Königin der Strigoi

Es geht weiter: Meine Vampira Swanhild darf sich um ihre Widersacherin Gabriella Calibrini kümmern, die allerdings ruckzuck von einer wesentlich gefährlicheren Dame in den Schatten gestellt werden wird.
Melisande muss ein weiteres Mal nach Wien und dort dafür sorgen, dass die Hochzeit zwischen der kaiserlichen Thronfolgerin und ihrem schönen Strigoi über die Bühne geht, ohne dabei die halbe Bevölkerung zu opfern. Oder sehen die Institutler hier eine Gefahr, die gar nicht existiert? Und wie wird es für Odila weitergehen, wie dramatisch wird sich die Lage in Scandinavia noch entwickeln? Was ist den Ordnenden Mächten zugestoßen und was hat Sabenius mit deren Verschwinden zu tun?
Ihr seht, der Fragen gibt es viele und ehrlich gesagt, bin ich gespannt, wie sich das fünfte Abenteuer entwickeln wird. Als bekennende Nicht-Plotterin habe ich immer nur eine ungefähre Ahnung, wohin die Reise geht. Ich weiß, welches Ergebnis ich möchte, bin aber auf dem Weg dahin offen für jede neue Figur, die meinen Weg kreuzt.

Und wie immer darf Anastasius zusammenfassen, was war und was zu tun ist.

Professor Olivero

Wie bitte? Was … Wie kommen Sie hierher? Das ist doch … Ja, das ist doch sehr ungewöhnlich. Sie sehen es sicher, ich habe keine Zeit für Sie. Ich hänge nicht zu meinem Vergnügen in dieser Felswand.
Ja, das haben Sie richtig erkannt. In Norwegen bin ich und mehrere hundert Meter unter mir liegt der Hjørundfjord. Und Sie werden wohl verstehen, dass ich nur ungern dort hinein stürzen möchte.
Bitte? Was ich in den Sunnmøre-Alpen tue? Ich bin wegen der Trollas hier. Die Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung ist in Scandinavia zur Zeit höher als in meinem eigenen Magischen Bereich und da ist es mir eine Selbstverständlichkeit, meinem Freund Sören beizustehen. Er wartet oben auf mich; dort befinden sich Trollas, die über einigen Einfluss verfügen. Wir haben berechtigte Hoffnung, dass, so wir diese Damen zur Einsicht bewegen können, wir des Problems Herr werden.
Wie wir sie zu überzeugen gedenken? Gewiss nicht mit Charme und Schönheit, obwohl ich glaube, dass Sören die Hoffnung hegt, es könne seine herkulische Erscheinung auch bei diesen weiblichen Wesen ein Wunder bewirken. Falls das allerdings nicht der Fall sein sollte, so haben wir einiges Gerät in petto, das überzeugender sein dürfte.
Was es sonst so gibt? Sie meinen an der Newa und am Nil, am Rhein und an der Donau? Was denken Sie wohl? Dass sich all unsere Sorgen in Wohlgefallen aufgelöst haben und ich nur deshalb in Norwegen mein Leben riskiere, weil es nichts weiter zu tun gibt? Ich wünschte, dem wäre so. Die Reichenbachs und MacDougalls stehen noch immer wie versteinert an der Newa und lassen sich durch kein Zureden und keinen Zauber fortbewegen. Igor Tokolew, der sich Swanhild angeschlossen hat und sicherlich eigene Pläne verfolgt, hat sein Möglichstes getan. Zwar scheint es, dass einige Mitglieder dieser Familien hören und sehen können, was um sie herum geschieht, doch das ist das einzig Gute, das er zu berichten weiß. Wenn es denn etwas Gutes ist; es ist völlig unklar, wie diese Clans zur Calibrini stehen oder – schlimmer noch – wie sie mit einer wiedererstarkten Echidna umgehen würden.
Echidna. Ja. Da kommt etwas auf uns zu. Ich habe mir gestern Nacht die antiken Aufzeichnungen über ihre jahrzehntelange Schreckensherrschaft am Nil durchgelesen. Wir können nur hoffen, dass Doña Clara einen Weg findet, das Aufbrechen der Pyramide zu verlangsamen, unter der die Reste dieser Urstrigoi gefangen liegen. Gemeinsam mit der Direktorin des Ägyptischen Reichs Anwar Mansor und den dortigen Zauberinnen tut sie, was sie nur kann, um die Katastrophe einzugrenzen.
Ja, einzugrenzen. Mehr ist nicht zu erhoffen und nicht einmal das erwartet Doña Clara. Welche Bannsprüche auch angewandt werden, wie sie auch versuchen, die Risse im Mauerwerk zu flicken – es öffnet sich das Grab weiter und weiter. Es sei, so ließ sie Swanhild wissen, als flösse eine fremde Kraft Echidna zu. Von düsterer Magie sprach sie, von unsichtbarer Schwärze. Und wir können nichts weiter tun, als uns zu wappnen vor Dingen von unaussprechlicher Scheußlichkeit. Zwingen Sie mich nicht, Ihnen aus den Berichten zu zitieren, die Echidnas Bestialität in blutigen Details schildern. Seien Sie versichert: Sollte Echidna die Macht ergreifen, so würden wir alle uns eine Gabriella Calibrini als Segensbringerin herbeiwünschen. Von der wir übrigens zur Zeit nicht wissen, wohin sie sich verzogen hat, nachdem sie die Zarenfamilie bedroht hatte. Die wiederum bei Igor Tokolew Schutz gefunden hat.
Swanhild bleibt über all dem so kühl wie stets. ›Eines nach dem anderen‹, so sagte sie noch heute Morgen am Frühstückstisch. Dann schlug sie Melisande vor, die kaiserliche Hochzeit vorzuziehen. ›Am besten gleich morgen‹, so meinte sie. Wir sprechen hier von einem historischen Ereignis, nicht nur von einer einfachen Verbindung zwischen einer Thronfolgerin und irgendeinem gutgewachsenen Kerl der Hocharistokratie – selbst dafür würden die Habsburger einige Wochen an Planung und Vorbereitung veranschlagen. Aber für die Heirat der Erzherzogin mit einem Strigoi? Ich bitte Sie!
Doch während ich wenigstens ein Dutzend Argumente hätte nennen können, die dagegen sprachen, nickte Melisande, nahm sich ein drittes Brötchen, biss hinein und erklärte, sie sähe das ebenso und werde daher aufbrechen, sobald sie ausreichend gesättigt sei. Und sie hat auch nicht den geringsten Zweifel daran, dass Kaiser Franz Josef und seine Gattin Elisabeth ihrem Vorschlag zustimmen werden. Das wird Melisande schaffen, keine Frage, aber es wird all ihre Kraft kosten. Was sie nicht interessiert. Nicht im Geringsten. Als wir uns verabschiedeten, lachte sie nur, küsste mich auf die Nase und nannte mich einen alten Schwarzseher, der ihr zu wenig zutraue. Dass ich meinte, ich traue ihr im Gegenteil alles zu, beantwortete sie mit einem Kopfschütteln und einem weiteren Kuss. Was nun wirklich keine Antwort ist, mit der sich etwas anfangen lässt.
Nach Odila fragen Sie. Odila ist bereits in der Nacht aufgebrochen. Nach Bamberg ins Jahr 1615 und wenn ich daran denke, dann wird mir übel. Ich wage gar nicht, mir vorzustellen, was geschehen könnte, fiele sie dem Hexenrichter Gerwin Jacobus in die Hände. So geschickt sie auch handelt, wie umsichtig und bedacht sie auch ist – es ist ihrem Talent eine Grenze gesetzt, von der sie uns nur zögerlich berichtete: Ist ein Mensch nämlich von Grund auf böse oder besonders eigensüchtig, gierig und verstockt, so vermag sie ihn mit ihrer Stimme nicht zu erreichen. Und jener Hexenrichter war ein Mann, wie man ihn sich habsüchtiger, rechthaberischer und mitleidsloser kaum denken kann. Es waren die damaligen Institutsagenten und -agentinnen nicht in der Lage, ihn aufzuhalten. Sechs Frauen und zwei Männer hat er dem Feuer übereignet und ich möchte nicht erleben, wie sich diese Zahl erhöht. Und eben weil Gerwin Jacobus ein so grausamer Mensch war, weiß ich nicht, ob ich froh darum bin, dass Sean seine Schwester begleitet, oder ob dieser Umstand erst recht zur Gefahr für Odila wird. Jacobus hat vollkommen unschuldige Personen ins Feuer geschickt, aber das heißt nicht, er hat kein Gespür für Magie besessen. Und wenn er dieses Gespür besitzt, dann werden ihm die Geschwister O’Malley schnell auffallen.
Weshalb ich diese Zeitreise nicht verbiete? Zum einen wollen wir die ermordeten Männer und Frauen retten; das stand von Anfang an auf meiner Liste. Zum anderen glauben die Geschwister, es hat unseren Herrn Inventoris Kaspar Müller dorthin verschlagen. Wie das überhaupt geschehen konnte – wir wissen es nicht. Er hatte mit jenem Kästchen experimentiert, das Meister Melchior für Odila präpariert hatte und das sie dazu befähigte, zu Platz und Zeit zurückzukehren, an denen sie bereits einmal gewesen war. Womit sie Insabeau von Isselheim zu Madame Robespierre machte und uns damit eine Verbündete geschaffen hat, die nicht ohne Nutzen sein dürfte. So wir ihr trauen können. Wozu ich mich durchgerungen habe. Wie dem auch sei: Herr Inventoris ist verschwunden, das Kästchen blieb zurück und als Sean es aufnahm, trat ihm eine Vision vor Augen, die er Herrn Custodis in so lebhaften Farben zu schildern verstand, dass dieser auf eben jenen Ort und jene Zeit tippte. Wenn Sie jetzt glauben, das sei wunderbar, dann denken Sie bitte nach: Ein Jahr besteht aus mehr als einem Tag und wenn Sean auch von grünen Wiesen sprach, so sind es noch immer viele Monate, die infrage kommen. Sean tat sein Bestes und nachdem Herr Custodis ihn in Trance versetzte, konnte er auch von einem blühenden Apfelbaum und einer milden Wärme sprechen, was für einen Zeitraum von Ende April bis Anfang Mai spräche. Wenn wir denn nicht wüssten, wie lang und hart der Winter 1615 in manchen Gegenden war. Schnee Anfang Mai war keine Seltenheit. So sind Odila und Sean zum 20. April 1615 gesprungen und es kann sein, sie werden Wochen dort verbringen, bis endlich auch unser Kaspar Müller erscheint. Wenn er denn in Bamberg ist!
Wie bitte?
Ach so. Ja, das ist ihm zuvor noch geglückt: Die Geschwister sind natürlich blutsverwandt und es benötigte nichts weiter als einer Magischen Silberkette und einiger Tropfen frisch vermischten Blutes, damit Odila ihren Bruder mitnehmen konnte. Ich hoffe sehr, sein Hauszauber wirkt auch in der Vergangenheit, und mehr noch hoffe ich, es werden unsere beiden Jüngsten nicht voneinander getrennt – ohne die Schwester findet Sean nicht zu uns zurück. Und Odila würde niemals wiederkehren ohne ihn.
Ah ja, Sie haben gut aufgepasst; Odila ist mit anderen ihrer Art unterrichtet worden. Und es wäre schön, wären diese anderen Zeitenspringer und -springerinnen von gleicher Wesensart und Begabung wie unsere Odila. Sind sie leider nicht. Keiner und keine verfügt über das Talent der Überzeugung und sie alle sind zu sehr an ihrem eigenen Leben interessiert, als dass man sie in den Dienst der Institute hätte berufen können. Leider. Unterrichtet wurden sie nur deshalb, damit sie mit ihrer Befähigung umzugehen lernen und nicht aus Panik oder Unwissenheit Schaden anrichten. Und damit sie wissen, sie stehen unter Beobachtung und das Entwenden eines venezianischen Goldschatzes beispielsweise werde bemerkt und verfolgt.
Gut. Ich muss Sie bitten, mich jetzt zu verlassen; es stört mich in meinen Unternehmungen doch zu sehr, mich beobachtet zu wissen. Lassen Sie es uns halten, wie es bislang war: Sie erscheinen, wenn ich in einer ruhigen Stunde des Austauschs bedarf, und ich will Ihnen Rede und Antwort stehen, wie Sie es wünschen.