• Hinter den Kulissen

    Vom ersten Versuch bis zum – hoffentlich – letzten Ergebnis

    Ich erzählte ja, wie sehr gerne ich mich um meine Cover kümmere. Vielleicht darf ich auch zugeben, wie wenig zufrieden ich aus heutiger Sicht mit den ersten Versuchen war. Vermutlich hätte ich ein fertiges Cover gekauft, hätte ich nur eines gefunden, das zumindest ungefähr meinen Vorstellungen entsprach. Also habe ich mich durchgemogelt.

    Wie wäre es also mit einem Rückblick auf Lilys erstes Erscheinen? Die Film-Reihe ist albern, lustig, märchenhaft und das sollte das Titelbild auch vermitteln. Was wirklich, wirklich schwierig für mich war.

     

    Das erste Cover war wirklich, wirklich mit nächtelanger Arbeit verbunden und ich mochte, dass es wirkte, als stamme es aus den Fünfzigerjahren, wenn das auch gar nicht zur Geschichte der Zeit passte. Aber trotzdem versprach es nicht so ganz das, was es verbarg.

    Ich dachte, vielleicht müsste ich auf Authenzität vollkommen verzichten, zumal in dieser Geschichte – im Gegensatz zu Emma – die Zwanzigerjahre eine nicht ganz so bedeutende Rolle spielen. Ich suchte also nach Silhouetten, die irgendwie zur Zeit und zum Thema Film passten. Und die Tänzerin kam in verschiedenen Ausführungen, also kaufte ich die Grafiken und bastelte. Aber kaum hatte ich dieses Cover in Verwendung, da störte ich mich an dem Schwarz, das so gar nicht zu mir passte. Ich spielte weiter, vergrößerte die Silhouette, ließ sie heller werden, färbte sie ein, entfärbte sie – doch was ich auch tat, es war noch immer nicht die Lily, die mir vorschwebte.

    Weiter ging es mit anderen Grafiken, doch was ich auch versuchte, es wollte nicht werden. Ich orientierte mich an den Covern britischer Chick-Lit, aber mit den knalligen Farben konnte ich auch nicht warm werden, wenn mir auch das fröhliche Pärchen gut gefiel. Wieder verbrachte ich Nächte mit dem Laptop, fügte Glitzer hinzu, Licht, Schatten, was immer mir einfiel. Und war für einige Wochen durchaus zufrieden – immerhin zeigte es die Albernheit und die Zeit des Romans.

    ABER, aber, aber es nagte doch weiterhin an mir: Wenn meine Lily auch einen wunderbaren Mann an ihrer Seite hat, ist doch sie die Hauptperson und sollte sich das Scheinwerferlicht nicht teilen müssen. Und das kurze Kleidchen mag neckisch aussehen, aber die Vintageliebhaberin und -puristin in mir weinter bitterliche Tränen. Weshalb ich also endlich mir die Zeit nahm, von vorne zu beginnen. Es traf sich günstig, dass Gatte und Söhne so viel Unruhe über mehrere Tage verbreiteten, dass an vernünftiges Schreiben eh nicht zu denken war – das schaffte mir also die Entschuldigung fürs Spielen. Wie für Emma auch suchte ich in meinem Schnittmusterarchiv und in gemeinfreien Werken nach Modezeichnungen, die ich so bearbeitete, wie ich es im letzten Beitrag beschrieben habe. Dazu kaufte ich Grafiken, die dem Art Deco nachempfunden sind und sonnige Urlaubsorte darstellen. Jetzt wurde es langsam – zumindest für mein Empfinden. Die Buntheit macht mir Laune, Lily ist elegant, wie eine Filmdiva es sein sollte, das Cover sieht nach Sommergeschichte aus – Mission hoffentlich endlich erfüllt.

  • Hinter den Kulissen

    Das Schöne am Selbstverlegen: Cover entwerfen und erstellen

    Ich bin vor nicht allzu langer Zeit von einem nicht zu großen, aber durchaus nicht unbekanntem Verlag angesprochen worden, ob ich mir vorstellen könnte, meine Emma mit etwas mehr Sex und etwas mehr Blut zu garnieren und sie dafür innerhalb eines Jahres in den Buchläden zu finden.
    Natürlich war ich geschmeichelt ob der Anfrage, einfach deshalb, weil ich mich freute, überhaupt von jemandem gesehen zu werden. Zu meinem Erstaunen dachte ich nicht eine Sekunde darüber nach – und das hatte ich wirklich nicht erwartet! – sondern lehnte dankend ab. Weil ich eben nicht nur gerne schreibe, sondern dazu auch genau das schreiben möchte, was mir gefällt. Was eben mehr Sex und mehr Blut definitiv ausschließt. Ich lese derlei selbst nicht gerne und ich weiß von einigen anderen, dass sie genau das eben auch nicht mehr sehen wollen. Wir mögen eine kleinere Gruppe sein als diejenigen, die genau nach diesen beiden Zutaten in Krimis suchen, aber dann ist das eben so und ich schreibe für wenige, aber dafür besonders entzückende Personen – was sich ja von selbst versteht, nicht wahr? Also das mit dem besonderen Entzücken. Jede einzelne Leserin, mit der ich Kontakt haben durfte, erwies sich als klug, warmherzig und humorvoll und mehr geht wirklich nicht.

    Aber es war nicht allein das, was mich zu meiner Entscheidung bewog. Da sind natürlich all die anderen Dinge, die ich gar nicht genre mache und nicht gerne tue – Werbung beispielsweise kann ich gar nicht, aber das muss man als Autorin auch dann selbst in die Hand nehmen, wenn man über einen Verlag auf den Markt geht. Dafür müsste ich aber auch Dinge abgeben, die ich sehr gerne selbst erledige: Siehe oben – Cover erstellen. Sicher, auch hier könnte man wahrscheinlich Besseres und vor allem Verkaufsförderndes basteln, aber natürlich bin ich auch hier wieder eigen: Nicht nur meine Schreibe und meine Themen müssen mir gefallen, sondern auch noch das Titelbild. Ja, ich weiß, ich bin uneinsichtig und stur, es tut mir leid.
    Doch was habe ich eine Freude daran, mich an die Cover zu setzen und von meinem ersten Versuch bis zum jetzigen Layout habe – so hoffe ich – eine Menge gelernt und verbessert.

    Wann immer ich eine vage Idee zu einer neuen Geschichte habe, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr für anderes, bis ich ein dazu passendes Cover fertiggestellt habe; so merke ich mir die Idee und so komme ich während des Bauens auf weitere Ideen. Gelegentlich setze ich mich drei oder vier Tage am Stück hin und bastele zwei bis vier verschiedene Titelbilder, bevor ich brav weiterschreibe mit meiner Geschichte. Die sich übrigens wie nebenbei in diesen Tagen weiterentwickelt, so dass ich kaum erwarten kann, sie fortzusetzen. Also alles nur positiv, wie ich finde.

    Wie läuft das also ab? Vor allem für Emma habe ich mittlerweile ein festes Layout, das bestimmt, wo der Rahmen ist, wo mein Name und der Serientitel, das Stadtbild und das Fräulein Schumacher. Und eben jenes Fräulein Schumacher nimmt die meiste Zeit in Anspruch, denn sie suche ich mir entweder aus meinen eigenen Schnittmustern und Modezeitschriften des entsprechenden Handlungsjahres heraus oder ich finde sie in digitalisierten Magazinen, die gemeinfrei sind. Klingt erst einmal locker, oder? Aber gerade Bilder aus den Zwanzigern, gedruckt auf Papier, das sich längst verfärbt hat, das verknittert und gerissen ist, sehen nicht so aus, wie ich sie haben möchte – sie sind verschwommen, verblasst, winzig klein oder liegen als JPEG vor, was zu Schlieren um die Konturen führt. Finde ich also eine Abbildung, die mich an Emma erinnert, die die passende Kleidung trägt und die richtige Gestik und Mimik mitbringt, dann geht es los.

    Der Hintergrund muss entfernt werden, Konturen nachgezeichnet, Fehlendes ergänzt und Farben hinzugefügt. Das nimmt im Schnitt vier bis fünf Stunden in Anspruch, bevor es an die weiteren Details des Covers geht.

     

     

    So sieht es beispielsweise aus, nachdem die ersten Schritte erledigt sind. Bei besonders klaren Bildern kann ich die Farbe in die freie Fläche einfügen, ohne vorher alles sorgfältig zu markieren. Was leider selten ist. Meist ist es wie oben: Es bleiben verwaschene Linien und farbliche Blindstellen. Hier habe ich alles nachgezeichnet, was durchaus meditativ sein kann.

     

     

    Mit etwas Abstand betrachtet, sieht man, wie die Grafik verschwommen und unsauber wirkt. Nun könnte man sagen: Das bemerkt doch keiner bei einem digitalen Cover, das doch winzig ist. Ja und nein. Natürlich sieht man die einzelnen Farbflecke nicht, aber der Eindruck insgesamt ist einfach nicht lebendig, nicht klar. Da schreit die Perfektionistin in mir (wohlgemerkt: Ich selbst bin gar keine Perfektionistin, aber irgendwo tief in mir drin hockt ein solches Weibsbild und nölt herum, auch nachts um drei nach, wenn ich wirklich niccht mehr will!)

     

     

    Das sieht schon besser aus, oder nicht? Verwendete ich mein Fräulein Schumacher pur und groß, so würde ich nun noch die zu kräftigen Konturen verschmälern, aber da greift dann doch der Fakt, dass das Titelbild selten nur in voller Auflösung zu sehen sein wird – mit diesen harten Konturen wirkt das Cover einfach klarer, vor allem, wenn ich zuletzt die Papierstruktur darüber gebe.

     

     

    Jede einzelne Linie ist nachgezogen, alles Überstehende entfernt. Gelegentlich – beispielsweise am rechten Knöchel oder am linken Absatz – ist es nicht perfekt, aber das fällt später wirklich nicht mehr auf, da muss die Perfektionistin halt mal heulen gehen, denn irgendwann muss ich auch einmal schreiben. Aber zwischen Original und Kopie liegen in diesem Fall sechs Stunden Arbeit, die ich nicht missen möchte.

    Für den Stadthintergrund gehe ich ähnlich vor; ich habe eine Sammlung Bonner Ansichtskarten, die ich einscanne und in eine Datei verwandele, die einer Zeichnung ähnelt. Dann kümmere ich mich um das farbliche Zusammenspiel, suche nach einer Hintergrundfarbe, die zu den anderen Bänden der Reihe passt und zum Thema, passe dann häufig auch noch einmal Emmas Kleidung an und füge zuletzt die gesamte Komposition in die eigentliche Coverdatei ein. Dort füge ich die Schatten hinzu, die Titel, den Rahmen, verpasse allem einen Papierlook und schaue, wie es sich komplett macht. Und muss mich dann bremsen, nicht noch gleich drei oder vier weitere Titelbilder zu erstellen, Spielkind, das ich bin.

    Und welches Titelbild wird dieses Fräulein Schumacher zieren? Nun, das dauert noch, bis sie in diesem Fall ermitteln darf. Es wird der vierte Roman für das Jahr 1929 werden – die Weltwirtschaftskrise wird über Emmas doch recht heile Welt hineinbrechen …

     

     

    Und weil ich so lieb bin, zeige ich auch schon einmal, welche Geschichten ich mir für 1929 denke …

     

  • Hinter den Kulissen

    Edward Sinclairs Brautschau

    In wenigen Tagen erscheint der dritte Band von Oliveros Institut für Fantastik und was sonst könnte ich tun, als gleich mit dem nächsten Roman zu beginnen? Da gibt es einen Gentleman, der im Jahr 1814 nichts dringender benötigt als eine Ehefrau. Und das, obwohl er noch kein schönes Vermögen sein Eigen nennt …

    Wie also wäre es mit dem noch rohen ersten Kapitel? Oder vielmehr ist es eine kleine Rede von Charlotte ist, die sich um ihren Bruder Edward sorgt.

    
    	
  • Hinter den Kulissen

    Emmas achter Fall

    Ich bin ausgesprochen fleißig dabei, Emma aus ihrem neuesten Fall herauszuholen. Oder vielmehr, sie in eine Gefahr stolpern zu lassen, bevor ich ihr zur Hilfe eile – irgendwann muss diese junge Dame doch einmal klug werden und mehr Vorsicht walten lassen, oder nicht?

    Obwohl, nein, eigentlich nicht – so klug, dass sie sich von nun aus allem heraushält, was ihr ungerecht vorkommt oder in das sie ganz ohne eigenes Zutun verwickelt ist, wird sie nie werden. Was wäre das denn auch für eine Geschichte, die damit beginnt, wie Emma und James am Frühstückstisch sitzen, den Generalanzeiger lesen und dann friedlich ihrer Arbeit nachgehen? Eine sehr kurze sicherlich.

    Dieses Mal aber kann Emma mit Recht sagen, sie könne nichts dafür, wie die Dinge sich entwickeln: Sie hat niemanden gebeten, sich in ihrem Haus zum Sterben einzufinden, hat auch keine Einbrecher eingeladen – wenn sie auch mit dem Gedanken spielt, das in Zukunft zu tun, da es eh keinen Unterschied macht, was sie in Bezug auf unerbetenes Eindringen wünscht – und dafür, dass alle Welt krank ist in diesem heißen Sommer 1928, dafür kann sie auch nichts. Sie tut nur, was nötig ist und was sich geradezu zwangsläufig ergibt …

     

  • Hinter den Kulissen

    Miss Brent

    Miss Harriet Brent liest mit Begeisterung Romane und nichts wünscht sie sehnlicher, als ein Leben zu führen wie die Heldinnen dieser Geschichten. Vor allem Stolz und Vorurteil hat es ihr angetan und so, wie es Jane Austens Leserinnen heute noch tun, träumt auch Harriet von ihrem Mr. Darcy.
    Und dann geschieht im März 1815 das Unfassbare: Soldaten beziehen Quartier in Upper Rivington, ein junger Mann mit schönem Vermögen mietet Edgewater Hall, ein Verwandter erscheint, der Anspruch auf das Anwesen der Brents erheben kann, und sogar ein Fitzhenry Darby erscheint auf einem Ball – für Harriet sieht es so aus, als wiederhole sich die Handlung ihres Lieblingsbuches. Und was sie selbst dazu tun kann, um die Ereignisse stattfinden zu lassen, das will sie gerne tun.


    Leseprobe:

    Miss Harriet Brent

    Ihre Eltern waren für Miss Harriet Brent ein beständiger Quell des Verdrusses; kaum jemand schien ihr weniger geeignet, die Heldin eines Romans zu erziehen, als diese beiden Menschen.
    Mrs. Brent war eine kluge Frau, die sich darauf verließ, dass sowohl Aussehen wie Mitgift ihrer vier Töchter ausreichend attraktiv waren, jeder von ihnen einen passenden Ehemann zu verschaffen. Daher schonte sie ihre Nerven, enthielt sich jeglicher Suche nach geeigneten Kandidaten und erfreute sich ihres Lebens, ohne in unnötigen Sorgen um die Zukunft zu schwelgen.
    Mr. Brent hatte immerhin so viel Klugheit besessen, diese Frau zu der seinigen zu machen. Er war ein rechtschaffener Mann, der seine Nachbarn gerne zu einem Abendessen einlud und sie mit seinen Anekdoten aufs Prächtigste zu unterhalten verstand. Die Eheleute ertrugen sich auch nach bald fünfundzwanzig Jahren ohne größeres Leid, ja, schätzten einander gar und glaubten, es gut mit dem anderen getroffen zu haben.
    Ebenso waren sie höchst zufrieden mit ihren Töchtern, die selten einmal Anlass zu Kummer gegeben hatten, sah man von den üblichen Sorgen wie schwesterlichen Streitereien und Schlendrian im Schulzimmer einmal ab. Dank einer Erbschaft, geschickter Geldanlage und klug ausgewählten Pächtern lebten die Brents äußerst bequem auf Heartfield, das immerhin das drittgrößte Haus in Upper Rivington, Surrey, war. Hilfsbereit, großzügig, heiter und gastfreundlich – so schilderten Freunde und Bekannte die Familie; die Töchter beschrieben sie als eine wie die andere gebildet, gutaussehend und gesittet.
    Doch trotz all dieser Vorzüge war Harriet gelegentlich unzufrieden. Nicht, dass sie von Natur aus dazu neigte, nein. Es war ihre Leidenschaft für Romane, die diese Unzufriedenheit hervorgerufen hatte. Vor allem ein vor zwei Jahren veröffentlichtes Buch hatte es ihr angetan: Stolz und Vorurteil, geschrieben von einer unbekannten Dame, die bereits das ähnlich geliebte Gefühl und Verstand verfasst hatte.
    Mehr als zwei dutzend Mal hatte sie es bereits gelesen und stets legte sie es mit dem Wunsch beiseite, an Elizabeth Bennets Stelle zu sein. Schon beim ersten Lesen kam es ihr vor, als entfalte sich auf den Seiten ihre eigene Geschichte. All das, was Elizabeth begegnete, war ja, was auch sie sich wünschte. Vielleicht hatte sie es zuvor nicht gewusst, das mochte wohl sein, aber mit jeder Zeile stand es ihr klarer vor Augen, was ihr begegnen sollte.
    Dieser Witz, mit dem Elizabeth Mr. Darcys Impertinenz beantwortete, beeindruckte Harriet sehr. Und wie Lizzy dem unsäglichen Mr. Collins einen Korb erteilte! Und dann der erste Antrag Mr. Darcys! Dessen Worte las Harriet stets laut und immer schwankte sie, ob sie ihn erhört oder ob sie ihm dasselbe ins Gesicht gesagt hätte wie Lizzy.
    Einerseits glaubte sie, sie hätte schneller als ihre Lieblingsheldin erkannt, welch ein hervorragender Mann Fitzwilliam Darcy war. Je öfter sie den Roman las, desto mehr bedauerte sie, wie er von Lizzy abgewiesen wurde, nur weil deren Stolz sie blind für seine Vorzüge gemacht hatte.
    Andererseits rezitierte sie Lizzys Replik mit diebischem Vergnügen. Dabei pflegte sie ihr Schlafzimmer zu durchschreiten und mit strengem Blick den Lehnstuhl zu taxieren, der in Ermangelung eines leibhaftigen Herrn herhalten musste. Es fühlt sich großartig an, ohne jeglichen Rückhalt zu erklären, womit der arrogante Mann sich ihre Zuneigung verscherzt hatte.
    Doch nichts tat sich in Upper Rivington. Stets bewegte sie sich im Kreise derselben Menschen, niemand trat in ihr Leben, der ihre Sehnsucht nach Romantik hätte stillen können. Dann, vor wenigen Tagen erst, klagte sie der Mutter ihr Leid: Es fehle in Upper Rivington an Männern von Format und Einfluss.
    Mrs. Brent dachte darüber nach und stimmte ihrer Tochter zu; hier sei es um Lords und Dukes wahrlich schlecht bestellt.
    „Mama, du nimmst mich nicht ernst. Es geht mir nicht um Lords und Dukes. Aber ich bin neunzehn Jahre alt, es wird doch Zeit, dass ich heirate.“
    „Es erstaunt mich, das zu hören. Bislang hatte ich nicht den Eindruck, du habest Interesse daran, einem Haushalt vorzustehen. Vielleicht solltest du dich zur Probe erst einmal verlieben?“
    „In wen, Mama? In wen? Ich kenne unsere Junggesellen doch zu lang, als dass einer von ihnen in Frage käme.“
    „Nicht einmal für unseren Hilfspfarrer könntest du schwärmen? Er ist doch ein hübscher Mann.“
    Harriet seufzte. Mama verstand sie wirklich nicht. „Ich bin auf dem besten Wege, eine alte Jungfer zu werden, wenn wir nicht etwas unternehmen.“
    Mrs. Brent hatte Mühe, ernst zu bleiben. „Es wird Clarissa freuen, zu hören, wie du von ihr denkst.“
    „Sie wird einundzwanzig in wenigen Tagen -“
    „In einem halben Jahr, mein liebes Kind.“
    „Ein halbes Jahr ist rasch vorbei, Mama.“
    Jetzt lachte Mrs. Brent. „Nun, was also wollen wir tun? Vielleicht sollten wir eine Bekanntmachung in den umliegenden Städten aushängen?“
    „Eine Bekanntmachung?“
    „Aber ja. Hübsche Töchter abzugeben, melden Sie sich auf Heartfield.“
    „Aber Mama! Das meinst du nicht ernst!“
    „Wenn du so verzweifelt bist …“
    „Ich wünschte, du wärest besorgter um unsere Zukunft. Es ist doch immerhin deine Aufgabe, uns gut zu verheiraten.“ Harriet verschwieg, dass sie nicht die Absicht hatte, einen Mann zu heiraten, den die Eltern ihr aussuchten. „Aber du scheinst anzunehmen, ein Ehemann fände sich von alleine.“
    „Nun, das nehme ich an, ja. Deinen Vater traf ich auf einer Reise, da war ich dreiundzwanzig. Ich stolperte aus der Kutsche in seine Arme und verliebte mich auf der Stelle in ihn. Ich wüsste nicht, wie das hätte geplant werden können.“
    „Ach, Mama, du erzählst es ständig. Aber das waren andere Zeiten. Und auf Reisen gehen wir zu selten, als dass ich mich auf einen solchen Glücksfall verlassen wollte.“
    „Wir könnten im Sommer nach London fahren. Allerdings nur, wenn du mir versprichst, dort auch den passenden Mann zu finden. Ich möchte ungern Zeit und Geld verplempern.“
    „Mama, du machst dich über mich lustig.“
    „Nur ein wenig, mein Kind. Ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet du mit all deinen romantischen Flausen auf die Jagd nach einem Gatten gehen willst, wie es Mrs. Shorts Nichten tun.“
    „Aber nein, das möchte ich nicht. Ich werde niemals anders als aus tiefster Liebe heiraten. Doch du solltest jemanden für uns suchen, wie andere Mütter es auch tun. Dir scheint es vollkommen gleichgültig zu sein, was aus uns wird.“
    „Aber Harriet. Was soll denn schon aus euch werden? Bleibt eine von euch unverheiratet, so wird sie Heartfield erben und ein ruhiges Leben führen. Und heiratet keine von euch, so wohnt ihr gemeinsam hier und streitet euch, bis ihr alt und grau seid. Ihr seid versorgt, wenn es auch keine Reichtümer sind, die wir euch hinterlassen werden. Ich bitte dich, sorge dich nicht. Es wird sich schon finden. Setze dich lieber ans Klavier und übe, das schadet gewiss nicht.“
    Diesen Rat befolgte Harriet; immerhin mochte es sein, sie müsse eines Tages mit ihrem Spiel glänzen, wie es auch Lizzy getan hatte. So sehr hoffte sie, ihr Leben werde ähnlich verlaufen wie das ihrer Heldin, dass sie oftmals wünschte, ihre Mutter wäre mehr wie Mrs. Bennet, deren Lebensinhalt die Verheiratung ihrer Töchter war.
    Auch kam es vor, dass Harriet die finanzielle Sicherheit ihrer Familie bedauerte, die ihren Eltern jene Gleichmut verschaffte, ihre Töchter nicht jedem Mann in die Arme zu werfen, der sich in ihre Nähe bequemte. Sogar an ihrem gutmütigen Vater fand sie etwas auszusetzen: Niemals würde der seiner Jüngsten gestatten, mit der etwas dümmlichen Gattin eines Colonels nach Brighton zu fahren, wie es Lizzys Vater getan hatte. Und so reizend es auch war, von Papa Komplimente zu erhalten, zu wissen, wie stolz er auf jede einzelne seiner Töchter war, so wenig half das doch den nötigen Entwicklungen auf die Sprünge, nach denen es Harriet verlangte.
    Ja, so seufzte sie in mancher Nacht, es war ein Elend, in eine solch nahezu perfekte Familie hineingeboren zu sein. Und weil Harriet eine ehrliche Person war, bedauerte sie zudem, nicht halb so gewitzt und geistreich wie Lizzy zu sein. Doch bekäme sie ihre Chance, träfe sie auf Mr. Darcy, so wusste sie zum Glück jede Antwort der bewunderten Heroine auswendig.

    Eine allgemein anerkannte Wahrheit

    „Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitze eines schönen Vermögens nichts dringender benötigt als eine Frau. Zwar sind -“
    „Oh, Harriet, bitte!“, rief Clarissa aus, die neben ihrer Schwester im Wohnzimmer saß und einen Riss in ihrem Redingote ausbesserte, „nicht noch einmal diesen Roman!“
    „Aber du liebst ihn, das hast du gesagt!“
    „Ja. Ich liebte ihn sehr, als ich ihn das erste Mal las. Und ich liebte ihn noch, als ich ihm das sechste, ja sogar das siebte Mal lauschte. Es ist eine reizende Geschichte, natürlich. Voller Witz und Ironie. Aber als ich dich bat, mich bei der Arbeit zu unterhalten, da hatte ich an das Klavier gedacht oder an Dorftratsch, doch sicher nicht an den hundertsten Vortrag von Stolz und Vorurteil. Sei versichert, wir alle kennen mittlerweile jede Zeile auswendig. Berichte lieber, was Charlotte gestern erzählt hat. Wie befindet sie sich, wie geht es Lady Milford? Hat sie sich von ihrer Erkältung gut erholt?“
    Doch so leicht war Harriet von ihrem liebsten Thema nicht abzubringen. „Ja ja, es geht ihnen allen hervorragend. Sag, wünschst du dir nicht, du fändest einen Mr. Bingley? Wo du Jane Bennet doch so sehr ähnelst.“
    Die Verwunderung der älteren Schwester war beträchtlich; verblüfft ließ sie ihre Näharbeit sinken. „Ich sei Miss Bennet ähnlich? In welcher Hinsicht denn bitte sehr?“
    „Nun, das liegt auf der Hand: Du bist die älteste von uns, du bist die Hübscheste von ganz Upper Rivington und dazu bist du von äußerst freundlicher Natur. Ganz wie Miss Bennet. Wohin du auch gehst, man ist dir zugetan.“
    „Ich danke dir für deine gute Meinung. Du möchtest mir ein Kompliment machen, das verstehe ich, aber Jane? Kommt sie dir nie ein wenig zu duldsam vor? Und dann Mr. Bingley!“
    „Was kannst du an ihm auszusetzen haben? Er sieht gut aus, hat einnehmende Manieren, ist dazu reich und liebenswürdig und von Herzen gutmütig.“
    „Du wünschst mir nicht wirklich einen Mann, der sich so leicht von seiner Liebe zu mir abbringen lässt?“
    „Aber Mr. Darcy ist sein bester Freund und er vertraute seinem Urteil, das dieser ja im besten Glauben gefällt hatte. Sollten wir unseren besten Freunden nicht vertrauen und ihrem Rat folgen?“
    „Nicht mehr, als wir unserem eigenen Urteil vertrauen sollten. Wenn du dich also in einen Mr. Darcy verliebtest – und ich gehe davon aus, dass du ihn für dich reserviert hast – dann verließest du ihn, wenn ich es dir anriete?“
    „Das ist eine vollkommen andere Situation, möchte ich meinen. Doch natürlich dächte ich über deinen Ratschlag nach und käme ich zum Schluss, du habest recht, so würde ich ihn befolgen, ja.“
    „Und wenn ich dir kurz darauf riete, ihn nun doch zu nehmen, dann tätest du auch das? So wie Mr. Bingley sich hat umherschieben lassen? Ich meine, welcher Frau würde seine Liebe schmeicheln? Erst glaubt er, nicht ohne Jane leben zu können, dann verlässt er sie, weil sein Freund ihm ohne weiteres einreden kann, sie empfände nichts für ihn, und als es jenem Freund einfällt, er habe nichts mehr gegen diese Verbindung einzuwenden, da läuft er artig zurück zu ihr und bittet sie um ihre Hand. Und Jane willigt ohne Zögern ein. Du darfst mir gerne glauben, ich an ihrer Stelle hätte ihn geprüft, bevor ich ihn nähme. Man möchte doch nicht an einen Mann gebunden sein, der so wankelmütig ist.“
    Das Gespräch nahm eine Richtung, die Harriet nicht gefiel; Mr. Bingley als schwachen Charakter dargestellt zu sehen, war nicht, was sie beabsichtigt hatte. Mehr als einmal hatte sie festgestellt, wie gerne sie mit ihm vorliebnähme, sollte sich kein Mr. Darcy in ihrem Leben einstellen. Und zu Clarissa würde ein Mann, der weniger ernst, weniger kühl und weniger bedacht war als sie, sehr gut passen. Das teilte Harriet der Schwester mit.
    „Zu kühl, zu bedacht und zu ernst also bin ich? Und das ändert sich, wenn ich einen freundlichen Hohlkopf heirate? Ich sehe in einer solchen Verbindung nichts als Ärger und Unmut. Lieber wäre mir doch ein Mann, der meine Qualitäten zu schätzen weiß und ähnliche Eigenschaften besitzt wie ich.“
    Die beiden älteren Schwestern verstanden sich gut, doch selten hatte sie über ihre Wünsche an die Zukunft miteinander gesprochen und noch seltener über ihre Vorstellungen von Männern. Clarissa schien stets über diesen Dingen zu stehen, ähnelte darin in ihrer ruhigen Zuversicht der Mutter.
    Harriet war stets die fantasievollere gewesen, verspielter und lebhafter und bis vor einem halben Jahr kaum interessiert an allem, was mit Heirat und Haushalt zu tun hatte. Schnell begeisterte sie sich für Dinge und Menschen, hatte hintereinander weg ihre Liebe zu Stickarbeiten, Porträtmalerei und Klavierspiel entdeckt. Einzig dem Lesen blieb sie von frühester Kindheit an treu: Darin hatte sie die Aufregung gefunden, die in Upper Rivington keine Heimat hatte. Die elterliche Bibliothek war recht gut befüllt und stand den Töchtern ohne Einschränkung zur Verfügung; Sittenverderbliches wie die Romane des Marquis de Sade hatte nie den Weg nach Heartfield gefunden, wohingegen die deftig-derben Abenteuer eines Tom Jones nach Meinung des Vaters dazu dienen mochten, die Töchter vor allzu viel Vertrauen in leichtfertige Herren zu schützen. Sowieso war ihm daran gelegen, sie nicht zu verwöhnten Porzellanpüppchen zu erziehen, sondern zu praktischen Frauenzimmern, die gut für sich und andere zu sorgen wussten, ohne dabei sich selbst zu vergessen.
    In Dingen der Erziehung betrachteten sich Mr. und Mrs. Brent als traditionell und modern zugleich, was ihrer Nachkommenschaft zugutekam, denn ein jedes der Mädchen hatte sich seinen Anlagen entsprechend so gut entwickelt, wie es mit einer klugen Mutter und einem charmanten Vater nur möglich war. Die Eltern hatten Clarissas Zurückhaltung ebenso wenig bekämpft wie Harriets überbordende Fantasie.
    Und nun also sprach Clarissa über ihren idealen Ehemann, weshalb Harriet das geliebte Buch zuklappte und näher heranrückte. „Aber einen Mann zu heiraten, der ebenso ernst wie man selbst ist – klingt das nicht nach Langeweile? Ich sehe euch schon Abend für Abend über den Haushaltsbüchern sitzen und rechnen. Und zur Entspannung lest ihr euch dann Predigten vor. Das möchtest du?“
    Clarissa schüttelte den Kopf. „Wie kommst du nur auf solche Vorstellungen, Harriet? Wenn nicht alles Spiel und Tanz ist, dann muss es Arbeit und Ödnis sein? Ich wünsche mir einen Mann, der sich mit mir über Literatur ebenso unterhält wie über unsere Finanzen, der seine Sorgen mit mir teilt wie seine Freuden. Und der dasselbe von mir erhofft. Ich wünsche mir Harmonie und Einigkeit, Vertrautheit und wahre Freundschaft.“
    „Wo bleibt denn die Liebe bei alldem? Es klingt, als wolltest du dich mit ihm in die Einsamkeit zurückziehen.“
    „Das wäre mein Ideal: Eine Liebe, die so innig ist, dass wir es auch in einer kleinen Hütte im Wald miteinander aushielten.“
    „Dann muss ich sagen, du bist romantischer, als ich es bin. Ich denke, eine Liebe überlebt die Jahre besser, wenn gelegentlich einige Zimmer zwischen dem Gemahl und der eigenen Person liegen.“
    „Ah. Wenn ich auch erstaunt bin, das von dir zu hören, so stimme ich doch gerne zu. Da ich aber einen vernünftigen Mann zu heiraten wünsche, wird es vermutlich keiner, mit dem ich im Wald leben muss. Meine Mitgift und sein Einkommen sollten reichen, uns zumindest ein Cottage in einem Dorf zu ermöglichen. Ein wenig Platz für jeden für uns und Gesprächsstoff in Form einiger reizender Nachbarn sollten für ausreichend Ablenkung sorgen, um die gemeinsamen Jahre erträglich zu gestalten.“
    „Das wiederum klingt sehr bedacht und sehr unromantisch. Ich befürchte, ich werde nicht schlau aus dir.“
    „Vergleiche mich nicht mit Jane, sondern mit Lizzy, dann verstehst du mich besser.“
    Nun lag das Erstaunen ganz auf Harriets Seite. Einige Male schon hatte sie ihre Familie mit der Familie Bennet verglichen und nie wäre sie auf die Idee gekommen, die Rolle Lizzys einer anderen als sich selbst zuzuschreiben. Und so sehr es ihr auch widerstrebte, so sehr musste sie anerkennen, dass Clarissas Anspruch auf diese Rolle so gering nicht war: Sie konnte im charmantesten Plauderton spitzzüngige Bonmots von den Lippen perlen lassen, betrachtete ihre Umgebung durchaus abgeklärt und glaubte dennoch an die Liebe …
    Doch Harriet drängte diese Erkenntnis rasch beiseite: Clarissa war die Ältere, war schöner, ruhiger und zurückhaltender als sie selbst – damit konnte sie niemals Lizzy sein. Und ein Mann wie Mr. Bingley wäre trotz all ihres Widerspruchs genau der Mann, der ihr Frohsinn und Leichtigkeit schenken würde. Es war eigentümlich, wie wenig Clarissa sich doch kannte!

  • Hinter den Kulissen

    Lily DuPlessis

    Woran schreibe ich zur Zeit?

    An einer Romanze, die sommerlich-heiter, munter-amüsant daherkommt. Auch Lily stammt aus Bonn und teilt sich mit Emma Alter und Dekade. Doch wo Emma eine Karriere im Büro anstrebt, wenn sie nicht eben über Tote stolpert, da dreht Lily wahrhaftig Filme in Babelsberg.

    Und nun reicht es ihr: Sie braucht Ferien! Die sie nur erhält, wenn sie sich heimlich aus dem Staub macht. Natürlich gelingt es nicht und so sitzt die angebliche Französin bald in Frankreich mit einem Reporter zu ihren Füßen. So hatte sie es nicht gedacht!