• Die Zwanzigerjahre

    Eine aufregende Zeit für Frauen. Und Krimiliebhaberinnen!

    Zu den aufregendsten Zeiten der Weltgeschichte gehören sicherlich die Zwanzigerjahre. Es änderte sich so vieles zugleich: König- und Kaiserreiche zerfielen, Kleidung wurde bequemer und gewagter, gesellschaftliche Regeln lockerten sich und technische Entwicklungen überholten sich in ihrer Rasanz beim Zusehen.
    So golden, wie es klingt, war es aber nicht: Noch immer herrschte Armut, noch immer bestimmte Doppelmoral das Leben vor allem der Frauen und es bahnten sich politische Entwicklungen an, die all die positiven Tendenzen ins Gegenteil verkehren würden. Aber vieles, was in diesen Jahren ge- und erdacht wurde, erscheint uns heute noch modern und fortschrittlich.
    Kann es also eine bessere Zeit geben, in der Kriminalromane spielen könnten? Kaum, denn damals gelangte diese Literaturform zur Blüte und bis heute werden die Klassiker der Damen Christie, Tey, Sayers und Wentworth gerne gelesen. Ermittelt wird ohne Mobiltelefon und schnelle Autos, was eine ganz eigene Spannung mit sich bringt.

  • Charaktere bei Fräulein Schumacher,  Die Zwanzigerjahre,  Emma

    Fräulein Schumacher auf Fotografien

    Erstaunlich, aber wahr: Ich trug Emma ja schon seit langen Jahren in Gedanken und natürlich hatte ich dabei auch eine Vorstellung von ihrem Äußeren. Vage zwar nur, aber doch so, dass ich sie würde erkennen können, stünde sie überraschend vor mir. Und genau das tat sie, nachdem ich damit begonnen hatte, sie aufs Papier zu bannen.

    Nun habe ich immer schon eine Vorliebe für die Ästhetik der Zwanziger- und Dreißigerjahre gehabt; vor über zehn Jahren hatte ich begonnen, Pullover nach Anleitungen dieser Zeit zu stricken, habe mir deshalb auch das Nähen beigebracht für die passenden Röcke und Kleider und …

    Aber ich schweife ab. Wenn ich nach Inspiration für einen neuen Kleiderschnitt suchte, gerieten mir immerzu Hollywoodfotografien berühmter und weniger berühmter Schauspielerinnen in den Weg; doch an Loretta Young kann ich mich nicht wirklich erinnern – ich wüsste spontan keinen Film zu nennen, in dem ich sie gesehen haben könnte. Und auch eine Raquel Torres war und ist mir unbekannt. Lilian Harvey hingegen war mir natürlich ein Begriff: Die drei von der Tankstelle ist auch heute noch sehenswert.

    Wie dem auch sei, keine dieser drei Damen hatte ich vor Augen, als ich mir Emma vorstellte. Doch je nach Fotografie und auch Lebensalter gibt es mit jeder von ihnen erstaunliche Ähnlichkeiten:

     

     

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    Eine sehr junge Loretta Young, die hier genauso unschuldig-neugierig schaut, wie ich es mir bei Emma vorstelle, nachdem sie sich endlich hinauswagt in die Welt.

     

     

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    “Aber mein lieber, guter Herr Wertheim, ich bin vorsichtig, das verspreche ich. Es ist ja alles ganz harmlos, nicht wahr?” Könnte unser Kriminalkommissar da widerstehen?

     

     

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    Bei wem würde Emma mitten in der Nacht Hilfe suchen, wenn sie völlig konfus ist? Bei Tante Sybil natürlich …

     

     

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    Und von wem würde sie sich solche Roben leihen können? Doch sicherlich auch von Sybil, vor allem dann, wenn sie wieder einmal auf einem derer Tanzfeste als Augenschmaus zu dienen hat.

     

     

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    Und das müssen doch Emma, Gertrud und Gigi sein, oder nicht?

     

     

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    Das Bild müsste wohl von ihrem 21. Geburtstag stammen.

     

     

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    Und das hier muss geknipst worden sein, als sie eben begann, sich mit Tante Sybil zu verstehen, aber noch bevor sie nach Frankfurt fuhr, um ihren Papa zu suchen.

     

     

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    Ein Beitrag geteilt von Ephemeral Elegance (@ephemeral.elegance) am

    Das hier ist – und ich hätte sie nicht erkannt – Lilian Harvey, die mehr Bein zeigt, als Emma es wagen würde. Außer vor James natürlich. Aber der Blick, das Profil: Das ist Fräulein Schumacher.

     

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    Raquel Torres bei der Gesichtspflege könnte ebenso gut Emma sein, nachdem Sybil ihr klargemacht hat, wie wichtig es ist, die Haut täglich zu reinigen und einzucremen.

     

     

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    Ein Beitrag geteilt von Classy Classiques (@amour_des_classiques) am

    Und das hier das Bild, auf dem ich Emma zum ersten Mal sah, nachdem ich mit dem Schreiben angefangen hatte. Zack, Bumm, Peng, da war sie und es ist ja klar bei diesem Blick, dass das Mädel nicht halb so schüchtern würde sein können, wie sie es von sich selbst glaubte. Kein Wunder, dass sie immer wieder in einem Fall hineinstolpert – sie kann da wirklich nichts zu, es passiert einfach so. Und was soll sie da machen?

  • Die Zwanzigerjahre

    Geister, Grusel und Ganoven

    In den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts erlebten Spiritistinnen und Spiritisten einen enormen Zulauf. Eben aus dem ersten Weltkrieg entlassen, suchten die Menschen nicht allein nach dem Sinn des Lebens, sondern ebenso nach Kontakt zu den Toten, von denen es zu viele gegeben hatte.
    Und vermutlich hat nicht zuletzt der technische Fortschritt zum Erfolg dieser Branche beigetragen: Nicht allein mit geheimnisvollen Klopfzeichen und wackelnden Tischen ließen sich nun Trauernde und Neugierige von der Existenz einer spirituellen Welt überzeugen – nun kamen neben Schatten, Licht und Spiegeln auch Kameras, Filmsequenzen und elektrische Hilfsmittel zum Einsatz, mit denen eine surreale Atmosphäre geschaffen wurde. Ein Grammophon lieferte schaurige Musik, die direkt aus dem Totenreich zu kommen schien, neblige Projektionen klagender Frauen schwebten schwerelos und transparent vor der Gästeschar, es vibrierte und summte und bebte, als ob eine Armee gesprächsbereiter Gespenster aufmarschiere.
    Dennoch waren die meisten der erfolgreichen Tricks eher simpel: Aus Eischnee und Baumwollmusselin ließ sich Ektoplasma formen, das anzeigen sollte, wie das sich in (angeblicher) Trance befindende Medium von einem Geist in Besitz genommen wurde. Oftmals war die Stimmung erotisch aufgeladen; so floss das Ektoplasma bei manch einer raffinierten Betrügerin zwischen den Beinen hervor, was die meist männlichen selbsternannten Spiritismusforscher zu gerne von der Wahrhaftigkeit des unerklärlichen Phänomens überzeugte. Wer sich hierfür tiefer interessiert, der sei empfohlen, nach den folgenden Damen und Herren zu googlen:

    Eva Carrière (Vor dem ersten Weltkrieg)

     

    Kathleen Golighter

     

     

    Mina Crandon

     

     

    Helen Duncan

     

    Eileen Garrett

     

    Stanislawa P.

     

    Jan Guzyk

     

    Einer Nielsen

     

    Natürlich waren nicht alle Medien, die Séancen abhielten, Betrügerinnen. Nicht wenige unter ihnen glaubten an das, was sie taten, und so gestanden ihnen die paranormalen Detektive (von denen es einige gab) gerne zu, nicht aus bösen Absichten heraus zu handeln. Hier wurde nicht getrickst und gekaukelt, hier waren Damen und Herren, die besonders sensibel waren für Stimmungen und Launen der Menschen um sie herum, die in echte Trance fielen und von dem berichteten, was sie währenddessen sahen. Wenn ihnen auch meist nachgewiesen werden konnte, dass dem, was sie sagten, jegliche Substanz mangelte, und ihre Voraussagen kaum je eintrafen, so legten die Skeptiker eben doch Wert darauf, ihnen einen guten Charakter zu bestätigen.

    Unter diesen Detektiven tat sich einer besonders hervor – Harry Houdini hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Gesellschaft von den Scharlatanen und Lügnern zu befreien. Er tat dies nicht alleine; eine ganze Schar Frauen und Männer hatte er zur Verfügung, die Ermittlungen anstellten. Die spannendste unter ihnen dürfte wohl Rose Mackenberg gewesen sein, die sich verkleidet in spiritistische Sitzungen einschlich, die verschiedensten Rollen spielte und damit zu Ruhm gelangte.

     

    In all das habe ich mich tagelang vertieft und im Grunde ließen sich zwanzigtausend Geschichten daraus machen. Doch es sollte eine werden, die zu meiner Emma passt. Und so geht es recht bald um einen Menschen, der das Totenreich besser kennenlernt, als er es wünschte …

  • Die Zwanzigerjahre

    Ausgerechnet Bananen

    “Ausgerechnet Bananen, Bananen verlang ich von ihm! Nicht Erbsen, nicht Bohnen, auch keine Melonen …“, klang es durch die Arndtstraße 13a früh am Mittwochmorgen. Sybils Sopran schwang sich zu immer erstaunlicheren Höhen auf, während sie in der Wanne plätscherte.
    Emma drückte sich ihr Kissen auf die Ohren. Oh bitte! Schlafen wollte sie. In Ruhe! Sybil war mittlerweile von den Bananen abgerückt und forderte ein unbekanntes Du auf, sie doch in Hawaii zu besuchen, da ihr Herzchen frei sei. Emma warf das Kissen durch den Raum und griff sich den Wecker. Gerade einmal sieben Uhr, die Sonne drang noch nicht durch die Dämmerung.

    Dass Sybil dieses Lied heraus schmettert, liegt natürlich an seiner unglaublichen Beliebtheit, die sich über Jahre hielt: Aus der Refrainzeile ist längst ein geflügeltes Wort geworden. Sybil tanzt sich also in der ersten Zeit in Bonn durch alle Säle, Hallen und Cafés und mit Sicherheit lief dieses Lied wenigstens dreimal am Abend. Die Melodie stammt ursprünglich aus den USA, wo es allerdings mit einem Text gesungen wurde, der uns heute zu Recht rassistisch anmutet und am besten vergessen wird. Somit stehen die “Bananen” auch für den wachsenden Einfluss Amerikas auf die alte Welt; immer öfter schwappen Moden, Melodien und Marotten von dort nach hier.
    Aber es steckt mehr hinter meiner Liedwahl als diese beiden Gründe. Der Schlagerdichter Fritz Löhner, von dem der Text stammt, ist ein österreicher Jude.
    Noch sind die Ressentiments den Juden gegenüber in England und Polen beispielsweise deutlich größer als in Deutschland, wo die Wandlung vom Fremden zum Mitbürger weiter fortgeschritten war, dafür sorgten im 19. Jahrhundert unter anderem Frauen wie Rahel von Varnhagen und Fanny Lewald, in deren Salons die Geistesgrößen der deutschen Länder sich trafen, aber auch einige Gesetzesreformen, die viele Beschränkungen aufhoben, denen die Juden hier unterworfen waren. Und für deutsche Männer jüdischen Glaubens war es genauso selbstverständlich wie für Katholiken oder Protestanten, Kaiser und Vaterland im Krieg zu dienen. Was sicherlich zu dem trügerischen Gefühl der Gleichheit beitrug, das in den Zwanzigern erstarkte.

    Als einige Jahre später Hitler es endlich geschafft hat, auf scheinbar legalem Wege an die Macht zu gelangen,  jubelten ihm viele zu, die sich endlich eine klare Linie erhofften. Die meisten dürften geglaubt haben, die ständige Hetzerei gegen die jüdischen Deutschen nähme dann ein Ende, sei gar nicht ernst zu nehmen – auch viel zu viele Juden glaubten das, denn war es nicht mit jedem Jahrzehnt aufwärts gegangen? Und so blieben sie hier, besorgt zwar, aber zuversichtlich. Wie mochte es erst einem Juden im Wien gehen? Sicherlich hat Löhner mit Sorge die Entwicklungen im benachbarten Deutschland betrachtet, aber sich nicht betroffen gefühlt, bis auch in Österreich die Stimmung kippte.

    Zweimal war er verheiratet, einmal geschieden. Aus erster Ehe hatte er einen Sohn, mit seiner zweiten Frau zwei Töchter. Einen Tag nur nach dem Anschluss Österreichs wurde er verhaftet und zunächst nach Dachau transportiert. Ein halbes Jahr später nach Buchenwald, wo er bis 1942 blieb.  Er hoffte auf Fürsprache der Leute, mit denen er gearbeitet hatte, doch nichts geschah. Dann folgte der Transport nach Auschwitz, wo er starb – erschlagen, weil er mit fast sechzig Jahren und ruinierter Gesundheit nicht ausreichend arbeitsfähig war für den Geschmack einiger IG-Farben-Direktoren. Während man den Mann vernichtete, spielte man seine Lieder – natürlich, ohne seinen Namen zu nennen. Ob Donna Clara oder Liebe Hans, der etwas mit einem Knie macht oder eben die Bananen – seine Texte sang fast jeder mit.

    Auch seine Frau und die beiden Töchter überlebten die Naziherrschaft nicht: Noch vor Löhners Tod wurden sie nach Minsk in das Lager Maly Traszjanez verschleppt, wo sie gemeinsam ermordet wurden. Ob Löhner von dem Schicksal seiner Familie erfahren hat? Man möchte hoffen, dass ihm das erspart geblieben ist.

    Wenn Sybil nun also sein fröhliches Lied trällert, dann sind wir ganz in dieser hoffnungsfrohen Zeit, die Freiheiten gewährte, die es seit Jahrhunderten nicht gegeben hat. Doch es weist auch auf die Schrecken, die noch folgen werden.

     

  • Die Zwanzigerjahre,  Lesetipps

    “Bin ich reich genug, eine Dame zu sein?”


    So lautet die Kapitelüberschrift eines Buches aus dem Jahre 1928, erschienen also ein bis zwei Jahre, nachdem Emma nach Bonn zurückkehrte. Paula von Reznicek schrieb es unter dem Titel “Die perfekte Dame” und es beschäftigt sich – mitunter sehr kryptisch und vage – mit allen Themen, die die Neue Frau wohl bewegten: Von Mode bis Sport, von Auto bis Liebesleben – alles wurde auf ein bis zwei Seiten besprochen. Ob es ein hilfreiches Brevier war? Sicherlich nicht mehr und nicht weniger, als es solche Ratgeber heute sind. Was aber damals wie heute gefällt, sind die wunderbaren Skizzen und Zeichnungen in diesem Buch.

    Da aber das Thema “Dame” sicherlich auch in Emmas Leben eine Rolle gespielt haben dürfte und sie dieses Buch in zwei Jahren auch lesen wird, lasse ich Frau Reznicek selbst zu Wort kommen: Gehörte zum Damesein unbedingt Geld? War die Dame eine, die nichts tat, als sich die Nägel zu polieren und Dienstboten zu tyrannisieren?


    Bin ich reich genug, eine Dame zu sein?

    Ein Refrain, der immer wiederkehrt – zu keiner Zeit ausstirbt und zur Schlagermelodie der Frau geworden ist.
    Welch ein Irrsinn! Bin ich reich genug, erotisch, musikalisch oder religiös zu sein? Die Dame hat mit Reichtum erst in zweiter Linie zu tun – und die Allerreichste der Welt kann alles andere eher, als eine Dame sein.
    Geld erleichtert – ist nervenberuhigend, angenehm, aber es entscheidet nicht. Manieren und Geschmack, Intelligenz und Instinkt, Gepflegtheit und Liebenswürdigkeit ersetzen oft materielle Vorteile oder gewinnen leicht solche.
    “Wie pflege ich mich ohne Geld?” fragte neulich eine Schöne – und die prompte Antwort einer noch weniger Begüterten, aber bedeutend reizvolleren jungen Dame: “Versuchen Sie`s mal mit Seife, Kamm und Nagelschere …”
    Eine wirkliche Dame ist nicht arm – eine echte Dame kommt auch mit Wenigem aus, eine große Dame hat immer ihren Kreis, der ihr beisteht, immer ihre Freunde, die ihr helfen.
    Aber eine Talmidame, die nur scheint und nicht ist, die nur imitiert und kopiert, die nur äußerlich und nicht innerlich gedeiht, wird und kann nie reich genug sein, um das zu werden, was sie erhofft und nie erreicht …


    Tja, sind wir jetzt schlauer? Und liegt es nicht nah, auf den Namen der Autorin und die damit sicherlich verbundene gehobene Stellung zu zeigen und sich zu fragen, ob sie überhaupt wusste, wovon sie sprach?

    Paula Stuck von Reznicek, wie sie sich nach ihrer zweiten Heirat nannte, war ein geborenes Fräulein Heimann und die Tochter eines Bankiers, allzu viel Armut dürfte sie nicht gekannt haben, hochadelige Standesdünkel aber ebenso wenig – wichtiger wird es werden, dass zumindest ein Elternteil jüdischer Herkunft ist.
    Interessant ist, dass ihr Buch, das sie gemeinsam mit ihrem ersten Mann, einem Freiherrn von Reznicek, geschrieben hat, heute noch als interessantes Zeitdokument gilt, weil es eines sehr deutlich zeigt: Die Veränderung des weiblichen Selbstbewusstseins – das zeigt auch das oben zitierte Kapitel, in dem sie Frauen das Wissen um ihre Erotik zubilligt (ein Thema, das sich durch das Buch zieht). Auch die Illustrationen zeigen diesen Wandel deutlich.

    Paula selbst übrigens auch, denn sie lässt sich von ihrem ersten Mann scheiden, heiratet ein zweites Mal und auch diese Ehe wird geschieden – wer wen weswegen verlassen hat, habe ich in beiden Fällen nicht herausfinden können. Allerdings darf sich auch die heutige Frau noch wundern: In Paulas Wikipedia-Eintrag wird den Gatten durchaus nicht wenig Raum gegeben. Wir erfahren, dass ihr erster Mann Sportreporter und Präsident des Deutschen Tanzverbandes war (und finden auch heraus, dass er sich allein dadurch wohl noch keinen eigenen Wiki-Artikel verdient hat) und lernen auch über ihren zweiten Mann, den Rennfahrer, so einiges. Sie hingegen wird in Quellen, die von Hans Stuck sprechen, kaum erwähnt – in einer Randnotiz erfährt die Suchende, dass Hitlers Vorliebe für den blonden und hochgewachsenen Herrenfahrer ihr das Leben gerettet haben dürfte.

     

     

    Doch nicht nur die Tatsache, dass sie zweimal verheiratet und zweimal geschieden war, machte eine moderne Frau aus ihr: Sie spielte in der Tennisweltrangliste, errang einige Meistertitel und machte sich dann als Schriftstellerin und  Journalistin (bei Der Dame, einer  Zeitschrift, die einflussreich und prägend wirkte und vor einigen Monaten zumindest einmal neu und hochpreisig neu aufgelegt erschien) einen Namen und zwar einen solch guten, dass sie nach 45 von Erich Kästner nach München geholt wurde. Außerdem muss sie zu irgendeinem Zeitpunkt als Krankenschwester gearbeitet haben – der Verdacht liegt nahe, dass das in einem der beiden Weltkriege gewesen sein dürfte. Liest man mit diesem Wissen über ihr Leben das Kapitel oder gleich das ganze Buch erneut, dann verschiebt sich die Wahrnehmung doch sehr, nicht wahr?


    Die perfekte Dame gibt es übrigens als Nachdruck für einige Cent und allein der Bilder wegen lohnt es sich, wenn man die Zwanziger liebt. Mehr über Paula findet sich bei Wikipedia, viel ist es allerdings nicht. Wer mehr über sie weiß – ich wäre sehr interessiert und freue mich über einen entsprechenden Hinweis.