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    Fräulein Schumacher auf Fotografien

    Erstaunlich, aber wahr: Ich trug Emma ja schon seit langen Jahren in Gedanken und natürlich hatte ich dabei auch eine Vorstellung von ihrem Äußeren. Vage zwar nur, aber doch so, dass ich sie würde erkennen können, stünde sie überraschend vor mir. Und genau das tat sie, nachdem ich damit begonnen hatte, sie aufs Papier zu bannen.

    Nun habe ich immer schon eine Vorliebe für die Ästhetik der Zwanziger- und Dreißigerjahre gehabt; vor über zehn Jahren hatte ich begonnen, Pullover nach Anleitungen dieser Zeit zu stricken, habe mir deshalb auch das Nähen beigebracht für die passenden Röcke und Kleider und …

    Aber ich schweife ab. Wenn ich nach Inspiration für einen neuen Kleiderschnitt suchte, gerieten mir immerzu Hollywoodfotografien berühmter und weniger berühmter Schauspielerinnen in den Weg; doch an Loretta Young kann ich mich nicht wirklich erinnern – ich wüsste spontan keinen Film zu nennen, in dem ich sie gesehen haben könnte. Und auch eine Raquel Torres war und ist mir unbekannt. Lilian Harvey hingegen war mir natürlich ein Begriff: Die drei von der Tankstelle ist auch heute noch sehenswert.

    Wie dem auch sei, keine dieser drei Damen hatte ich vor Augen, als ich mir Emma vorstellte. Doch je nach Fotografie und auch Lebensalter gibt es mit jeder von ihnen erstaunliche Ähnlichkeiten:

     

     

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    Eine sehr junge Loretta Young, die hier genauso unschuldig-neugierig schaut, wie ich es mir bei Emma vorstelle, nachdem sie sich endlich hinauswagt in die Welt.

     

     

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    “Aber mein lieber, guter Herr Wertheim, ich bin vorsichtig, das verspreche ich. Es ist ja alles ganz harmlos, nicht wahr?” Könnte unser Kriminalkommissar da widerstehen?

     

     

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    Ein Beitrag geteilt von Max Elliott (@jadedtom1) am

    Bei wem würde Emma mitten in der Nacht Hilfe suchen, wenn sie völlig konfus ist? Bei Tante Sybil natürlich …

     

     

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    Und von wem würde sie sich solche Roben leihen können? Doch sicherlich auch von Sybil, vor allem dann, wenn sie wieder einmal auf einem derer Tanzfeste als Augenschmaus zu dienen hat.

     

     

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    Und das müssen doch Emma, Gertrud und Gigi sein, oder nicht?

     

     

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    Das Bild müsste wohl von ihrem 21. Geburtstag stammen.

     

     

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    Ein Beitrag geteilt von Thelma Todd (1906-1935) (@missthelmatodd) am

    Und das hier muss geknipst worden sein, als sie eben begann, sich mit Tante Sybil zu verstehen, aber noch bevor sie nach Frankfurt fuhr, um ihren Papa zu suchen.

     

     

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    Ein Beitrag geteilt von Ephemeral Elegance (@ephemeral.elegance) am

    Das hier ist – und ich hätte sie nicht erkannt – Lilian Harvey, die mehr Bein zeigt, als Emma es wagen würde. Außer vor James natürlich. Aber der Blick, das Profil: Das ist Fräulein Schumacher.

     

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    Ein Beitrag geteilt von Alix (@frenchie_alix) am

    Raquel Torres bei der Gesichtspflege könnte ebenso gut Emma sein, nachdem Sybil ihr klargemacht hat, wie wichtig es ist, die Haut täglich zu reinigen und einzucremen.

     

     

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    Ein Beitrag geteilt von Classy Classiques (@amour_des_classiques) am

    Und das hier das Bild, auf dem ich Emma zum ersten Mal sah, nachdem ich mit dem Schreiben angefangen hatte. Zack, Bumm, Peng, da war sie und es ist ja klar bei diesem Blick, dass das Mädel nicht halb so schüchtern würde sein können, wie sie es von sich selbst glaubte. Kein Wunder, dass sie immer wieder in einem Fall hineinstolpert – sie kann da wirklich nichts zu, es passiert einfach so. Und was soll sie da machen?

  • Charaktere bei Fräulein Schumacher

    Sybil Alexandra Mallaby

    Sybil wurde am 22. Dezember 1889 als Tochter Sir Alfreds und Lady Milfords geboren. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Charlotte (Emmas Mutter) bemüht sie sich sehr um die Anerkennung ihrer Eltern. So geht sie auch zwei Ehen ein, die beide unglücklich sind und mit dem Tod der Ehemänner ihr Ende finden. Woran Sybil – daran besteht kein Zweifel! – unschuldig ist: Einmal war es der Große Krieg, der ihr Freiheit verschaffte, das andere Mal war es die Zügellosigkeit Mr. Mallabys, die zu seinem Ableben führte.

    Als zweifache Witwe war auch Sybil endlich so weit, sich von den Anforderungen der Eltern loszumachen; was sicherlich auch deshalb gelingen konnte, weil Sir Alfred ebenfalls das Zeitliche gesegnet hatte. Ausgestattet mit einem beträchtlichen Vermögen, dem auch die schwächelnde Wirtschaft und ihre Neigung zu Luxus und schönen Kleidern nichts anhaben konnten, stürzt Sybil sich ins Londoner Gesellschaftsleben und trotzdem sie keine zwanzig mehr ist, zählt sie unbedingt zu den bright young things, die allseits für Furore sorgen und die Klatschspalten der Gazetten füllen.

    Ein Jahr lang lebt Sybil dennoch mit ihrer Mutter und Emma in London, Edinburgh und Cornwall; es mag gut sein, ihre Freude an oberflächlichen Vergnügungen war schal geworden. Zweifellos eine intelligente, erfahrene und zynische Person war sie nun, die entdeckt hatte, ihr Geld nütze zu mehr als nur als Tauschmittel zu dienen. Ihr Stadthaus gab sie auf, zog sich etwas zurück von all den wilden Parties und unzähligen Liebhabern. Doch noch suchte sie sich, war unglücklich, unzufrieden und egoistisch. Worunter vor allem Emma zu leiden hatte, die sie mit Herablassung und Spott behandelte, wenn sie nicht eine Aufgabe für sie hatte. Was wohl ein Grund war, weshalb Emma sich endlich auf die Hinterbeine stellte, denn sowohl vor dieser Missachtung wie auch vor der beiläufigen Verhätschelung der Großmutter wollte sie entfliehen.

    Nun, das Schicksal war Emma darin wohl gnädig, stellte ihr dazu allerdings ausgerechnet die ungeliebte Tante an die Seite – in deren Begleitung nämlich brach sie nach Bonn auf. Doch Wunder über Wunder: Nun wirklich frei von allen Erwartungen findet Sybil nicht nur wirkliche Liebe, sondern vor allem zu sich selbst. Wer hätte gedacht, eine erfolgreiche Geschäftsfrau stecke in ihr? Sie bleibt in Bonn und wird zu Emmas Ratgeberin in den weltlichen Dingen, die den Horizont ihrer Nichte übersteigen. Noch immer ist ihr Blick auf die Gesellschaft ein scharfer, noch immer ist es der Vorteil, den sie sucht – nicht allein für sich, sondern ebenso für ihren dritten Mann wie auch für Emma und James.

  • Charaktere bei Fräulein Schumacher

    James Stuart Beresford

     

    James kam am 04. Januar 1900 auf als einziges Kind des Verlegers Henry James Beresford und seiner Gemahlin Prudence Maria auf diese Welt. Dass er das einzige Kind bleiben würde, ahnten die Eltern zu diesem Zeitpunkt noch nicht und so waren James’ erste Jahre recht unbeschwert von allzu vielen Erwartungen. Er würde den Verlag erben und (ganz wie der Vater) eine Tochter aus bestem Hause heiraten, dessen war man sich sicher, mehr verlangte man nicht von seiner Zukunft.

    Als jedoch die Brüder und Schwestern ausblieben, stiegen die Ansprüche an den stillen und schüchternen Jungen. Seine Vorliebe für romantische Rittergeschichten, mittelalterliche Architektur und ägyptische Pharaonen sah vor allem der Vater zwar gerne – welcher Verleger wäre nicht glücklich über einen Sohn, der gerne las? – jedoch störte es beide Elternteile, wie wenig Ehrgeiz James in schulischen wie sportlichen Dingen an den Tag legte. Wäre er frech und vorlaut gewesen, damit hätten sie leben können. Aber seine Zurückhaltung allem und jedem gegenüber, sein häufiges Erröten und verlegenes Gestammel, wenn er sich wieder einmal verhaspelte im Angesicht einer jungen Schönheit oder eines strengen Herrn gegenüber, daran verzweifelten die Beresfords bald täglich. Vor allem Prudence Beresford hätte es gerne gesehen, wäre ihr Sohn auf den Nachkriegsbällen zum umschwärmten Liebling der Damen geworden. So wundert es nicht, dass sie immerzu versuchte, ihn für ihre Abendveranstaltungen einzuspannen; irgendwann musste der Knoten doch platzen.

    Auch, was ihre zukünftige Schwiegertochter anbelangte, hatte Mrs. Beresford konkrete Vorstellungen. Vorstellungen, die in jedem Fall die Tochter eines teutonischen Professors ausschlossen. Erst, als Emmas Großmutter Lady Milford auf einem Treffen besteht, gewöhnt sie sich an den Gedanken – für sie allerdings wird Emma immer die ehemalige Miss Milford bleiben, von einem Fräulein Schumacher spricht sie ihren Freundinnen gegenüber nie. Wüsste sie dazu, mit welcher Leichtigkeit ihr Sohn sich von seiner Gemahlin zu allerlei Dummheiten bewegen lässt, es würde wenigstens ein Dutzend grauer Haare bescheren.

    Mr. Beresford senior hingegen schätzt seine Schwiegertochter von dem Moment an, in dem sein Sohn ihm von ihr erzählt. Denn was väterliche Maßnahmen – von übermäßiger Freiheit mit hohem Taschengeld bis hin zum Entzug jeglicher Unterstützung – nicht hatten erreichen können, das schaffte die Liebe zu dieser jungen Frau: James schmiedete Pläne beruflicher Natur, die Durchhaltevermögen, Können und Ehrgeiz verlangten und dazu das väterliche Wissen benötigten. Zwar wollte er nicht heim nach London kommen, aber dafür einen kleinen Fachverlag in Bonn gründen. Das gefiel Mr. Beresford außerordentlich und tatkräftig unterstützte er diesen Plan.

    James, studierter Historiker mit den Schwerpunkten Mittelalter und Ägypten, arbeitet mittlerweile fleißig und bis spät in die Nacht. Was Emma mitunter gar zu sehr entgegenkommt: Immer dann nämlich, wenn sie wieder einmal in eine wilde Mörderjagd hineingerät. Das gefällt James wenig, aber weil er zugleich sehr stolz auf seine Frau ist (die schönste, klügste, liebste und reizendste Person auf Erden sicherlich) und die Arbeit nie ein Ende nimmt, ist er nicht der Richtige, sie von dieser Beschäftigung abzuhalten – allzu oft ist er nicht in der Nähe, wenn Emma aufbricht.

    Gelegentlich eifersüchtig, oft zu schnell beleidigt und auch einmal ärgerlich und bestimmt auftretend, ist er genau der Mann, den Emma brauchte, um zu sich selbst zu finden. Ohne Wenn und Aber steht er hinter ihr, lässt sie ihn doch auch sein, wie er ist.

  • Charaktere bei Fräulein Schumacher

    Emma Charlotte Schumacher

     

    Emma kam am 31. Oktober 1906 auf diese Welt. Diese Welt, das bedeutete für die Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer englischen Adeligen das Bonn der Kaiserzeit, einer recht reichen Stadt mit einer renommierten Universität, vielen Pensionären und viel Natur um sich herum. Keine sich weit ausdehnende Stadt, doch eine, deren Ursprünge zwei Jahrtausende zurückreicht und in der die Streitereien kleiner und großer Herrscher immer rasch Auswirkungen zeigten; egal, ob es sich um Deutsche (oder was man aus der heutigen Sicht als Deutsch empfinden mag) und Franzosen handelte oder um Katholiken und Protestanten. Oft war Bonn gestürmt und besetzt, niedergebrannt und zertrümmert worden, doch noch immer stand es. Und auch seine Bürger standen gut da, wenn man nicht eben das Pech hatte, der Unterschicht mit ihren Tagelöhnern, Dienstmägden und Knechten anzugehören. Ein selbstbewusstes Bürgertum, das weder der höheren Bildung noch dem Handel abgeneigt war, bestimmte die Geschicke der Stadt.

    Und aus solch einer bürgerlichen Familie stammte Emmas Vater her. Man hatte es zu einem gewissen und soliden Wohlstand gebracht; ein Haus in der Arndtstraße 13a bewohnte die Familie, zu der außerdem die Schwester des Professors zählte, deren Unterhalt man sich leisten konnte.

    Emmas Mutter hingegen, deutlich jünger als ihr Gatte, kam aus dem englischen Landadel; auf einer ihrer Reisen, die sie gegen den Willen ihres Vaters unternahm, lernte sie den Professor kennen und blieb in Bonn, um nach einigen kinderlosen Jahren Emmas Mutter zu werden.

    Emma wuchs heran, glücklich, zufrieden, geliebt. Der Erste Weltkrieg brach aus; auch in Bonn war er gegenwärtig. Oft gab es Luftalarm, doch nie, nicht einmal, fielen Bomben, nur selten war Feindflieger zu sehen. Die Versorgung der Bürger mit Nahrungsmitteln war schlecht und zu allem Überfluß brach die Spanische Grippe aus, die viele Opfer forderte. Auch Emma steckte sich an und wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod. Endlich, kurz vor ihrem 12. Geburtstag, erholte sie sich langsam. Ihre Mutter suchte an Schmuck zusammen, was sie finden konnte, und machte sich am 31. Oktober 1918 auf den Weg in die nahe Innenstadt, wo sie Zutaten für Emmas „Geburtstags- und Genesungskuchen“ eintauschen wollte. Sie bekam alles, was sie benötigte, und freute sich, ihrer Tochter einen herrlichen Tag zu bereiten.

    Wieder einmal ertönte der Fliegeralarm, als sie eben den Friedensplatz überquerte; keiner der Passanten schaute auch nur in den Himmel – längst hatten sich die Bonner daran gewöhnt, den Alarm zu ignorieren. Doch an diesem Tag verirrten sich einige englische Flieger und warfen die ersten und einzigen Bomben auf Bonn. Einunddreißig Menschen starben und Emmas Geburtstag ist ab nun auch der Todestag ihrer Mutter.

    Nach Kriegsende gab der Professor die Tochter zu seiner Schwiegermutter nach England; so sehr hatte diese darum gebeten und ihm dargelegt, wie ungeeignet ein alter Mann für die Erziehung einer jungen Dame sei. So wuchs Emma in London und Edinburgh heran, wo ihre Großmutter ein Haus besaß, das ihr Bruder ihr überlassen hatte. Und sehr beschützt lebte unsere Heldin, die Freiheiten der Zwanziger erfuhr sie nur durch Zeitschriften und Bücher.

    Emma war eine zierlich-schmale Person mit langen, dunkelroten Locken, sicherlich nicht hässlich und vielleicht sogar hübscher, als sie selbst es erkennen konnte – ganz so, wie es wohl den meisten jungen Mädchen ergeht. Still, schüchtern und zurückhaltend war sie und es ist nicht klar, ob sie so ruhig war, weil sie überall ein wenig fremd war, oder ob sie sich überall fremd fühlte, weil sie eine in sich gekehrte Persönlichkeit besaß. Doch ihre mitunter linkische Schüchternheit sollte nicht täuschen: Ihre Gedanken waren alles andere als unkritisch, mitunter fällte sie rasche Urteile zu Ungunsten ihrer Mitmenschen. Wessen sie sich oft genug schämte. Was wiederum oft zu fleckig-roten Wangen führte – ihr ständiges Erröten quält Emma. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb sie meist zu Boden schaut, anstatt aufrecht ihre Meinung zu äußern. Nicht, dass sie zu Widerspruch und Störrischkeit erzogen worden wäre; eine Dame bemüht sich stets, ihre Gedanken zu verbergen und ihre Gefühle ebenso.

    Aber der Wunsch nach Veränderung und Unabhängigkeit wird stärker und als sie befürchtet, etwas sei mit dem geliebten Papa geschehen, da endlich bricht sie auf …