1814 war das und es reichten einige Ungeschicklichkeiten meinerseits – Kleinigkeiten wie verschütteter Rotwein, ein Stolpern auf einem matschigen Feldweg und das Nennen einiger männlicher Vornamen – um Adelaides unfeinen Charakter vor aller Augen zu enthüllen. Mein lieber Scholli, was konnte diese Person keifen! Na, sie hat ihre Siebensachen gepackt und ward nie wieder gesehen. Und Edward störte das nicht im Geringsten. Kein Wunder, denn Miss Simpson hätte den Aufzeichnungen nach noch fast drei Jahre benötigt, um ihn weichzuklopfen.
Damit ist das Problem jedoch nicht einmal zur Hälfte gelöst: Miss Nigella Sanders ist uns bislang nicht begegnet. Was doch wohl heißt: Wir haben die Vergangenheit ganz hübsch zerschlagen. Heißt weiterhin: Selbst, wenn diese Dame irgendwann erscheinen sollte, bedeutet das noch lange nicht, dass sie und Edward ein Paar werden. Es kann sogar sein, dass eine andere viel besser zu ihm passt, einfach, weil das vorgesehene Zeitfenster sich geschlossen hat. So ist das mit Fristen, man kennt das ja. Ob Finanzamt oder Zeitreise, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das einzige, was ich sicher weiß: Edward ist ein feiner Kerl und er braucht eine Frau, die über seine scheinbare Arroganz hinwegsieht.
Oder um es konkret zu sagen: Er ist verdammt noch mal ein echter Darcy in dieser Hinsicht. Ja, freuen Sie sich nur nicht zu früh. Ein Traummann mag er sein, wenn er denn erst einmal seine Besserwisserei, seine Überheblichkeit und seine Mäkelei überwunden haben wird. Und glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede! Das wird ein schönes Stück Arbeit, die passende Braut so lange bei Laune zu halten, bis sie erkennen kann, wie toll mein Bruder ist. Aber wenn sie das schafft, wenn sie durchhält und ihn von sich überzeugt, ich bin sicher, dann werden die beiden fast so glücklich, wie ich es mit meinem Fitzdarcy bin! Und um dieses Ziel erreichen, haben Fitzdarcy und ich uns auf drei Monate bei Edward eingeladen, denn ohne mich wird das nix werden!